Erste Mahd fürs Heumachen besonders heikel

Einsatz in Overberge: Für die Rettung der Rehkitze geht der Jäger in die Luft

Für Momente wie diesen engagiert sich Mike Ziller. Das selbst aus der Nähe kaum auszumachende Kitz hat er mit der Drohne aufgespürt, um des vor dem Mäher in Sicherheit zu bringen.
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Für Momente wie diesen engagiert sich Mike Ziller. Das selbst aus der Nähe kaum auszumachende Kitz hat er mit der Drohne aufgespürt, um des vor dem Mäher in Sicherheit zu bringen.

Wenn dieser Tage das erste Heu das Sommers gemacht wird, bedeutet das große Gefahr für die Rehkitze. Aber es gibt Hilfe - vom Jäger und aus der Luft.

Bergkamen – Der Tod dröhnt PS-stark und mit Tempo heran, auf vier mächtigen Rädern und mit rotierenden Messern auf 6,50 Meter Breite. Unter denen Kreiseln im Front- und Heckmähwerk fällt das kniehohe Gras in ordentlich gereihten Schwaden auf der Wiese zusammen. Doch es ist nicht nur das erste Heu, das hier auf dem Hof Elbrigmann gemacht wird, sondern auch eine Kinderstube des Overberger Rehwildes, die da in gerade mal einer Stunde niedergesenst wird.

Tierschutz: Bauer darf nicht einfach mähen

Da ist Vorsicht nicht nur eine Frage der Moral, sondern seit einigen Jahren gesetzliche Vorschrift. Nach Schätzungen geraten jährlich um die 100 000 Kitze unter die Mähwerke. Gerade die erste Mahd des Jahres gilt als heikel, weil sie in die Setzzeit der trächtigen Ricken, folglich in die ersten Lebenstage der Rehkitze, fällt. Damit die Jungen natürlichen Feinden nicht gleich wehrlos zum Opfer fallen, hat die Evolution für Schutz gesorgt. Nur werden den Tieren diese natürlichen Eigenschaften in der Begegnung mit Mensch und Maschine zum Verhängnis.

Verhängnisvolle Vorkehrungen der Natur

„Rehkitze haben in den ersten Tagen keinen Fluchtreflex. Wenn Gefahr droht, drücken sie sich ins hohe Gras und rühren sich nicht“, weiß Mike Ziller. „In den ersten etwa zehn Tagen entwickeln sie außerdem noch keinen Geruch, sodass sie gar keine Witterung abgeben.“ So sticht den Fuchs das anderenfalls gefundene Fressen nicht in die Nase. Es kommt dem Kleinen aber auch kein Jagdhund auf die Spur, was nur bedingt von Vorteil ist. Mit dem abgerichteten Begleiter haben Jäger traditionell versucht, die Kitze aufzuspüren, damit sie nicht im Mäher zerstückelt werden.

Pilot und Maschine: 13.000 Euro hat sich Mike Ziller seine „Yuneec Typhoon“ mit Wärmebildkamera kosten lassen. Er sucht und findet seinen Ausgleich vom anspruchsvollen Job in seinem Engagement als „Kitzrettung Unna“.

Effektiver ist, was Mike Ziller, den Waidmann André Kralj mit Sohn Marlon und den Vorsitzenden der Kreisjägerschaft Unna, Reinhard Middendorf, an diesem Sonntag um 5.30 Uhr auf die Wiesen von Rainer Elbrigmann führt: Kitzsuche aus der Luft. Dafür hat Ziller, Betreiber der ehrenamtlichen Kitzrettung Unna, eine Drohne mit einer Wärmebildkamera bestückt. Solange die Sonne nicht zu hoch steht und alles erwärmt, liefert das fliegende Auge die Kitze und ebenso Hasen, Fasane & Co, als hellen Fleck auf dem Bildschirm der Fernbedienung.

Mit den Grasbüscheln wird das Kitz gepackt und in die Kiste gesetzt, damit es keinen Geruch des Menschen annehmen kann.

Mit dem 13 000 Euro teuren Hexacopter am Himmel dirigieren der Unnaer André Kralj und Sohn am Boden zu den Verdachtsstellen. Sie haben Handschuhe und einen Wäschekorb dabei, um das Kitz mit schützenden Grasbüscheln beim Zufassen aufzunehmen und neben der Wiese in Sicherheit zu bringen, bis die Gefahr vorbei ist. „Dem Kitz darf kein menschlicher Geruch anhaften, dann wird es von der Ricke wieder angenommen“, erklärt Middendorf diesen Aufzug.

„Abgesprungen“, ruft der gerade herüber. Der Fleck auf dem Monitor war wohl die noch warme Liegestelle, kein Tier mehr da. Gut so. Die Abfolge wird sich noch ein paar Mal wiederholen. Es ist keine Rettung nötig, während Elbrigmanns Neffe Frank Pohlmann, der den früheren Milchviehbetrieb im Nebenerwerb weiter bewirtschaftet, mit dem monströsen Mähapparat seine ersten Runden auf den schon abgesuchten Wiesen dreht.

Scharfe Messer auf 1,50 Meter Breite voraus, fünf Meter Ausleger am Heck. Gegen moderne Agartechnik haben Kitze kaum eine Chance.

„Von innen nach außen“, wie Reinhard Middendorf betont. Auch das ist eine Maßgabe, weil damit Kitze immer noch nach außen fliehen können und nicht in der Mitte festsitzen, während die tödlichen Messer immer näher kommen. Immerhin leisten die Hersteller ihren Beitrag, bestücken die Geräte mit Warnsystemen. Aber es passiere immer noch zu viel.

Jäger und ihr spezielles Verhältnis zum Tier

„So fühlt es sich einfach besser an“, sagt Middendorf, daher unterstützten die Jäger die Landwirte gern. Erste Hegeringe hätten schon Drohnen angeschafft. Der erste Jäger im Kreis lebt auf dem nicht mehr bewirtschafteten Hof der Eltern nebenan und kennt hier jeden Strauch. Hege und Pflege des Wildes ist ihm Herzenssache, wohl wissend, dass viele nicht damit zusammenbringen können, dass am Ende auch auf die Tiere geschossen wird, die gerade vor dem grausigen Tod gerettet werden sollen. Diese zwei Herzen schlagen auch in der Brust von Mike Ziller: Überzeugter Jäger und engagierter Kitzretter. Er nickt, während Middendorf darüber spricht, dass viele ein schiefes Bild von der Jagd hätten. „Der Einsatz für die Kitze lohnt sich, und wenn’s nur eins im Jahr ist“.

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