Cannabis als Medizin gegen Schmerzen angebaut

BERGKAMEN - Als seine Krankenkasse die Bezahlung der aus der Cannabispflanze gewonnenen Substanz Dronabinol im vergangenen Jahr einstellte, beschloss ein schwer erkrankter Bergkamener, sich mit dem Anbau von Betäubungsmitteln selbst zu helfen. Polizisten überraschten den heute 45-Jährigen im Oktober 2013 in seiner Wohnung und stellten 40 Cannabispflanzen inklusive sämtlicher Anbau-Utensilien sicher. Das Vergehen war gestern Gegenstand einer Hauptverhandlung am Amtsgericht Kamen – und kann nach dem Willen der Staatsanwaltschaft noch nicht zu den Akten gelegt werden.

Er ist Schmerzpatient, leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs, Diabetes, Bandscheiben- und Knieproblemen: „Wenn die Krankenkasse nicht für meine notwendige medizinische Versorgung da ist, mache ich das selber“, begründete der Bergkamener, im Besitz einer offiziellen Erlaubnis zur Teilnahme am Betäubungsmittelverkehr, vor Gericht den Entschluss zur illegalen Selbsthilfe. Laut seiner Aussage hatte die Krankenkasse nach einer Wirtschaftlichkeitsprüfung eine Kostenübernahme für die schmerzlindernde Substanz gestrichen – nach knapp zweijähriger Laufzeit.

Acht Wochen habe er bis zum Auffinden der Pflanzen angebaut, die Anleitung dazu im Internet studiert. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Michael von Glahn aus Hamm, verdeutlichte diesen Schritt als reinen Notfall – gestützt von diversen ärztlichen Stellungnahmen. Vor der erstmaligen Einnahme von Dronabinol hatte ein Medikament gewirkt, das der Angeklagte aus Angst vor einer wiederkehrenden Abhängigkeit schließlich abgelehnt hatte („Das möchte ich nie wieder mitmachen“).

„Ihre Situation ist nachvollziehbar – da ist ein Gesundheitssystem, das plötzlich nicht mehr die Kosten tragen will“, betonte der Richter mehrfach sein Verständnis für den Angeklagten. Der hatte seine Krankengeschichte lediglich angerissen und auf Nachfrage des Vertreters der Staatsanwaltschaft auch die Auseinandersetzungen mit seiner Krankenkasse geschildert. Die monatlichen Kosten für Dronabinol – geschätzt 300 Euro – kann er sich nicht leisten.

Als Lösung regte der Richter vor dem Hintergrund der Geringfügigkeit eine Einstellung des Verfahrens an, mit der sich die Verteidigung einverstanden erklärte. „Es könnte sich um einen rechtfertigenden Notstand handeln“, kommentierte der Richter einen möglichen weiteren Verlauf, bei dem auch geklärt werden müsse, ob Dronabinol tatsächlich der einzig helfende Wirkstoff sei und ob der Anbau mit Blick auf die spätere Ernte im Rahmen des Eigenbedarfs blieb. Hierzu müssten Experten als Zeugen geladen werden.

Die Staatsanwaltschaft, im übrigen vertreten durch einen Referendar, lehnte die vom Gericht favorisierte Einstellung ab, schließlich handele es sich um eine beträchtliche Pflanzenmenge. Beschäftigen werden sich die Beteiligten mit einer Fortsetzung voraussichtlich erst im kommenden Jahr – falls nicht, so der Richter, zwischenzeitlich ein Gesinnungswandel bei der Staatsanwaltschaft eintritt. - cs

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