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Bergkamens Büdchen sind nach wie vor beliebt - und Kulturerbe

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Von: Klaus-Dieter Hoffmann

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„Angies Büdchen“ in Bergkamen-Oberaden hat viele Stammkunden.
Sven Rinschede ist froh, mal eben Zigaretten und Getränke an „Angies Büdchen“ von Angie Weisner zu bekommen. Der Bergkamener schätzt den kurzen Weg. © s-Dieter Hoffmann

Beim „Weltkulturerbe“ handelt es sich um wichtige Denkmäler, historische Stätten und geologische Naturgebilde, die mit diesem Attribut besonders gewürdigt und geschützt werden sollen, wie zum Beispiel das deutsche Wattenmeer. Nicht ganz so bekannt ist das „Immaterielle Kulturerbe“, worunter Bräuche oder Künste zu verstehen sind, die das gesellschaftliche Leben einer Region geprägt haben und daher als schützenswertes Gut in das „Landesinventar“ aufgenommen werden sollen. Neu hinzugekommen sind nun das „Steigerlied“ und die „Trinkhallenkultur“.

Bergkamen - Gerade beim „Steigerlied“ wird in diesen Tagen deutlich, wie schnell eine Kultur verschwinden kann, denn mit dem Niedergang der Kohlezechen sind auch die singenden Kumpels in ihren schwarzen Bergmannsuniformen und ihr Lied „Glück auf, der Steiger kommt“ so gut wie von der Bildfläche verschwunden.

Anders verhält es sich bei den Trinkhallen. Allerdings dürfte sich auch ihre Zahl in den vergangenen Jahren durch die Veränderung der Lebensgewohnheiten drastisch reduziert haben. Allein in Bergkamen existieren nur noch rund zwanzig Kioske. Die älteren Bergkamener wissen aber, dass es früher fast an jeder zweiten Straße ein „Büdchen“ gab, wo man schnell noch mal ein Bier oder eine Tüte „Klümpchen“ für den Fernsehabend kaufen konnte.

Gelegentlich gibt es verlassene, aber gut verschlossene Trinkhallen, wie an der Weddinghofer-Straße 31, wo das einst lebendige Treiben erst einmal erloschen ist. Manchmal ist aber auch in Form von Imbissbuden oder Friseursalons neues Leben eingezogen, wie man an der Weddinghofer Straße ebenfalls feststellen kann.

Große Auswahl direkt um die Ecke

Doch diejenigen Trinkhallen, die heute noch existieren, haben ihre Daseinsberechtigung allein schon deshalb, weil der Mensch vergesslich und nicht selten spontan ist. So wie Sven Rinschede, der in direkter Nachbarschaft zu „Angies Büdchen“ an der Sugambrerstraße in Oberaden wohnt. „Bitte eine Camel und einen Energy“, bestellt dieser gegen 15 Uhr nachmittags bei Angie Weisner, um dann gleich zu korrigieren: „Für meine Freundin am besten auch.“ Sven Rinschede ist froh, dass Angies Büdchen gleich um die Ecke ist. „Keine langen Wege, aber eine große Auswahl. Macht doch vieles einfacher.“ Das sieht auch Sophie nicht anders, die sich gerade eine „Winterliche Wundertüte“ gekauft hat, um eine eventuell aufkommende Ferien-Langeweile schnell zu vertreiben.

„Wir sind hier fast schon eine etwas größere Familie“, sagt Angie Weisner, wenn sie von ihren Kunden spricht. So manch eine Sorge wird mit ihr geteilt und ist dann nur noch halb so schwer. Angies Büdchen zählt sogar zu den wenigen Kiosken, die noch richtigen Lesestoff im Angebot haben, mit Illustrierten, einer ganzen Palette von Tageszeitungen und Micky-Maus-Heften. Inzwischen würden diese aber von den Star-Wars-Heften ziemlich verdrängt. „Aber für mein Stammpublikum habe ich immer noch die ‘Bravo’ auf Vorrat“, erzählt Angie Weisner. „Früher hatte ich sogar noch belegte Brötchen im Angebot. Doch da wir jetzt einen Bäcker im Viertel haben, würden wir uns nur unnötig das Leben schwer machen.“ Allerdings wird in den Wintermonaten auch gerne mal ein Kaffee „to go“, ein Kaffee zum Mitnehmen, bei ihr geordert. „Und wenn die Kiddies eine heiße Schokolade möchten, gibt es diese natürlich auch.“

