Verbotene Sprünge

Schwimmen und Springen im Kanal ist gefährlich, es gibt aber kaum Kontrollen

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Abkühlung mit Nervenkitzel: Sprünge von Kanalbrücken sind an heißen Tagen beliebt. Erlaubt sind sie aber nicht.

Der spontane Gang ins Freibad ist in diesem Sommer nicht so einfach möglich. Wegen der Corona-Maßnahmen ist vor dem Badespaß eine vorherige Online-Reservierung notwendig geworden. Doch mit der Lippe und dem Datteln-Hamm-Kanal gibt es in der Nähe auch andere vermeintliche Alternativen. Das Schwimmen dort ist geduldet. Doch die Wasserschutzpolizei und die DRLG warnen vor dem unbedarften Bad in unbeaufsichtigten Gewässern. Nicht nur beim verbotenen Brückenspringen lauern Gefahren. Eine wirkliche Kontrolle gibt es aber nicht.

Bergkamen – Freibäder waren wegen des Corona-Lockdown geschlossen und öffneten danach nur mit Sonderauflagen. Das Naturfreibad Heil hat sich entschlossen, die ohnehin verkürzte Saison zu nutzen, um alles gründlich auf Vordermann zu bringen. Die Stadt Lünen hat den Horstmarer See Anfang Juli gesperrt, weil das Ordnungsamt die Einhaltung des Coronaschutzes nicht ausreichend kontrollieren könne. „Das zieht die Leute an den Kanal“, sagt Tobias Schwittek, Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Bergkamen. Dort ist vor allem die Berufsschifffahrt eine große Gefahrenquelle für die Schwimmer. Die meterlangen Gefährte entwickeln eine Saugwirkung, der sich Schwimmer, die zu nahe kommen, kaum entziehen können. „Wer einmal so ein Schiff beobachtet hat, das vorbeifährt, und was da für Wassersenkungen von mehreren Zentimetern am Ufer zu sehen sind, kann sich vielleicht vorstellen, wie viel Wasser verdrängt wird“, sagt ein Sprecher der Wasserschutzpolizei Datteln, die auch für den Bereich in Bergkamen und Werne zuständig ist: „Der Sog ist wirklich gefährlich, gerade mit den Schrauben.“

Schwimmen und Planschen im Kanal wird geduldet. Aber vor allem aufgrund der Schifffahrt droht Gefahr.

Das weiß auch DLRG-Mann Schwittek, der außerdem darauf hinweist, dass der Kapitän auf seiner Brücke einen Menschen im Wasser nahezu nicht wahrnehmen kann. „Der Schiffsführer bemerkt einen Schwimmer gar nicht. Das ist für ihn nur ein kleines Ruckeln wie ein Ast“, beschreibt Schwittek das Größenverhältnis Kahn Mensch.

Eine noch größere Gefahr, die viel zu oft unterschätzt wird, ist allerdings das Brückenspringen. Mit drei bis fünf Metern ist der Kanal nicht allzu tief, während die Durchfahrtshöhe schon vier Meter beträgt. Das Brückengeländer sorgt für eine noch höhere Absprunghöhe. Dazu kann niemand erkennen, ob sich unter der Wasseroberfläche nicht irgendwelche Gegenstände verstecken. „Die Leute entsorgen da leider ihren Müll oder geklaute Fahrräder“, sagt Schwittek. „Lebensgefährlich“, nennen er und die anderen Experten die Aktionen, die jeden Sommer wieder zu beobachten sind.

Polizei nur selten vor Ort

Auch vor einem unbedarften Bad in der Lippe raten DLRG und Co. ab. „Das ist nicht so wie im Freibad, mit 25-Meter-Bahn und überall der Beckenrand“, betont Schwittek. Strömung, kleinere Strudel und Wasserpflanzen können für ungeübte Schwimmer zum Problem werden, weil sie ungewohnt sind. „Wenn man sich verfängt, kann man in Panik geraten und schluckt eventuell Wasser“, so Schwittek.

Er appelliert daher an die Vernunft der Leute, denn eine Kontrolle ist schwierig. Die Rettungsschwimmer können aber nur, wenn sie mit ihren Booten bei Übungen auf dem Wasser sind, die Menschen auf potenzielles Fehlverhalten ansprechen. „Wir dürfen aber nur darauf hinweisen“, sagt Schwittek. Das Ordnungsamt der Stadt Bergkamen hat wegen fehlender Zuständigkeit keine Handhabe. Schwittek und seine Kollegen stoßen zudem oft auf Ignoranz: „Das Problem ist, dass die Leute sehr beratungsresistent sind. Wenn was passiert ist, regen sie sich aber auf, dass keiner geholfen hat.“

Die Wasserschutzpolizei (WSP) dürfte zwar mehr unternehmen, ist aber nur selten rund um Bergkamen anzutreffen. Der Weg aus Datteln ist weit, dazu müssen die Beamten 160 Wasserkilometer kontrollieren und legen die Priorität auf den Schiffsverkehr. Denn ihnen stehen lediglich zwei Boote, eines für die Früh-, eines für die Spätschicht, zur Verfügung. Fünfmal im Jahr begleitet die WSP auch die Bereitschaftspolizei bei Kontrollen mit dem Fahrrad. „Wenn wir jemanden erwischen, erstatten wir Anzeige“, sagt ein Sprecher. Der „Strafzettel“ für unerlaubtes Springen beläuft sich auf 50 Euro, im Wiederholungsfall doppelt so viel.

Ebenfalls auf Kontrollfahrt sind die Boote des Wasser- und Schifffahrtsamts des Außenbezirks Hamm. Auch dabei geht es vorrangig um andere Themen, doch Leute, die sich falsch verhalten würden angesprochen und im Bedarfsfall die Polizei gerufen.

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