Bergkamener Bachkreis bereitet sich auf 50-jähriges Jubiläum vor

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Konzerte auf dem Schulhof waren nach dem Umzug des Gymnasiums an die Hubert-Biernat-Straße keine Seltenheit. So manche Kostprobe des Könnens wurde oftmals auch spontan dargeboten. Da hatte nur einen Stuhl, wer auch unbedingt einen brauchte.

Bergkamen – 50 Jahre Bachkreis – das wird am kommenden Wochenende mit einem großen Fest gefeiert, zu dem sich bereits 400 ehemalige Mitspieler angemeldet haben.

Doch schon am Samstag gibt es für 160 Ehemalige ein erstes Wiedersehen, denn sie wollen in einer Woche aktiv am Jubiläum mitwirken und als Ehemaligen-Orchester aufspielen. 

Da steht heute eine Sonderprobe auf dem Plan. Horst Römer ist jemand, der die Vorbereitungen mit besonderem Interesse verfolgt: Der ehemalige Musiklehrer am Städtischen Gymnasium Bergkamen ist der Gründer des Bachkreises, und natürlich Ehrengast. An die Anfänge „seines Bachkreises“ erinnert sich der Pädagoge genau, war der Bachkreis doch eines der ersten Jugendsinfonieorchester, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurden. 

Anfänge im Jahr 1969

Man schrieb in Bergkamen das Jahr 1969, und am noch jungen Städtischen Gymnasium Bergkamen begann ein neuer Lehrer. Schon als Student an der Uni Mainz war der gebürtige Kamener Orchester-Chef gewesen, am Priesterseminar in Werne hatte er den Flötenkreis geleitet und während seiner Zeit am Harmonense in Hamm hatte er ein Schülerorchester kennengelernt. 

„Und dann ging der Römer nach Bergkamen. Das war für einen Kamener wie mich natürlich wie die Bronx“, erinnert sich der heute in Oberaden Wohnende lachend. Denn Schulleiterin Ilse Thüne fesselte ihn mit nur einem Satz: „Junger Mann, hier können Sie alles machen, was sie wollen.“ 

Und Horst Römer wollte Musik unterrichten. Aber wie? „Ich hatte keinen Raum, ich hatte kein Klavier.“ Er bestellte ein Cembalo, das noch heute in seinem Haus steht, und beschwerte sich beim damaligen Stadtdirektor Alfred Gleißner. „Der fragte mich dann nur, was ich brauche“, erinnert sich Römer. 

Horst Römer blätterte mit Bettina Jacka in alten Unterlagen. In seinem privaten Archiv hat der Orchestergründer sogar noch die Sitzpläne sämtlicher Orchester-Jahrgänge.

Dass zeitgleich durch Inge Requardt, den Religionslehrer Fahsel aus Kamen und Eckhard Kadenbach die Musikschule aus der Taufe gehoben wurde, brachte Römer auf eine Idee. Er bestellte für eine fünfte Klasse Instrumente, die Schüler lernten die Tonleiter und nach dem Elternsprechtag begannen 70 von 300 Schülern, ein Instrument zu lernen. 

Zu Weihnachten gab es das erste Konzert, und vier Töne beherrschten da alle: Seither ist der Weihnachtsmarsch jedes Jahr beim Einzug der Sternsinger zu hören. „Das lief wie geschmiert“, erinnert sich Römer, der Gelder akquirierte, Instrumente kaufte und die Schüler bei der Stange hielt. 

„Es gab auch oft Ärger“, erinnert sich Römer. Oft habe es geheißen: „Was macht der Römer denn jetzt schon wieder.“ Die Orchesterklasse, die es heute wieder gibt, hielt sich damals nicht, denn schnell ging man am Gymnasium dazu über, ein jahrgangsübergreifendes Orchester zu bilden. 

Die Unterstufe bildete das B-Orchester mit dem Nachwuchs, die erfahrenen Schüler der Oberstufe bildeten mit dem A-Orchester den Bachkreis, der schnell einen guten Ruf hatte. Römer setzte durch, dass donnerstagmorgens in den ersten beiden Stunden Orchester-Probe war – parallel fanden andere AGs statt oder der Schulchor probte. So mancher Schüler war froh, erst zur dritten Stunde kommen zu können, nicht so die Bachkreisler – die waren längst eine eingeschworene Truppe. 

"Bachkreisler halten zusammen"

Das von Mechthild Tillmann gemalte Logo zierte T-Shirts oder Aufkleber prangten an Schultaschen und Instrumentenkoffern. Niemand weiß besser als Bettina Jacka, die heute das Schulorchester gemeinsam mit Dorothea Langenbach leitet, wie stark das Bachkreis-Virus ist. Jacka war selbst Schülerin am Gymnasium, und natürlich Mitglied im Bachkreis. „Man kann jetzt nicht sagen, dass wir eine Sekte sind“, sagt Jacke lachend. 

Im B-Orchester, hier beim Herbstkonzert, lernen die jüngeren Spieler das Zusammenspiel.

„Aber Bachkreisler halten zusammen. Und das Wir-Gefühl besteht über Generationen hinweg.“ Sie selbst sagt, dass Horst Römer und der Bachkreis ihre Jugend gerettet hätten. „In Klasse fünf sagte er zu mir, ich könnte Geige spielen. Das war für mich der Eintritt in eine andere Welt.“ Der Bachkreis stiftete Ehen, Kinder wurden auf die Namen „Horst“ oder „Sebastian“ getauft – und schnell wurde das Jugendsinfonieorchester zu einem musikalischen Botschafter. Denn alle zwei Jahre gab es eine große Orchesterfahrt. 

Berührende Reise nach Israel

Die Welt wurde da fast zu klein: England, Norwegen, Frankreich, Schweiz waren Ziele, aber auch Kolumbien, die USA, Russland, Malaysia, Singapur, Peru, Paraguay oder gar China. In politischen schwierigen Zeiten ging es nach Ungarn oder Polen. Unvergessen bleibt für Horst Römer allerdings eine Reise nach Israel im Jahr 1980. 

„Das war Völkerverständigung“, sagt Römer noch heute mit Tränen in den Augen. Denn die Jugendlichen spielten bei einem Konzert deutsche Volkslieder – und plötzlich sangen die Zuhörer mit. Alles zu Kriegszeiten ausgewanderte Juden. „Ein Mann“, so erinnert sich Römer mit stockender Stimme, „kam nach dem Konzert zu mir. Er sagte, er hätte sich eigentlich geschworen, nie wieder einen Satz deutsch zu sprechen. Doch durch die Musik der jungen Leute hätte er nicht anders gekonnt als mitzusingen.“

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