Voller Präsenzunterricht - Stimmungsbild an Bergkamener Schulen

Die Schüler sind zurück, der normale Alltag ist es aber noch lange nicht

Wieder Leben auf dem Hof: An den Schulen sind fünf Wochen vor Ende des Schuljahres die Schüler wieder allesamt zum Unterricht versammelt.
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Wieder Leben auf dem Hof: An den Schulen sind fünf Wochen vor Ende des Schuljahres die Schüler wieder allesamt zum Unterricht versammelt.

Seit Montagmorgen gibt es wieder Präsenzunterricht für alle. Die Schulleiter sind einerseits froh, ihre Schützlinge zurück zu haben, aber das leidet unter der Last neuer Herausforderungen beim Corona-Test.

Bergkamen – „Wir haben unsere Kinder zurück!“ Das Pädagoginnen-Herz hüpft in der Brust von Dr. Jennifer Lach, Leiterin der Willy-Brandt-Gesamtschule. „Es sind wieder Menschen in unserem sozialen System. Wir können gucken, wie es ihnen geht“. Aber die Freude über die Rückkehr zum Präsenzunterricht für alle belastet an diesem Montag enorm, mit welchen Anforderungen die Schulleiterin ihre Schützlinge und das Kollegium in den letzten fünf Wochen eines Schuljahres voller Verwerfungen konfrontiert sieht.

Wie dem Anspruch genügen?

Jetzt mit Blick auf Prüfungen, Zensuren, Zeugnissen und Abschlüssen dem üblichen Anspruch des Systems Schule gerecht zu werden, „ist kaum leistbar, sagen mir die Kollegen“. Zumal mit dem kurzfristig vom Schulministerium verfügten Anspruch auf Bescheinigung der für Schüler verpflichtenden und Lehrern zustehenden Selbsttests, wieder eine Aufgabe dazugekommen ist. Das hält das Kollegium dabei auf, seinen eigentlichen Job zu machen, und kostet die Schüler im Lernrückstand weitere Unterrichtszeit.

Wieder geht Lernzeit verloren

„Mit den halben Lerngruppen haben wir um die 20 Minuten für den Test gebraucht. Mit 28 Kindern in der Klasse, erst recht bei den Jüngeren, dauert das schon mal 40 Minuten“, berichtet die Direktorin mit Entrüstung in der Stimme. „Das kostet Zeit, die wir gerne hätten, um mit den Kindern zu arbeiten“. Dabei mag Lach vom Auffüllen der Lernlücken gar nicht reden, erst mal gehe es um die Diagnose und den richtigen Ansatz zur Aufarbeitung.

Erst mal schauen, wie es Schülern geht

„Wir wollen zuerst die Kinder im Blick haben“, sagt Jennifer Lach beim Blick auf besagten Anspruch des Systems. „Wie soll ich jetzt zu den Noten kommen?“, habe ein Kollege am ersten Tag gefragt. „Klassenarbeiten sind jetzt nicht das Wichtigste. Wir kümmern uns zuerst um das Miteinander“, sprach es da aus dem Pädagoginnen-Herz. „Ich habe ja auch eine Perspektive als Mutter. Mein Sohn musste heute gleich eine Klausur in Naturwissenschaften schreiben“.

Dass „ihre“ Schüler gleich mit der Sorge starten, nach einem Schuljahr (fast) ohne Schule in dem üblichen Prüfungsprozedere unter die Räder zu geraten, möchte Lach vermeiden. Das Schuljahr sei ohnehin zerrieben, dann lieber erst einmal schauen, dass keiner weiter Schaden nimmt.

Schüler zwischen Freude und Zweifel

Nicht nur die Lehrer freuen sich, ihre Schützlinge wieder zu sehen. Auch viele Schüler sind froh, dass sie wieder jeden Tag zur Schule gehen können. „Es ist einfacher, hier zu lernen als zu Hause, da ist die Ablenkung einfach viel größer, sagt Justin Freitag (14). Angelina Röglin (14) und Jana Loreen Eidberger (14) freuen sich zwar auch, dass wieder mehr Routine in ihren Alltag einkehrt. Den Zeitpunkt halten sie aber für falsch gewählt. „Eigentlich ist es unnötig, fünf Wochen vor den Sommerferien damit anzufangen“, sagen sie.

Auch am Städtischen Gymnasium Bergkamen (SGB) sind die Schüler zurück und die Freude darüber ist groß. Schulleiterin Bärbel Heidenreich hat den Tag über in viele zufriedene Schüler- und Lehrergesichter geschaut.

Regeln schwer zu vermitteln

Probleme bleiben aber bestehen. „Es ist schwer, den Schülern zu vermitteln, warum sie in ihren Klassen ohne Abstand nebeneinander sitzen, aber auf dem Schulhof eben wieder Abstand halten müssen.“ Am ersten Tag habe das aber ziemlich gut geklappt. „Für viele Schüler ist das Abstandhalten ganz selbstverständlich geworden.“

„Das Ministerium macht es sich leicht“

Deutliche Kritik äußert auch Heidenreich daran, dass ihr Kollegium auf Wunsch der Schüler eine Bescheinigung über die Selbst- oder PCR-Pooltests ausstellen muss, weswegen sie sich selbst schon scherzhaft als „Leiterin des Testzentrums SGB“ bezeichnet. Nicht nur, weil es einen großen Aufwand darstellt. „Ich kann die Kollegen verstehen, die zu mir kommen und sagen ‚Bei 30 Kindern in der Klasse kann ich nicht sicher sein, dass beim Test alle alles richtig gemacht haben‘.“ Die eigentliche Aufgabe der Lehrer sei es, die Kinder zu unterrichten und ihnen den erneuten Einstieg in den Alltag zu erleichtern. „Das Ministerium macht es sich da ein bisschen leicht, wenn es uns die Pflicht zur Bescheinigung aufs Auge drückt.“

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