Blinder Beatboxer erzeugt mit Mund und Nase den Rhythmus

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Nils Michalski.

Bergkamen - Nils Michalski hat ein ganz besonderes Talent: Mit Mund und Lippen kann er nicht nur Geräusche imitieren, er hat auch ein unglaubliches Rhythmus-Gefühl. Bei mehreren Bands und Musikgruppen ist der 25-jährige Bergkamener daher ein gern gesehenes Mitglied, übernimmt er doch nur zu gerne die Rolle des Schlagzeugers. Als sogenannter Beatboxer. Wer die Augen schließt, glaubt, verschiedene Trommeln, Becken und kleinere Perkussion-Instrumente zu hören. Ob Hip Hop- oder Techno-Klänge oder auch nur der vermeintliche Wassertropfen: All diese Geräusche erzeugt Nils Michalski nur mit Hilfe von Mund, Rachen und Nase.

Mal schnalzt er dazu mit der Zunge, mal saugt er die Wangen nach innen und klopft von außen mit der Hand darauf, mal zieht er die Lippen stramm und presst wie beim Pfeifen Luft hindurch. Beatboxing nennt sich dieses Können, das Nils Michalski im Alleingang erlernte. „Die Wise Guys haben mich inspiriert“, sagt der 25-Jährige. „A Capella-Musik hat mich seit jeher fasziniert und dieses rudimentäre Schlagzeug, das fand ich cool“, sagt er. Den Bergkamener stellte diese Art von Musik nämlich vor eine besondere Herausforderung: Er ist blind und muss sich daher oft auf sein Gehör verlassen. Und wenn ihn Imitationen in die Irre führen, ist er fasziniert. 

Gutes Gehör und Taktgefühl 

„Ich war ein Frühchen“, erklärt Nils, dass er an einer Netzhautdegeneration litt. Nach und nach erblindete er. 2013 wurde schließlich sein linkes Auge entfernt, Anfang diesen Jahres das rechte. „Ich habe nur Glasaugen und sehe daher gar nichts mehr“, sagt Nils, hadert aber nicht mit seinem Schicksal. „Blind zu sein ist noch eine der angenehmsten Behinderungen. Das ist besser als nicht laufen zu können, da gibt es wesentlich mehr Barrieren, und einem Blinden wird auch eher geholfen als einem Rollstuhlfahrer“, sagt er.

Und weil er als Kind sehen konnte, hat er eine Vorstellung von Farben und auch ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen. In der Klangwelt hilft ihm sein gutes Gehör und Taktgefühl – doch an der Musik-Theorie scheitert er zwangsläufig. Noten, die auch den Rhythmus skizzieren, sieht er nicht. Gerade beim Beatboxing, wo man den Könnern im wahrsten Sinne des Wortes viel abgucken muss, hat es Nils als Blinder besonders schwer. Doch das hielt ihn nicht ab. „Es gibt auch Bücher mit DVDs“, sagt er. 

Feuer und Flamme für das Hobby 

Und: „Ich habe das Internet genutzt“, erzählt Nils. Er hörte die Wise Guys und imitierte, was er hörte. „Ich wollte das nachmachen und dadurch lernen.“ Seit sieben Jahren ist er nun Feuer und Flamme für sein Hobby. „Immer nur das gleiche zu machen, das reizt mich nicht, ich will weiter lernen.“ Da helfe You-Tube ungemein. Der Video-Kanal im Internet hat zahlreiche Beispiele parat, wie Geräusche erzeugt werden können. Hier könnte Nils Stunden verbringen, gibt er zu. „Das ist eine Community für sich“, sagt er über die Leute, die er so kennenlernte. Es gäbe auch Workshops, aber hier spürt Nils seine Behinderung dann doch. „Ich fahre Zug, aber das ist doch immer eine riesige logistische Aufgabe. Das fällt mir nicht leicht.“ 

Das ist aber nicht der Grund, warum er auch Beatboxing-Wettbewerbe meidet. Die wären schlicht nichts für ihn, sagt er. „Ich möchte Teil eines Ensembles sein und nicht an erster Stelle stehen. Die meisten Beat-Boxer machen einfach ihr Ding, da wäre ich fehl am Platz. Mein Focus ist ein anderer.“ Er möchte allen Leuten die Illusion in den Kopf setzen, dass sie ein Schlagzeug hören. Doch das hat einen Namen: Nils Michalski. 

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