Corona und Reisen

Kaum Buchungen in den Herbstferien: Reisebüros kämpfen um ihre Existenz

Reisebüro Kataloge Horst Brinkmann
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Reisen nach Griechenland sind noch möglich, so Horst Brinkmann. Der Bergkamener hat 65 Prozent weniger Umsatz in seinem Reisebüro in diesem Jahr.

Die Schulferien beginnen – normalerweise für viele Familien der Startschuss für den Herbsturlaub im In- und Ausland. In diesem Corona-Jahr ist alles anders. Flugreisen nach Mallorca oder in die Türkei werden bis auf wenige Ausnahmen nicht gebucht, denn sie stehen auf der immer länger werdenden Liste der Risikogebiete. Weil kaum noch Reisen gebucht werden, kämpfen die Reisebüros kämpfen um ihre Existenz.

Bergkamen –Viele Bergkamener beschränken sich jetzt auf Kurztrips innerhalb von Deutschland oder Tagesausflüge, die sie individuell organisieren. Die Reisebüros sind da raus. Für sie sieht es teilweise dramatisch aus.

„Die Umsätze im Reisebüro sind um 65 Prozent zurück gegangen“, zieht Horst Brinkmann Bilanz, der mit seiner Frau Jutta an der Jahnstraße in Oberaden ein Reisebüro betreibt neben einem Lotto-, Tabak- und Zeitschriftenladen sowie eine Postagentur. „Nur die Tatsache, dass wir ein zweites Standbein haben mit unserem Mischbetrieb, hält uns am Leben.“ Die Umsatzeinbrüche wären sonst nicht zu verkraften, sagt er ganz klar. Denn Kosten und Personalkosten laufen weiter.

„Ein großer Teil unserer Arbeit in den vergangenen sechs Monaten waren Rückabwicklungen von Buchungen wegen Stornierungen, Reiseabsagen von den Veranstaltern oder Umbuchungen. Damit haben wir jedoch null Umsätze gemacht.“ Im Gegenteil. „Wenn der Reiseveranstalter die Reise absagt, sehen wir keinen Pfennig, haben aber dennoch die Arbeit. Die Provision, die wir aus dem Verkauf einer Reise erhalten, muss wieder zurückerstattet werden“, erläutert der Reisekaufmann das Prozedere. Storniert der Kunde von sich aus, erhält das Reisebüro immerhin seine Provision aus den Stornokosten, die der Kunde trägt.

80 Prozent der Kunden wollen ihr Geld zurück

80 Prozent der Kunden wollen ihr Geld zurück, wenn eine Reise nicht stattfindet, so Brinkmann. „15 Prozent buchen um auf einen späteren Zeitpunkt, nur ganz wenige Kunden akzeptieren einen Gutschein des Veranstalters, obwohl der in der Regel einen fünf bis zehn Prozent höheren Betrag als Lockmittel gutschreibt. Aber viele Berufstätige wissen ja gar nicht, wann sie im nächsten Jahr Urlaub nehmen können, und wie die Corona-Lage dann ist.“ Derzeit kämen in seinem Reisebüro nur wenige Buchungen zustande. „Das Reisejahr ist für uns im Prinzip im März gelaufen, dann sind die meisten Buchungen für das Jahr eingegangen.“

Dennoch haben einige Bergkamener zum Herbst noch Reisen gebucht. „Im Trend liegen deutsche Urlaubsregionen wie Nord- und Ostsee sowie Bayern. Auch Städtetouren und Busreisen gehen noch“, sagt Horst Brinkmann. Vereinzelt seien auch Flusskreuzfahrten möglich. Erstaunlich ist: Einige wenige Kunden haben für Oktober auch Flugreisen gebucht. Griechenland sei im Moment angesagt, so Brinkmann, weil es eines der wenigen Länder in Europa sei, das noch nicht zum Risikogebiet erklärt wurde. Selbst Reisen auf die Balearen und in die Türkei würden gebucht, obwohl sie Risikogebiete sind. „Offensichtlich nehmen die Kunden in Kauf, dass sie nach Rückkehr aus dem Urlaub in Quarantäne müssen.“

