Starker Rückgang bei Wohnungsräumungen in 2020

Corona-Effekt auch bei Räumungsklagen - und bei Hilfen für Betroffene

Ein Obdachloser frühstückt in einer Wohnungsloseneinrichtung in Dortmund.
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Für Menschen, denen Obdachlosigkeit droht, hält die Stadt Unterkünfte bereit. Im vergangenen Jahr hat es dort mehr Unterbringungen gegeben, obwohl die Zahl der Räumungsklagen zurückging.

Ein Gespräch kann oft helfen. Das stellen die Caritas Kreis Unna und die Stadt Bergkamen immer wieder fest. Auch durch Kommunikation können viele Wohnungsräumungen vermieden werden, bei denen der Vermieter bereits eine Räumungsklage auf den Weg gebracht hatte. Nicht immer lässt sich aber ein Rauswurf verhindern. „Manchmal kann ein Gespräch Wunder wirken. In der Regel haben Mieter und Vermieter gar keinen Kontakt mehr“, sagt Jan Wandschneider, Sprecher der Caritas. Gemeinsam mit den Mitarbeitern der Stadt, Streetworkern und anderen engagierten Menschen versucht der kirchliche Wohlfahrtsverband zu vermitteln.

Bergkamen – 134 Räumungsklagen hat das Amtsgericht Kamen 2020 erhalten. Das sind deutlich weniger als in den vergangenen beiden Jahren (siehe Kasten). Die Stadt begründet das in ihrer Vorlage für den Ausschuss Arbeit und Soziales am Dienstag damit, dass „einzelne Vermieter und Vermietungsgesellschaften während der Corona-Pandemie auf Kündigungen und Räumungen verzichtet haben“. Laut Sozialdezernentin Christine Busch hat sich das auch in den Gesprächen gezeigt, die nach einer Räumungsklage mit Vermietern geführt wurden.

54 Räumungen konnten im Jahr 2020 durch den Einsatz vermieden werden, 32 wurden trotz allem durchgeführt. 2019 waren es noch 103. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Mal ist die Wohnung bereits wieder vergeben, mal ist das Verhältnis zwischen beiden Parteien einfach nicht mehr zu kitten. „Manchmal beendet man besser einen schwierigen Zustand. Das kann auch die Chance für etwas Neues sein“, sagt Busch.

Je frühzeitige geholfen wird, desto besser

Die Zahl der in Anspruch genommenen persönlichen Beratungen ist ebenfalls gesunken – im Vergleich zum Vorjahr fast um die Hälfte. Das liegt natürlich zum einen an den weniger gewordenen Klagen, allerdings auch an der Coronalage. Die Beratungsstellen hatten zwischenzeitlich geschlossen oder sind nur noch telefonisch erreichbar.

20162017201820192020
Räumungsklagen 114177249294134
Vermiedene Räumungen587311114072
Durchgeführte Räumungen278608254
Unterbringungen in Städt. Unterkünften*62112217

* 2018 hat sich die Zahl durch die Unterbringung einer achtköpfigen Familie erhöht. 2019 wurde ein Teil der Bewohner der unbewohnbar gewordenen Häuser Töddinghauser Straße städtisch untergebracht. 2020 wären neun Menschen ohne Corona durch die Wohnungslosenhilfe der Caritas Kreis Unna versorgt worden.

Schön wäre es aus Sicht von Stadt und Caritas, früher Kontakt zu den Menschen zu bekommen, erklären Busch und Wandschneider. Doch meist erfahren die betreffenden Stellen erst durch die Mitteilung des Amtsgerichts von der Räumungsklage. „Wir sind darauf angewiesen, dass potenzielle Klienten zu uns kommen“, sagt Wandschneider. Vorher sei es eher Zufällen geschuldet, wenn die Menschen zum Beispiel auf andere Art mit dem Sozialamt zu tun haben, erklärt Christine Busch. Dabei kann auf vielen Wegen geholfen werden. Je frühzeitiger, desto besser.

