Vor dem Abriss

Dreck, Schmutz und Zerstörungswut: Einblicke in verwahrloste Turmarkaden

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Die Inneneinrichtung (oben) in der ehemaligen Diskothek „Musicpark A2“ steht noch, ist jedoch zerstört.

Bergkamen- Staub flirrt durch den Lichtstrahl der Taschenlampe, unter den Schuhsohlen knistert zerbrochenes Glas. Überall klebt Ruß. Es sind nur noch wenige Tage, bis der Abriss beginnt. Ein Besuch in den Turmarkaden.  

Seit Jahren steht das ehemalige Einkaufszentrum leer. Direkt in der Mitte der Stadt, gegenüber des Rathauses und des Neubaus der Sparkasse verwahrloste das Gebäude. Auf die Fassade ist das Wort „Dreck“ gesprüht, wie Spinnennetze ziehen sich die Risse durch die gläsernen Eingangstüren. 

Vandalen zerstören Gebäude

Immer wieder drangen Vandalen in das Gebäude ein. „Sie kamen über das Dach, den Keller, brachen verschlossene Türen auf“, erklärt uns der Hausmeister. Seit vier Jahren kümmert er sich um das Gebäude, reinigte erst die Parkdecks, bis die Diskothek Musicpark A2 als letztes Geschäft 2016 das Gebäude auch verließ. 

Turmarkaden in Bergkamen vor dem Abriss 

Party gemacht hätten Jugendliche jedoch noch sehr lange in dem Gebäude. Der Hausmeister schließt Robert Szkudlarek, unserem Fotografen, und mir die Tür auf. Er leuchtet mit einer riesigen Taschenlampe den Weg aus. Angst habe er keine mehr in dem Gebäude, seit Interra es übernahm und die Entkernung stattfindet. 

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Ruß und verbrannte Überreste (unten) zeugen noch vom Kellerbrand vor wenigen Wochen.

Seit Wochen sind Bauarbeiter vor Ort, nächste Woche kommen noch mehr. Sie schlafen in Containern auf dem Innenhof. Es muss schnell gehen, der Komplettabriss soll in wenigen Wochen beginnen. Die ersten Räume sind kahl. Es riecht staubig nach Bauschutt. Gespenstisch klingt der Baulärm, das leise Piepen der Hebebühne. die Turmarkaden umfassen 25 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. 

Nur aus der Ferne sehen wir die Lichter der Bauarbeiter. Sie haben bereits große Stapel von Rohstoffen sortiert. Die Spiegel des ehemaligen Schuhgeschäfts sind zerschlagen, Glas liegt auf dem Boden. Auch Stacheldraht. 60 bis 70 Jugendliche hat der Hausmeister in seinen Jahren in den Turmarkaden aus dem Gebäude geworfen. Vor zwei Jahren traute er sich nicht mehr alleine zur Kontrolle in das Einkaufszentrum. 

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Schnapsflaschen und verwüstete Büroräume

Viel ist bereits leer geräumt worden, viel Arbeit wartet jedoch noch auf das Abrissunternehmen. Die ehemalige Diskothek ist noch fast vollständig: Biergläser stehen auf dem Tresen, Flyer auf dem Boden verkünden den Umzug nach Werne. Mitten in der Verkaufshalle liegt ein künstlicher Hahn. Er war einmal Disco-Dekoration. 

Mit Blick auf das Rathaus: Mitten in der Innenstadt steht das Gebäude seit Jahren leer. Immer wieder drangen Unbekannte in das Gebäude ein, schliefen, lebten und tranken in den leeren Büros und Geschäften.

In manchen Ecken liegen Bier- und Schnapsflaschen. Löcher sind in die Wände geschlagen, die Toilettenräume sind gelb vom Urin. Die ehemaligen Büroräume sind vollständig verwüstet. Die Tische und Stühle umgeworfen, die Akten auf dem Boden geworfen, überall liegen Papiere, auch Baupläne, und Erde von den vertrockneten Zimmerpflanzen. 

Brand führte zu Evakuierung

In einer Ecke liegt Männerkleidung, Reste eines Bettgestells und mehrere Decken und Kissen: Es sind die Spuren von ehemaligen Arbeitern, die vor Jahren im Gebäude wohnten, um einen Teil auszuräumen. 

Gebückt gehen wir unter herunterhängend Kabeln in den Keller. Der Ruß hängt an den Wänden. Hier brannte vor wenigen Wochen ein Raum – mit weitreichenden Folgen. Der Rauch zog in die Nachbargebäude an der Töddinghauser Straße, sodass die Hochhäuser evakuiert werden mussten. Die 90 Bewohner kamen privat oder in städtischen Notunterkünften unter. Wann und wie sie in ihre Wohnungen zurückkehren können, ist noch unklar. 

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Die Tage der Turmarkaden sind jedoch gezählt. Wenn die Entkernung beendet ist, rücken die Bagger an. Im Keller sind die Stützpfeiler der anliegenden Hochhäuser zu sehen. „Bis dahin wird alles platt gemacht“, sagt der Hausmeister. Der Verfall, er hat auch ihn deprimiert. 

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