Neustart nach Corona-Pause

Die Hellweg-Werkstätten bauen ihre Produktion nach und nach wieder auf

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Iris Spyra (Mitte) und Peter Nolte (rechts) leiten die Hellweg-Werkstätten – hier stehen sie im größten Betriebsteil in Kamen zwischen den Beschäftigten.

Die Hellweg-Werkstätten befinden sich nach einer fast zweimonatigen Corona-Pause mitten im Neustart. Von einer echten Wiederaufnahme der Produktion könne an einigen Stellen aber noch keine Rede sein, berichten Peter Nolte (Leitung Technik) und Iris Spyra (Leitung Begleitender Dienst und Qualifizierung) – zumal unter den aktuellen Einschränkungen durch die Pandemie nur maximal die Hälfte der rund 880 Beschäftigten an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können.

Rünthe/Kamen – In ihren Werkstätten bietet die Evangelische Perthes-Stiftung Menschen mit Behinderungen eine berufliche Perspektive. Vertreten ist sie in Kamen, Unna sowie in Bergkamen; hier gleich mit drei Betriebssteilen.

An den 18. März erinnern sich Nolte und Spyra noch genau. Da wurde das Betretungsverbot für die Einrichtungen verkündet. Von heute auf morgen mussten Aufträge storniert werden und Beschäftigte zu Hause bleiben. Erst Mitte dieses Monats kehrten die ersten zurück. „Von den rund 350 Beschäftigten im größten Betriebsteil in Kamen arbeiten zurzeit rund 100“, erzählt Spyra. Im Betriebsteil Schacht III in Rünthe etwa werde erst seit dieser Woche wieder gearbeitet. Dies jedoch unter stark veränderten Vorzeichen.

Ein Grund sind die neuen Hygienevorgaben. „Von jedem Beschäftigten wird zum Beispiel vor Arbeitsbeginn die Körpertemperatur gemessen und alle werden nach möglichen Erkrankungen befragt“, erläutert Nolte. Das Anlegen des Mund-Nasen-Schutzes beim Aufsuchen und Verlassen des Arbeitsplatzes, das regelmäßige Desinfizieren von Händen und Flächen – all das sei mittlerweile Standard.

Das Arbeiten in der Werkstatt unterliegt strengen Hygienevorgaben. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist Pflicht.

Um die Abstandsregeln einzuhalten, mussten Werkbänke verrückt oder durch Acrylglasscheiben getrennt werden, manch Sitzplatz bleibt aber auch leer. „Wir haben in allen Betriebsteilen Sektionen gebildet, die nicht verlassen werden sollten“, sagt Nolte. Auch dies bedeute Mehraufwand, weil sich etwa Materialwege verlängerten.

Spyra berichtet, dass die Beschäftigten zurzeit eine „sehr intensive Betreuung“ durch die Perthes-Mitarbeiter erlebten. Diese sei auch nötig, weil der Umgang mit der Pandemie und das eigene Befinden ganz unterschiedlich ausfielen. „Bei Einigen ist der Wunsch nach einer Rückkehr auf den Arbeitsplatz sehr, sehr groß, weil sie hier auch ihre Freunde treffen möchten. Andere sagen, sie hätten enorme Angst davor, sich anzustecken, und bleiben lieber noch zu Hause.“

Nicht vergessen werden darf laut Spyra, dass viele der Beschäftigten zur Risikogruppe gehörten und bei einer Corona-Infektion mit einem schweren Krankheitsverlauf rechnen müssten. Die Betreiber der Wohnstätten, in denen 175 Beschäftigte der Hellweg-Werkstätten leben, hätten mit Blick auf das Ansteckungsrisiko darum gebeten, dass ihr Klientel erst im letzten Schritt zur Arbeit aufgerufen werde.

Nolte ist optimistisch, dass die Hellweg-Werkstätten unbeschadet durch die Pandemie kommen. Die Kunden jedenfalls, für die gefertigt werde, hätten mit Verständnis auf die Stornierungen reagiert und seien willens, die Geschäftsbeziehungen aufrecht zu halten. „Ihre wirtschaftliche Lage kennen wir aber natürlich nicht.“

Für systemrelevante Unternehmen werde vorrangig gearbeitet, erläutert Nolte. Man sei zum Beispiel Zulieferer bei der Produktion von Pflegebetten. Auch die Außenarbeitsgruppe bei der Firma „Thermo Sensor“ in Werne sei weiterhin aktiv.

Kurzarbeit ist kein Thema

Das Arbeiten in Coronazeiten bedeutet Extra-Einsatz – für die Beschäftigten, weil sich Abläufe verändern und vielleicht ganz neue Tätigkeiten eingeübt werden müssen, und für die Perthes-Mitarbeiter, weil ein Mehr an Absprache und Ansprache nötig ist. Nolte: „Rückblickend kann ich sagen, dass uns die Schließung Kopfschmerzen, Sorgen und Nöte bereitet hat. Aber gegenüber dem, was danach gekommen ist, war sie ein Kinderspiel.“

Damit die Krise gemeistert werden kann, hilft auch Kreativität. So wurde den Beschäftigten teils Arbeitsmaterial nach Hause geliefert, damit keine Langeweile aufkommt. „Das ging aber nur im begrenzten Umfang“, erläutert Spyra. Trägerübergreifend seien überdies weitere Angebot für Beschäftigte in ihrem eigenen Zuhause entwickelt worden.

Unglücklich sind sie und Nolte darüber, dass in den Betriebsstätten auch viele arbeitsbegleitende Angebote wegfallen mussten, darunter die Chortreffen und das regelmäßige Fußballspielen. Auch die Bewegungsangebote pausieren, und die Kickertische in den Fluren mussten abgebaut werden.

Die Perthes-Einrichtung am Schacht III ist eine von fünf Betriebsteilen der Hellweg-Werkstätten, die nach der coronabedingten Schließung wieder nach und nach die Produktion aufbauen. Rund ein Dutzend Beschäftigte gehen seit Wochenbeginn der Arbeit nach.

Am Schacht III in Rünthe werden unterdessen die Vorbereitungen zur weiteren Produktion von LED-Leuchten getroffen, die für einen Anbieter aus bis zu 60 Einzelteilen zusammengebaut, danach geprüft und verpackt werden. „Wir hoffen, dass wir Mitte kommender Woche die erste Serie herstellen können“, betont Nolte.

Kurzarbeit ist in den Hellweg-Werkstätten im Übrigen kein Thema – weder für die Perthes-Mitarbeiter, die in diesen Zeiten alle Hände voll zu tun haben, noch für die Beschäftigten, deren Lohn vom Kostenträger weitergezahlt wird. Unklar ist noch, ob auch in diesem Jahr die Weihnachtsfeier in der Kamener Stadthalle stattfinden kann. „Eigentlich beginnen im Mai, Juni die Vorbereitungen dafür“, sagt Nolte.

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