Empfehlungen sind kaum möglich

Eine Empfehlung, wo man derzeit noch Urlaub machen kann, möchte Horst Brinkmann nicht abgeben. „Das ändert sich täglich, und es gibt keine allgemeinen Reisewarnungen. Insofern ist es schwierig eine Vorhersage zu geben, ob die Reise dann wirklich so stattfindet. Erst sind alle nach Holland gefahren, jetzt ist das Land Risikogebiet bis auf die Provinz Seeland. Wir hatten eine Busreise organisiert mit einem Hotel, das letztlich die Hygienevorschriften nicht vollständig umsetzen konnte. Am Ende musste die Reise abgesagt werden“, nennt er Beispiele.

„Und wir hatten eine Radtour auf der Oder-Neiße-Route für zwei Paare aus Kamen und Gütersloh zusammengestellt mit Hotel- und Restaurantbuchungen. Als bei Tönnies die Infektionszahlen durch die Decke gingen und Gütersloh zum Hotspot wurde, wurde die Beherbergung des Paares aus Gütersloh abgelehnt. Sie konnten die Reise nicht antreten.“

Stichwort Beherbergungsverbot: Wer aus einem Risikogebiet kommt, der kann auch im eigenen Land nicht frei reisen. Da sich die Verhältnisse mittlerweile ganz schnell ändern könnten, führe das dazu, dass immer kurzfristiger gebucht würde. „Man kann nichts wirklich planen, wir arbeiten von einem Tag zum anderen.“

In diesem Monat erscheinen bereits die Kataloge der Reiseveranstalter für die Sommersaison 2021. Ob das die Bergkamener allerdings zu frühzeitigen Buchungen lockt, in der Hoffnung, im kommenden Jahr werde alles besser, ist aber fraglich.

„Anderen Reisebüros geht es noch schlechter als uns“, zieht Horst Brinkmann sein Resümee. „Die haben ihren Laden schon geschlossen.“

Zweites Standbein hält Unternehmen über Wasser

Auch Bärbel Warias vom Reisedienst Warias in Weddinghofen ist froh, dass sie in diesen schwierigen Zeiten ein zweites Standbein hat. Neben dem Reisebüro betreibt die Firma an der Erich-Ollenhauer-Straße ein Busreiseunternehmen. Das halte sie jetzt über Wasser. „Das Reisebüro ist tot“, sagt sie, „wir haben null Umsatz.“ Deshalb hofft sie, dass die bereits für März geplante und auf Oktober verschobene Busreise zu einem Kururlaub in Polen am Samstag stattfinden kann. „Von ursprünglich 35 Teilnehmern sind ohnehin nur noch 18 dabei.“ Klassenfahrten, die sie sonst für die Schulen der Umgebung durchführen, seien wegen Corona alle abgesagt. Zwischenzeitlich blieben nur Schulfahrten. Dennoch legt das Busreiseunternehmen im November für 2021 einen Katalog auf mit Angeboten für Ziele in Deutschland, Polen, Russland und das Baltikum.

Für die Herbstferien habe sie keine Buchungen für Familienreisen. „Wir hatten Buchungen für Flugreisen nach Tunesien und Spanien, aber das wurde alles gecancelt.“, sagt Bärbel Warias. Die meisten Bergkamener Familien blieben in den Ferien wegen der steigenden Infektionszahlen im Land, beobachtet sie. „Das läuft oft auf Kurzreisen oder Tagesausflüge in der Region hinaus, zum Beispiel den Besuch eines Freizeitparks. Das organisieren die Leute aber selbst, da sind wir als Reisebüro außen vor.“

Wie lange sie durchhalten, sei ungewiss. „Wir sind dennoch optimistisch und hoffen, dass die Situation bald besser wird.“

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