Nach 20 Jahren Stillstand

Blühende Fantasie für Rünther Marktplatz: Anlieger wollen Wiese für Insekten schaffen

Mannshohes Gras wuchert gegenüber der piekfeinen Gärten von Jürgen Grahl (l.) und Willi Plazar. Wenn das demnächst wieder mit dem Traktor niedergesenst wird, so ihr Vorschlag, könnte der Boden bearbeitet werden, damit sie Wildblumen einsäen können.
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Mannshohes Gras wuchert gegenüber der piekfeinen Gärten von Jürgen Grahl (l.) und Willi Plazar. Wenn das demnächst wieder mit dem Traktor niedergesenst wird, so ihr Vorschlag, könnte der Boden bearbeitet werden, damit sie Wildblumen einsäen können.

Seit Jahren 20 dümpelt der Marktplatz in Bergkamen-Rünthe vor sich hin. Nun wollen zwei Anwohner zumindest aus einer Teilfläche eine Blühwiese machen mit reichlich Nahrung für Insekten. Die Eigentümerin des Areals jedoch, die Vivawest Wohnen GmbH, hat etwas dagegen.

Rünthe – „Schandfleck.“ Das hört Jürgen Grahl gar nicht gern, wenn jemand über den Rünther Marktplatz spricht. Klar, eine Augenweide ist weder die triste Asphaltfläche mit den Altglascontainern und abgestellten Anhängern noch der Wildwuchs, der dort sprießt, wo im Vorgriff auf die nach wie vor unrealisierte Bebauung schon mal die Axt an teils stattliche Bäume gelegt und das Kleinholz liegengelassen wurde.

Aber „Schandfleck“, wie der „Aktionskreis Wohnen und Leben“ schimpft, das geht Anlieger Grahl dann doch über eine Grenze: die zu seinem Haus und Garten. Eben dorthin am nördlichen Rand, wo der Fußpatt zum Spielplatz verläuft und der 65-Jährige mit seinem Nachbarn Willi Plazar ein kleines Idyll geschaffen hat. Die Bergbaurentner bieten sich nun an, auch die gegenüberliegende Brache aufblühen zu lassen. Aber ihre Chancen stehen schlecht.

„Ich könnt’ im Lotto gewinnen. Wegziehen würd’ ich hier nicht“

„Den Streifen hier habe ich mit dem Spaten umgegraben, Wildblumensamen besorgt und Erde darüber gestreut, berichtet der Anlieger in einer Häuserzeile mit geschichtlichem Wert. Die vier Reihenhäuser wurden 1983 mit viel Tamtam und persönlichen Glückwünschen durch den NRW-Bauminister Christoph Zöpel bezogen, als Teil eines Pilotprojektes, das Bergleuten mit Krediten und Muskelhypothek zum Eigenheim verhelfen sollte.

Heute würden die Nachbarn ihr Zuhause für nichts in der Welt hergeben. „Ich könnt’ im Lotto gewinnen. Wegziehen würd’ ich hier nicht“, betont Jürgen Grahl. Klar, dass er von Schandfleck nichts hören will.

Sie sammeln schon Geld in der Nachbarschaft

Noch schöner wäre es in dem Idyll mit offenen Gärten, Pool und schmucken Sitzplätzen der beiden, wenn die Wiese gegenüber nicht nur aufschießendes Gras, sondern eine insektenfreundliche Blütenvielfalt zu bieten hätte, wie der bunte und vielfach fotografierte Saum vor dem Gartenzaun.

Grahl und Plazar haben da mal einen Vorschlag an die Vivawest als Eigentümerin der Fläche, auf der es seit 20 Jahren nichts wird mit dem geplanten Wohnungsbau, weil im Boden die alte Rünther Müllkippe mit reichlich Gift darin schlummert: „Einmal im Jahr wird die Wiese von einem Unternehmer gemäht. Wenn stattdessen der Boden einmal mit dem Trecker durchgefräst würde, würden wir anschließend für die Einsaat sorgen. Das Geld dafür sammeln wir in der Nachbarschaft.“

Vivawest: Aufwand wäre beträchtlich

Das klingt gut, überzeugt das Wohnungsunternehmen aber nicht: „Wir haben Verständnis für die Initiative der Anlieger des Marktplatzes in Bergkamen-Rünthe. Die ökologische Aufwertung unserer Quartiere liegt uns ebenfalls am Herzen. Aus diesem Grund erproben wir derzeit in unseren Beständen unterschiedliche Maßnahmen und haben einige bereits in der Umsetzung“, antwortete die Pressestelle auf Anfrage der Redaktion.

Und: „Der Aufwand, die in Rede stehende Brachfläche für eine Bepflanzung vorzubereiten, ist jedoch beträchtlich. Zudem kann vor dem Hintergrund der laufenden Verkaufsgespräche im Interesse des Investors der Zustand der Fläche nicht verändert werden“, bat der Sprecher um Verständnis. „Das Anliegen der Anwohner können wir deshalb nicht unterstützen.“

Wie berichtet, hat Bürgermeister Bernd Schäfer neulich auf die Beschwerde des „Aktionskreises Wohnen und Leben“ zum Stillstand auf dem ... – ach, lassen wir das böse Wort – mitgeteilt, dass neue Hoffnung in Gestalt eines neuen Investors bestehe. Dass es den gibt, woran nach den langjährigen Erfahrungen mindestens die Freunde Jürgen und Willi so ihre Zweifel haben, ist in diesem Zusammenhang zumindest mal bestätigt.

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