Unterstützung in Bergkamener Selbsthilfegruppe

Angst, Gewalt, Enttäuschung: Jugendliche sprechen über Alkoholsucht ihrer Eltern

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Der Alkohol hat das Vertrauen der Jugendlichen in ihr trinkendes Elternteil belastet. In der Selbsthilfegruppe suchen sie Unterstützung.

Bergkamen - Wenn Menschen in eine Sucht abrutschen, leiden auch Angehörige. Angst, Enttäuschung, Wut: Die Sucht steht dem Zusammenleben im Weg, viele Beziehungen erhalten Risse. Hilfe bekommen jugendliche Angehörige in der Bergkamener Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes in der evangelischen Kirche. 

Acht Angehörige besuchen die Selbsthilfegruppe des Bergkamener Stadtverbandes des Blauen Kreuzes in der evangelischen Kirche (BKE) im Martin-Luther-Haus momentan. Auch wenn jeder seine eigene Geschichte hat, teilen alle ein ähnliches Schicksal. Entweder trinken ein oder beide Elternteile. 

Für Anna (die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert) war dies Normalität, sie kannte es nicht anders. „Bei uns war die Situation zuhause von klein auf schwierig“, sagt sie. Wirklich realisiert, was los war, hat sie aber erst später. „Da haben wir dann mal die Flaschen gezählt“, so Anna. 

Belastungsprobe für die Beziehung

Bei Lisa hat der Albtraum erst mit dem Tod ihres Vaters begonnen. „Da hat meine Mutter angefangen zu trinken.“ Lisa musste früh erwachsen werden. Sie musste nach und nach alle Aufgaben im Haushalt übernehmen. „Meine Mutter hat nichts mehr gemacht“, erinnert sie sich. Auch um ihre sechs Jahre jüngere Schwester kümmerte sie sich, eine Belastungsprobe für ihre Beziehung. „Unser Verhältnis wurde dadurch schlechter, weil ich ihr immer sagen musste, wann sie was zu tun hat. Das stand zwischen uns.“ Angesprochen hat sie das Suchtproblem ihrer Mutter trotz aller Strapazen und Enttäuschung selten. „Wenn ich mir das vorgenommen habe, hatte ich schon zwei Tage vor dem Gespräch Bauchschmerzen“, sagt sie. Stattdessen hat sie ihr eigenes Wohl zurückgestellt. 

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Abends auf einer Party tanzen, die Zeit genießen und einfach mal abschalten: Für die jugendlichen Angehörigen ist all das unmöglich. „Ich habe immer nur gehofft, dass bei meiner Mutter zuhause alles in Ordnung ist und sie nicht zu viel trinkt“, schildert Lisa. Auch Freundinnen mit nach Hause zu bringen, war ihr unangenehm. „Man wird schon sehr stark eingeschränkt.“ Es sei nie dreckig oder unordentlich in der Wohnung gewesen. „Und meine Mutter hat sich auch nicht peinlich benommen. Wahrscheinlich hätten es die anderen gar nicht gemerkt. Aber ich wusste, dass sie trinkt und das hat gereicht“, erklärt Lisa. Dem stimmen die anderen zu. „Ich habe immer eine Ausrede gesucht und meinen Freunden beispielsweise gesagt, dass meine Eltern auf einem Geburtstag waren und deshalb getrunken haben“, erinnert sich Tom. 

"Meine Mutter ist der Extremfall"

„Man achtet schon sehr genau auf das Verhalten der Eltern“, stimmt Helene ihm zu. Wenn ihr alkoholkranker Vater nicht zu seiner Selbsthilfegruppe geht, macht sie sich Sorgen. „Er kann das zwar begründen, aber ich frage mich immer, ob er wirklich die Wahrheit sagt.“ Das Vertrauen in ihre Eltern ist durch die Sucht nachhaltig beschädigt worden, da sind sich alle einig. „Meine Mutter ist der Extremfall“, sagt Tom. Die Beziehung zu seiner Mutter ist kurz nach der Trennung ihrer alkoholkranken Eltern auf die Probe gestellt worden. „Sie hatte mir versprochen, dass sie aufhört, zu trinken, wenn ich zu ihr ziehe“, berichtet er. Das Versprechen: nur leere Worthülsen. Der Zwang: zu stark. „Das hat sie nicht geschafft und ich bin zu meinem Vater gezogen, der mittlerweile trockener Alkoholiker ist“, erklärt er. Kontakt zur Mutter hat er trotzdem noch. 

Kontakt zur Mutter abgebrochen

Ganz im Gegensatz zu Lisa. Sie hat den Kontakt zu ihrer trinkenden Mutter abgebrochen. „Ich kann und will nicht mehr“, sagt Lisa. Trotzdem weiß sie, dass das Verhalten ihrer Mutter nicht gesund ist. „Mir ist klar, dass sie sich mit Alkohol betäubt. Das ist ein sehr trauriges Leben“, stellt die junge Erwachsene, die schon lange nicht mehr bei ihrer Mutter wohnt, fest. Der Auszug war eine Befreiung. „Und das Beste, was ich für mich tun konnte“, sagt Lisa rückblickend –auch wenn es sich damals so angefühlt hat, als lasse sie ihre kleine Schwester im Stich. „Und die hat das, denke ich, auch so empfunden.“ 

Alkohol verursacht Angst und Gewalt

Auch Anna wohnt seit Jahren nicht mehr bei ihren Eltern. Eine Verbesserung nicht nur für ihre psychische, sondern auch für ihre körperliche Verfassung. Ihr Zuhause war kein sicherer Ort. Anna erlebte Angst und Gewalt. Wenn ihr Vater getrunken hatte, schlug er zu. Sie, ihr Bruder und ihre Mutter wurden angegriffen. „Wir haben immer ein Auge auf unsere Mutter geworfen und wollten sie beschützen.“ 

Ob das Feierabendbier, Cocktails auf Partys oder Begrüßungssekt: Lisa, Anna, Helene und Tom trinken nicht oft. Helene und Tom wollen ihre bevorstehenden Geburtstage ganz ohne Alkohol feiern. „Man kann auch ohne Alkohol Spaß haben“, weiß Tom. 

Das beweist die Gruppe in regelmäßigen Abständen. Neben ihren Gruppenstunden treffen sie sich auch zu gemeinsamen Aktivitäten.

Die Selbsthilfegruppe des Bergkamener BKE-Stadtverbandes für jugendliche Angehörige trifft sich alle 14 Tage mittwochs um 17 Uhr im Martin-Luther-Haus, Goekenheide 5. Die Termine nennt Gruppenleiterin Antje Totzek unter der Rufnummer 0 23 07/6 77 33.

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