Der Bergkamener Walter Görlitz sieht mit Händen und Ohren

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Walter Görlitz ist auf einem Auge bild, mit dem anderen kann er lediglich helle und dunkle Silhouetten erkennen.

Bergkamen  - 36 Jahre ist der Bergkamener Walter Görlitz alt, als er die Diagnose Retinopathia Pigmentosa erhält. Der Gendefekt raubt ihm nach und nach sein Augenlicht. Mittlerweile ist der 63-Jährige nahezu vollkommen erblindet – und verlässt sich deshalb stärker auf seine anderen Sinne.

1991 bekommt Walter Görlitz die Nachricht, dass er an Retinopathia Pigmentosa (RP) erkrankt ist. RP ist ein Gendefekt, der dafür sorgt, dass die Netzhautzellen allmählich absterben. „Das war ein großer Schock für mich“, erklärt der Chemikermeister. Nach der Diagnose sei er in ein mentales Loch gefallen. „Mir war aber schon vorher klar, dass mit mir etwas nicht stimmte“, so der stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirates Bergkamen. Er hab schlechter sehen können, sei gegen Hindernisse gelaufen und gestürzt. Schuld war die Krankheit, die sein Sehfeld verringerte. 

Tunnelblick statt freier Sicht: Seine zunehmende Sehbehinderung schränkte den Bergkamener immer weiter ein. An das Steuer eines Autos hat er sich seit 1995 nicht mehr gesetzt, 1999 musste er seinen Beruf als Chemiker aufgeben. „Das sind Nackenschläge, die nicht einfach zu verarbeiten sind“, so Görlitz. „Ich habe mich immer wieder an den Haaren aus dem Sumpf gezogen“, sagt der 63-Jährige. 

Engagiert für die Belange anderer

Heute ist er auf dem linken Auge erblindet, mit dem rechten kann er nur in einem winzigen Ausschnitt noch schemenhaft helle und dunkle Silhouetten erkennen. Das Wichtigste sei selbstständig zu bleiben. Seine Erblindung hält ihn nicht davon ab, unterwegs zu sein, aktiv zu bleiben und anderen zu helfen. Als Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins des Kreises Unna engagiert sich Görlitz für die Belange seiner Mitstreiter. „Wenn plötzlich zehn bis zwölf Stunden Arbeitszeit täglich wegfallen, muss man sich etwas anderes suchen.“

Nicht nur beruflich musste sich Görlitz umgewöhnen. „Ich verlasse mich viel stärker auf meine anderen Sinne“, sagt er. Fühlen, wo es lang geht. Schmecken, was auf dem Teller landet. Hören, wo Gefahr herrscht. Besonders hilft ihm sein weißer Stock, mit dem er sich im Raum orientiert. Im Umgang mit dem Blindenstock wurde er geschult. „Dadurch kann ich mich beispielsweise entlang einer Bordsteinkante tasten“, sagt Görlitz. 

Auch auf seinen Hörsinn verlässt er sich stärker als Menschen ohne Behinderung. Will Görlitz die Straße überqueren, wartet der Bergkamener so lange, bis er keine Motorengeräusche mehr hört. „Anders kann ich mir einfach nicht sicher sein.“ 

Sprachausgabe hilft im Alltag

Ganz gleich ob Wecker, Smartphone oder Computer: Viele Gegenstände kann Görlitz dank einer Sprachausgabe bedienen. 62 Jahre lebte er in Bergkamen, ehe er vor einem Jahr nach Kamen zog. Bergkamen kennt er trotz Blindheit „wie seine Westentasche“. Jahrelang sei beim Ausbau der Infrastruktur wenig wert auf die Belange Sehbehinderter gelegt worden. „Aber seit einigen Jahren engagiert sich die Stadt. Das ist ein toller Fortschritt“, so Görlitz. An einigen Fußgängerquerungen seien bereits taktile Leitsysteme angebracht worden. „Das sind beispielsweise Rippen- und Noppenplatten“, so Görlitz. Dadurch wisse er, an welcher Stelle etwas Besonderes passiere, er die Straße beispielsweise gefahrenlos überqueren kann. Problem: An vielen Markierungen wuchere bereits das Unkraut. „Dadurch kann ich sie mit meinem Stock nicht mehr ertasten“, so Görlitz.

 Auch wenn das Leitsystem ausgebaut werde, noch fehle es an einem der wichtigsten Orte für Blinde: am Busbahnhof. Auch vermisst er dort eine sprachgesteuerte Fahrplansäule, die Sehbehinderten die Abfahrtzeiten nennt. „Wer vollkommen erblindet ist, hat keine Chance, den Fahrplan zu lesen“, sagt Görlitz, mahnt aber zur Geduld. „Es kann nicht alles von heute auf morgen umgesetzt werden.“

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