Selbstständige in der Coronakrise

Kreativität und Durchhaltevermögen sind jetzt gefragt

Studiobühne Karneval Büttenredner
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„Eventhelden“ liefert die Party ins Wohnzimmer per Livestream. Karneval schauten über 1600 Leute zu.

Bergkamen – Der Lockdown wird immer wieder verlängert, die Türen von vielen Läden bleiben weiterhin zu, Dienstleisungen dürfen nicht angeboten werden. Wer nicht arbeiten darf, hat keine Einnahmen. Wie halten sich die betroffenen Selbstständigen über Wasser? Greifen die staatlichen Unterstützungen? Wo finden die Betroffenen Hilfe?

Besonders gebeutelt von der Corona-Pandemie ist die Veranstaltungsbranche. Auch Frederick Papies vom Bergkamener Unternehmen „Eventhelden“ hat in der Coronakrise zu kämpfen, um sich über Wasser zu halten. „Wir sind die Ersten, die schließen mussten, und werden die Letzten sein, die wieder arbeiten dürfen“, fasst er die Lage zusammen. „Hilfen bekomme ich keine, denn ich habe eine halbe Stelle bei der Gemeindeverwaltung Bönen. Das war ideal, um Zeit für die Firmentermine zu haben. Jetzt in der Coronakrise soll ich davon auch noch die Firmenkosten tragen, das Gehalt reicht aber gerade mal, um die privaten Kosten zu stemmen.“

Party kommt ins Haus

Keine Veranstaltungen, keine Einnahmen, dennoch laufen die Firmenkosten weiter, obwohl er seit einem Jahr keine Veranstaltungen mehr organisieren kann. Aber Not macht bekanntlich auch erfinderisch. „Wir veranstalten alle zwei Wochen samstags einen interaktiven Livestream von der Bühne in unserer Halle und bringen die Party in die Wohnzimmer“, erzählt Frederick Papies. „Die Zuschauer können sich registrieren lassen auf twitch.com/eventhelden und mitmachen. Sie können chatten, Musikwünsche äußern und spenden.“

Blick in die Zukunft: Das neue Normal wird hybrid sein

Wie geht es jetzt weiter? Wo können sich Unternehmer Hilfen holen? Sabine Radig von der Wirtschaftsförderung Kreis Unna (WFG) gibt Antworten.

Blicken die betroffenen Unternehmer noch durch, welche Hilfe für sie in Frage kommt?

Das ist ein Phänomen, dass Hilfen rausgehauen werden, die später noch modifiziert werden, etwa, was die Rückzahlung betrifft. Das sorgt für Verwirrung und Verunsicherung. Die verschiedenen Hilfen sind für unterschiedliche Gruppen gedacht.

Wo bekomme ich Rat und Hilfe?

Die WFG veranstaltet digitale Workshops zu verschiedenen Themen. Dort kann man sich informieren. Auf unserer Homepage findet man unter wfg-kreis-unna.de das Corona-ABC mit Tipps und Hinweisen zu allen Themen rund um die Pandemie. Für individuelle Beratungen können sich Unternehmer und Soloselbständige an unser Krisentelefon 02303/271690 wenden.

Welchen Rat geben Sie Selbstständigen?

Manchmal geht es der Firma so schlecht, dass eine Insolvenz unumgänglich ist. Dann rate ich dazu, sie nicht noch in die Länge zu ziehen und weitere Schulden anzuhäufen. Ich lege Selbstständigen ans Herz, sich intensiver mit Konzepten für die Zukunft auseinanderzusetzen.

Wie sieht die aus?

Ich bin überzeugt, dass die Wirtschaft sich nach Corona verändern wird. Digitale Vermarktungskanäle werden immer wichtiger. Das neue Normal wird hybrid sein. Also, ein Restaurant bietet weiterhin Lieferservice an, weil sich die Kunden daran gewöhnt haben.

