Das Virus raubt die tröstende Schulter

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Bergkamen – Die herzliche Umarmung? Fällt aus. Den Hinterbliebenen Trost spenden? Lediglich auf 1,5 Meter Entfernung. Die Beisetzung? Nur im begrenzten Personenkreis. Auch im Tod, also dort, wo Nähe besonders wichtig ist, bestimmen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus das Leben. Manch einer befürchtet sogar eine dauerhafte Veränderung der Trauerkultur.

Denn für Klaus Schäfer, Geschäftsführer des Bestattungsunternehmens Schäfer-Kretschmer & Hünerbein, die Fillialen in Bergkamen, Rünthe und Kamen betreibt, ist die Trauerfeier mit dem Abschied am Sarg längst nicht beendet. Und da gehöre zum Beispiel auch das Kaffeetrinken im Nachgang mit der Familie sowie den Freunden und Bekannten des Toten mit dazu. „Man feiert nicht die Trauer, sondern das Leben“, sagt Schäfer.

Mundschutz und Würdevoll: Das ist schwierig

Der letzte Abschied soll in Würde vonstattengehen, doch genau das machen die Corona-Maßnahmen gerade schwierig. Die Regeln sind streng. Der Mindestabstand zwischen den Trauernden beträgt 1,50 Meter. Es darf nicht gesungen werden. In Bergkamen muss der Mundschutz zudem auch bei der Besetzung aufgelassen werden, was in anderen Orten wie zum Beispiel in Bönen nicht nötig ist. Die Anweisungen unterscheiden sich von Gemeinde zu Gemeinde.

„Wir sind noch weit weg von der Normalität“, sagt der Bergkamener Bestatter Klaus Schäfer.

Weit weg von Normalität

Die Regeln sind wie in anderen Gesellschaftsfeldern mit den jüngsten Lockerungen aufgeweicht worden. „Davor war es sehr eingeschränkt, aber auch jetzt sind wir noch weit weg von der Normalität“, sagt Schäfer. Seitdem dürfen Trauerhallen und Kirchen wieder genutzt werden. Die Menge an Personen, die an einer Trauerfeier teilnehmen dürfen, hängt wiederum von der Größe des Raumes ab. Schäfer verweist auf das Gebäude am Parkfriedhof, wo selbst mit den Abstandsregelungen noch 40 Menschen zusammenkommen können (vorher waren es etwa 150). In Overberge liegt die Zahl bei sechs bis acht. Da stoßen selbst kleine Familien an Grenzen – und wer will die Entscheidung, wer bei der Beerdigung eines geliebten Familienmitglieds, eines guten Freundes oder des langjährigen Bürokollegen nicht dabei sein kann.

"Nur noch Sargverkäufer"

Auch die Arbeit von Schäfer hat sich verändert. „Wir sind keine Bestatter mehr, sondern nur noch Sargverkäufer“, findet er. Vorübergehend waren die Filialen nicht besetzt, die Absprachen mit den Hinterbliebenen fanden telefonisch statt. Das Individuelle einer Beerdigung sei nicht mehr möglich. Laut Schäfer werde auf Dekoration und Blumenbouquets weniger. Themenbestattungen wie für Bergmänner seien nur schwer realisierbar.

Zum Corona-Toten wie im Katastrophenfilm

Die Bestatter wurden nicht zum systemrelevanten Beruf erklärt. „Das ist ein großes Problem“, sagt Schäfer. Eine Bevorzugung bei der Organisation von Hygienemitteln und Schutzkleidung gebe es nicht. „Zum Glück haben wir uns Anfang des Jahres damit eingedeckt“, sagt er. Spezielle Materialien hat sein Berufsstand für schlimme Todesfälle stets benötigt. Vier Corona-Tote musste das Rünther Unternehmen schon abholen. Dazu kommen einige Fälle mit Lungenentzündungen, jedoch ohne Positivbefund. Zum Schutz vor Ansteckung rücken die Verantwortlichen dann wie im Katastrophenfilm in Komplettmontur mit Einmalanzug und -schürze, Augen- und Mundschutz sowie Gesichtsmaske und Schuhüberzug an. „Wenn wir so in ein Pflegeheim kommen, ist das schon sehr surreal“, sagt Schäfer.

Trauer verändert sich

Grundsätzlich hat er auch eine Veränderung der Trauer in den vergangenen Wochen bemerkt. „Die Leute sind weniger bei sich. Die ganzen Gefühle, die ausgedrückt werden, sind weniger“, sagt er zu den Auswirkungen der Schutzmaßnahmen. „Wichtig wäre, dass wieder mehr Leute bei Trauerfeiern teilnehmen dürfen. Der direkte Kontakt ist kurz gehalten. Das muss sich ändern“, fordert er und denkt dabei an die Bedeutung einer zeitnahen Beerdigung bei der Trauerbewältigung. Dass einige seiner Kunden, eine Einäscherung wünschen würden, um die Beisetzung hinauszuschieben, hält er deshalb für keine gute Entwicklung.

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