Ein wahrer Kult-Kiosk ist der Kiosk Wille im Sundern. „Hier trifft sich der komplette Sundern“, weiß Olaf Suttrop zu berichten, der auch gerne mal von den kultigen Trophäen erzählt, die sich gleich um die Ecke an einer Wand befinden und wo schon so manches Bierchen mit den Kumpels weggezischt wurde. „Neben kühlen Getränken gibt es hier alles, was ein leerer Magen begehrt“, berichtet Mitarbeiterin Sabine Salamon. „Wer bei uns einkauft, verlässt den Kiosk meist mit einem zufriedenen Lächeln.“ Höhepunkt des Jahres ist zu Weihnachten zudem immer die traditionelle Spendenaktion für einen guten Zweck.

Gemischte Tüten gibt es bis Mitternacht

Eher schon ein größerer „Market“ als ein Kiosk ist dagegen der „Kiosk Aslan“, den Suzan Aslan in der Schulstraße in Weddinghofen betreibt. Gekühlte Getränke, Tabak, Süßigkeiten und natürlich die gemischte Tüte gibt es hier sieben Tage die Woche von 8 bis 24 Uhr. Imposant ist dort die umfangreiche Sammlung an Shisha-Pfeifen und die bunten Tabaksdosen. „Wenn die Läden geschlossen haben, dann ist hier richtig Betrieb.“ Früher gab es draußen ein paar Sitzgelegenheiten. „Als dann doch zu viel Bier konsumiert wurde, habe ich das beendet, um den Schulkindern einen solchen Anblick zu ersparen“, erklärt Aslan.

Eine wichtige Adresse für alle, die in der „Kolonie“ in Bergkamen-Mitte wohnen, ist der Kiosk Am Stadtmarkt von Erkan Alveren, denn bei ihm bekommt man von 7 Uhr bis Mitternacht, am Wochenende sogar bis um 2 Uhr morgens, alles, was noch fehlt, wie Süßigkeiten, Kaltgetränke und Shisha-Pfeifen samt Kohle und Tabak.

„Bei den vorherigen Inhabern gab es hier noch alle Sorten von Zeitschriften“, erzählt der jetzige Inhaber des Kiosks „Schulting-Meyer“ in Weddinghofen. „Doch meine türkische Klientel kann mit Zeitungen meist nichts anfangen, deshalb sucht man bei mir Zeitungen vergebens.“ Dafür ist der kleine Kiosk aber vollgestopft mit Süßigkeiten aller Art, sämtlichen Sorten von Kaltgetränken und ebenfalls die unentbehrliche Shisha-Ausrüstung.

Seit Oktober läuft sich Mohamed Dadari in seinem „Momos-Kiosk“ an der Rünther Straße warm. Insgesamt hat er zwei Kioske, für jeden Sohn einen. Ganz besonders freut sich Dadari, wenn sein Bekannter Nasser mal auf einen Kaffee vorbeikommt.

Für spontane Gelüste

Ebenfalls eine wichtige Anlaufstelle für die Nachbarschaft ist der Kiosk an der Jahnstraße 31. Bei dem Jahrhundertunwetter im Juli stand dieser unter Wasser und so einiges ging den Bach runter, weiß Mitarbeiter Amir zu berichten.

Eine ganz besondere Warenpalette hat der Kiosk „Auf der Klause“ von Familie Dagci an der Hochstraße im Angebot. Während andere Kioske ihre Kundschaft nur mit Getränken und Süßigkeiten aus der Klemme helfen, gibt es dort alles, was man benötigt, um beispielsweise am Sonntag einen Kuchen zu backen: vom Mehl über Zucker bis hin zu feinen Zutaten wie Rosinen oder Zitronat. Und nicht nur das: Wer mal spontanen Hunger auf Linsensuppe mit Bockwürstchen hat, wird hier ebenfalls bei einer kleinen Auswahl an Konserven fündig.

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