Und das tun die Zuschauer, denn es gibt besondere Anreize. „Wir lassen uns besondere Aktionen einfallen für Spender, etwa, dass sie das Musikprogramm mitbestimmen können, dass Konfetti fliegt oder der DJ eine Torte ins Gesicht bekommt.“ Mit den Spenden kann Papies Miete und Kosten tragen. Das Konzept funktioniert. Am vergangenen Wochenende organisierte er eine Karnevalsparty mit Akteuren aus verschiedenen Vereinen – das lockte immerhin mehr als 1600 Zuschauer vor die Bildschirme.

Als Familie durchhalten

Seit Monaten dürfen die Gastwirte keine Gäste in ihren Räumen empfangen, sie halten sich mit Außer-Haus-Verkauf mehr schlecht als recht über Wasser. So geht es auch Amir Bajric, der zusammen mit seiner Frau den Forellenhof in Rünthe betreibt. Damit überhaupt etwas Umsatz in die Kasse kommt, bietet er wochentags ab 17 Uhr sowie am Wochenende mittags und abends Essen zum Abholen oder per Lieferservice an.

Die Schließung des Forellenhofs macht Betreiber Amir Bajric zu schaffen. Er hofft, dass er vor Ostern wieder öffnen darf.

„Wir sind zum Glück ein Familienbetrieb, da können wir uns einigermaßen über Wasser halten“, sagt der Inhaber des Lokals am Ostenhellweg. „Unsere Mitarbeiter feiern zum Teil alten Urlaub ab und helfen abwechselnd am Wochenende in der Küche.“ Unter der Woche sei die Nachfrage zum Teil sehr gering. „Da verkaufen wir manchmal nur ein Essen.“ Am Wochenende sei die Resonanz besser. „Viele Stammgäste unterstützen uns und sagen uns, wir sollen nicht aufgeben. Aber das ist wirklich schwer“, sagt Amir Bajric. Der Umsatz sei bei ihm von 100 auf zehn Prozent runtergebrochen.

Den Antrag für die November-/Dezemberhilfe, die sich auf 75 Prozent des jeweiligen Umsatzes in 2019 beläuft, hat er gestellt, als es möglich war, und Anfang Februar erhalten. „Es ist gut, dass es solche Hilfen gibt, aber es ist natürlich auf lange Sicht ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Majric. „Wir hoffen sehr, genau wie unsere Kollegen in anderen Gasthäusern, dass wir vor Ostern wieder öffnen dürfen und normal arbeiten können. „Niemand will ja auf Hilfen angewiesen sein. Wir wollen möglichst schnell wieder arbeiten und Geld verdienen.“ Manchmal denke er daran, alles aufzugeben, aber das sei auch keine Lösung. „Was kommt dann?“

Über 100 Kreditanfragen

Wenn es wirtschaftlich eng wird, wie in der Corona-Pandemie, dann wenden sich viele Firmen auch an ihre Hausbank, um die Durststrecke zu überstehen, bestätigt Katja Kowalke, Leiterin Kreditgeschäft bei der Sparkasse Bergkamen-Bönen. Sie verzeichnet über 100 Kreditanfragen von Unternehmen seit Beginn der Pandemie, so Kowalke. „Am Anfang ging es vor allem um die Corona-Soforthilfen. Wir unterstützen unsere Kunden da vor allem mit Vorfinanzierungen, bis die Mittel fließen. Täglich kamen da neue Informationen, die wir als Banker auch erst einmal sondieren mussten, was für wen in Frage kommt.“

Im nächsten Schritt wurden Anfragen für Kredite im Bereich der KfW-Mittel (Kreditanstalt für Wiederaufbau) gestellt. Die Anfragen kamen querbeet von Kleinstunternehmen bis zu großen Firmen. Besonders betroffen seien Firmen aus den Bereichen Gastronomie, Einzelhandel, Veranstaltungen, aber auch aus dem Handwerk. Es gebe aber auch durchaus Profiteure der Krise, so Kowalke. „Die Unternehmen, die früh auf Digitalisierung gesetzt haben.“

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