Wahlkampf: Wie Bergkamens SPD-Spitzenkandidat sich am Markt empfiehlt

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Bozena Przewoznik scheint die Ansprache von Bernd Schäfer zu gefallen. Kay Schulte hat eine Tasche voller Geschenke dabei.

Bergkamen – „Straßenwahlkampf“ sagt man, wenn Kandidaten auf dem Pflaster die Nähe zum Wähler suchen. Wegen des martialischen Wortendes schwingt irgendwie mit, dass man dabei flugs im Clinch liegt. Aber davon kann keine Rede sein, nicht an diesem Donnerstagmorgen auf dem Marktplatz in der Stadtmitte. Hier geht’s neben dem Einkauf sowieso um den freundlichen Plausch. Eigentlich ein ideales Terrain für die Begegnung, die der SPD-Spitzenkandidat heute sucht.

Pech nur, dass es sich fies abgekühlt hat über Nacht, es wird gleich immer stärker regnen. Doch unverdrossen greift sich Bernd Schäfer einen Packen Wahlbroschüren und macht sich auf den Weg. Zum „Homo Bergkamenensis“ – ein recht aufgeschlossenes Völkchen, wie man weiß: gerade heraus, mit dem Herz auf der Zunge. Wie geschaffen für diese Ansprache.

Nur macht sich der Einheimische heute scheinbar rar, obwohl die Gassen zwischen den Ständen voller Menschen sind. Mit Kay Schulte und Julia Reher als Adjutanten bahnt sich Bernd Schäfer den Weg, geht zielsicher auf Menschen zu, die ihm engegenkommen. „Entschuldigung, sind Sie aus Bergkamen?“ Kopfschütteln – also niemand, dessen Stimme in dieser Stadt etwas bewegen kann. „Schade, schönen Tag noch.“ Das wird sich noch etliche Male so wiederholen – und erklärt, warum hier für mich weit und breit kein Parkplatz frei war. Bergkamens Markt zieht reichlich Kunden aus dem Umland.

Dann endlich ein Nicken. Bozena Przewoznik ist Bergkamenerin – und interessiert. „Ich möchte mich vorstellen als Kandidat für die Bürgermeisterwahl“, sagt Schäfer und bietet sein Faltblatt an. Przewoznik greift zu, während Schulte im Leinenbeutel nach einer passenden kleinen Gabe sucht. Kugelschreiber, Blöcke, Chips für den Einkaufswagen – letztere sind sehr begehrt. Reher hätte noch Popcorn im Angebot.

Aber Schäfer bedrängt die ältere Dame nicht, fragt nicht nach politischer Orientierung oder Sympathie für ihn oder seine Partei. In der zurückhaltenden höflichen Ansprache kommt wohl auch der im Kundenumgang routinierte Bankkaufmann durch. „Wenn Sie etwas auf dem Herzen haben, können Sie mir das jetzt mitgeben“, bietet der Wahlkämpfer in dem durch die Masken gedämpften Plausch an. Aber hier liegt nichts im Argen.

Bei dem Quartett am Stehtisch vorm Marktcafé sieht das schon anders aus. „Aber sicher, wir sind die Nachbarn von Thomas Semmelmann“, gibt einer der beiden Ehemänner auf Schäfers Frage nach dem Wohnort mit erkennbarer Sympathie zurück. Der Rünther ist offensichtlich angetan von Schäfers Parteifreund, der sich in Bönen ums Bürgermeisteramt bewirbt. „Sorry, wir müssen diesmal halt in Bönen wählen“, flachst der Mann.

Seine Frau will die Gunst der Stunde aber nutzen: „Kümmern Sie sich mal um die Verkehrssituation in der Schachtstraße“, trägt sie dem Kandidaten auf. Das Parkchaos nehme zu. Sie verstehe nicht, warum der vorgeschlagene Bau von Parkbuchten verworfen wurde. Nun führen ständig Autos über den Gehweg, weil abgestellte Wagen keinen Platz ließen. Auftrag angekommen. Schäfer will sich kümmern, aber Dinge über Nacht ändern kann er nun mal nicht.

Außer, „1 - 2 -3 Bergkamen“ hilft mit, wie der Genosse mir vom Haustürwahlkampf berichtet. Den betreibt er schon seit Wochen, trotz Corona mit durchaus gesprächsbereiten Bürgern, wie er sagt. „An der Tür ist der Abstand automatisch gewahrt. Das funktioniert ganz gut.“ So wie neulich am Haverkamp, als die Klage über den Zustand der städtischen Beete aufkam. Da genügte der – jedem Bürger mögliche – Hinweis an die schnelle Eingreiftruppe des Bauhofes und die Rabatten waren 1-2-3 gerichtet.

Zwischenstopp bei der Konkurrenz: CDU-Mann Thomas Heinzel ist auch da. Man ist sich nicht Feind, kennt sich lange, plaudert. „Waren da nicht gerade noch die Grünen?“, fragt Schäfer. „Die sind abgehauen, als der Regen kam“, höhnt jemand aus Heinzels Truppe. Auch der amüsiert sich: „Immer von der Umwelt reden und dass Regen fehlt, und dann einpacken, wenn er kommt.“

Aber der Regen setzt jetzt allen zu. Händler und Waren sind hinter Folien verschwunden, die Leute haben’s eilig. „Wichtig ist, dass Sie überhaupt wählen gehen“, bringt Schäfer im Vorbeigehen möglichst noch an, wenn er nicht landen kann.

Voller Gabentisch auf dem Wochenmarkt

Schulte und Reher winken derweil mal in die eine oder andere Richtung. Hier ist so mancher unterwegs, den die Genossen zur Familie zählen. Etwa die beiden Damen, die ihre Taschen am SPD-Stand mit allerlei Werbeartikeln gefüllt haben – obwohl sie scheinbar überzeugte Anhänger sind. „Bei der CDU gab’s nix“, raunt nun eine von ihnen Reher mit bedeutungsvollem Grinsen zu. Anscheinend ein Manko, das die politische Haltung bestätigt.

Kann man heutzutage mit Kuli & Co wirklich noch Wähler gewinnen? Reher: „Wie sagt man? Es bringt wahrscheinlich nicht eine Stimme mehr. Aber wehe, man hat sie nicht.“ Darum hat der Ortsverein Mitte für einen vollen Gabentisch am Stand auf dem Markt gesorgt.

Auch der SPD-Spitzenkandidat ist überzeugt, dass die Klassiker selbst in Zeiten des Internets nach wie vor die wirkungsvollsten Instrumente sind. 5000 umweltfreundliche Kugelschreiber hat Schäfer beispielsweise geordert. „Die muss man erst mal verteilen. Das bedeutet ja, dass am Ende jeder Zehnte Bergkamener einen bekommen hat.“ Aber so gelinge der Einstieg ins Gespräch. „Wenn ich hier in zwei Stunden 30 oder 40 Menschen erreiche, war das ein guter Vormittag.“

Diese Multiplikatoren seien wichtig. Dass Social Media immer mehr Menschen bewegt, weiß er auch. „Ich versuche beides zu machen. Aber ich setze online auf das reine Personenprofil meiner Homepage. Das unterscheidet mich von der CDU, die mit Algorithmen und Google-Suche arbeitet.“ Letzteres sei teuer – und nicht der entscheidende Weg. Bernd Schäfer ist überzeugt, dass die Wahlschlacht auf der Straße entschieden wird. Mit Höflichkeit als stärkster Waffe.

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