So kennt beispielsweise nicht jeder seine Ansprüche auf Unterstützung wie das Wohngeld. Vielfach ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, wenn Wohlfahrtsverband und Stadt aktiv werden. „Oft gibt es aber doch noch die Möglichkeit zu helfen“, sagt Busch.

Die Vermieter sind an Perspektiven interessiert

Vorrangiges Ziel der Beratungen: „Die alte Wohnung zu retten“, so Wandschneider. Den Vermietern gehe es dabei vor allem um eine Perspektive, dass sie ihr ausstehendes Geld sehen, die Miete wieder regelmäßig komme oder in schlimmeren Fällen Beschädigungen repariert werden beziehungsweise eine Lösung für die Kostenübernahme gefunden werde, erklärt der Caritassprecher.

Ist die alte Wohnung kein Thema mehr, sei es häufig ein Problem, taugliche Nachfolgelösungen zu finden, erläutert Wandschneider. Obdachlose sind meist Singles und diese Wohnungen seien vergleichsweise teuer. Das Wohngeld decke das nicht immer ab. Corona hat die Lage noch erschwert, weil Besichtigungen zum Kennenlernen wegen der Kontaktbeschränkungen eingeschränkt sind, wie der Caritassprecher festgestellt hat. „Umso bemerkenswerter ist es, dass dies teilweise auch während der Lockdown-Phasen erfolgreich war“, heißt es von der Stadt.

Die Kontrolle über den Alltag zurückgewinnen

Die Pandemie hat sich auch als Hemmschuh erwiesen, wenn eine Wohnung nicht rechtzeitig gefunden wird. Oft kämen die Betroffenen dann für einige Zeit bei Freunden und Bekannten unter. Doch Wandschneider erläutert, dass dies im Lockdown weniger geworden sei. Die Leute seien schon viel zuhause und wollten dann nicht noch eine Person mehr bei sich.

Eine weitere Lösung ist die Weitervermittlung in das Betreute Wohnen. Denn häufig, so sagt es Wandschneider, sind „schlimme seelische Zustände“ der Grund, dass jemand die Kontrolle über den Alltag verliert, Rechnungen nicht mehr bezahlt und die Post nicht öffnet. Diese Personen lernen dann wieder, alleine zu leben. „Und das klappt oft“, sagt Wandschneider. Der letzte Weg zur Vermeidung von Obdachlosigkeit der betroffenen Menschen ist dann eine Einweisung in eine Unterkunft.

17 Fälle waren es bei der Stadt in 2020. Das sind deutlich mehr als in den Vorjahren, in der Ausschussvorlage ist von bereinigten Zahlen von zwei bis sechs Fällen die Rede. 2018 und 2019 hat es außerordentliche Vorfälle gegeben, die die Zahlen erhöht haben (siehe Kasten). Bei neun der 17 Unterbringungen in städtischen Unterbringungen wäre sonst die Wohnungslosenhilfe der Caritas eingesprungen, erläutert die Stadt. Doch durch Corona seien deren Kapazitäten erschöpft.

Tagesstätte läuft wegen Corona eingeschränkt

Auch die Tagesstätte selbst, in denen sich Obdachlose zum Beispiel waschen können, mussten ihr Angebot wegen der Schutzmaßnahmen zurückfahren, konnte weniger Leute aufnehmen. „Wir haben aber alles aufgelassen“, sagt der Caritassprecher auch mit Blick auf die vergangenen Tage mit Schnee und Kälte. Eine größere Nachfrage habe es aber „erstaunlicherweise nicht“ gegeben. Bis vor zwei Jahren hat es im Kreis ein durch die EU gefördertes Programm namens „Lotse“ gegeben. Caritas und Streetworker erhielten dadurch die Möglichkeit, Menschen, die in Probleme geraten sind, früher aufzusuchen. „Das sind Dinge, die wären hilfreich“, hofft Wandschneider, dass wieder Mittel für ein derartiges Projekt zur Verfügung gestellt werden.

Der Ausschuss für Arbeit und Soziales tagt am Dienstag um 17 Uhr in der Römerberg-Sporthalle.

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