Wie blickt Bergkamen auf den Coronagipfel mit Merkel?

Schäfer: Verlängerung der Auflagen nötig - Luftholen an Weihnachten aber auch

Corona-infiziert? Das Problem steckt in der Masse.
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Corona-infiziert? Das Problem steckt in der Masse.

Disziplin ist angesagt und das Gros der Bergkamener Bürger, wie ihre Nachbarn im Kreis Unna, auch willens, die am Mittwoch bis in die Dunkelheit neu verhandelten Beschränkungen mitzutragen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Bergkamen – Davon ist Bürgermeister Bernd Schäfer überzeugt – und erleichtert, dass es zu den Feiertagen trotzdem mehr Spielraum für persönliche Treffen geben soll. Hier Reaktionen und Pandemie-Daten des Tages.

Die Infektionszahlen

Als die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin über die Corona-Schutzmaßnahmen verhandelten, meldete der Kreis Unna einen Rekordwert an Neuinfektionen für einen einzelnen Tag. Bei 208 Menschen wurde das Virus neu nachgewiesen. Zwar gab der Kreis an Montagen schon höhere Zahlen an, doch schlossen diese Daten seit längerer Zeit das Wochenende mit ein. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt nun wieder über 200, exakt bei 207,6.

Neben Lünen (plus 44), ist Bergkamen mit 56 neu gemeldeten Coronafällen am Mittwoch längst ein Zentrum der Krankheit. Hier sind aktuell 296 Personen betroffen, in Lünen, trotz 57 Gesundeter, immer noch 598 – Höchstmarke im Kreis. Insgesamt sind kreisweit 1792 Covid-19-Patienten erfasst, und gerade 165 genesen. Zum Vergleich: Anfang November waren es noch 1260, am 1. Oktober 157. Seit Beginn der Pandemie erwischte Corona hier 5998 Einwohner.

Mittlerweile sind 86 Menschen dadurch gestorben, 34 seit Monatsbeginn. Am Mittwoch kamen drei Tote hinzu: ein 70-Jähriger aus Lünen, ein 93-Jähriger aus Kamen und eine 84-jährige Frau aus Selm. In den Krankenhäusern werden weiter 131 Corona-Patienten behandelt, 20 auf Intensivstationen, zwölf davon werden beatmet.

Reaktion im Rathaus

„Richtig und wichtig“ nannte Bürgermeister Bernd Schäfer die Absicht, an den Feiertagen, speziell Weihnachten, von der Kontaktbeschränkung von maximal fünf Menschen aus zwei Hausständen abzusehen. Die Verlängerung der Auflagen bis in den Dezember sei nur konsequent, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. „Aber im Grunde ist seit März das gesellschaftliche Leben zum Stillstand gekommen, es gab tiefe Einschnitte im persönlichen Bereich. Da ist es nötig, in den Familien zum Fest ein Zusammentreffen im kleineren Kreis zu erlauben.“

Er wisse wohl um die wirtschaftlichen Konsequenzen, die Nöte der Gastronomie und Abhängigkeit der Wirte und Händler vom Weihnachtsgeschäft. Aber die befristete Ausnahme für den persönlichen sozialen Umgang sei von großer Bedeutung – nicht zuletzt für die Akzeptanz. „Ich habe volles Verständnis für die Betriebe. Aber wir können die Infektionskurve nur abflachen, indem wir die Kontakte beschränken“, so Schäfer. Er könne „nur an die Vernunft appellieren, sich an die Hygieneregeln zu halten“, damit Anfang ‘21 mit der erhofften Massenimpfung „ein Schritt Richtung Normalität erfolgen kann.“

Woran es liegt, dass Bergkamen derzeit den höchsten Zuwachs und die zweithöchste Infektionszahl im Kreis aufweist, das fragten sich auch die Verantwortlichen im Rathaus. „Wir haben keine Nachweise, dass es Hotspots in bestimmten Quartieren gibt.“ Die Fälle, wie die damit einhergehenden über 630 Quarantäne-Anordnungen, verteilten sich im Stadtgebiet. Nur liege auf der Hand, dass Wohnverhältnisse eine Rolle spielen, „weil es einen Unterschied macht, ob vier oder fünf auf 80 Quadratmetern leben oder zwei auf 150.“ Und so bestehe „das Problem im Wesentlichen darin, dass sich Leute nicht an die Hygieneregeln halten.“ Da sei zuweilen „menschlich nachzuvollziehen“, etwa beim Lüften in der Kälte, „aber schwierig zu verstehen“.

Und so sagte Schäfer lieber „Dank all jenen, die vernünftig sind und Disziplin halten, nur so werden wir irgendwie dadurch kommen“. Dafür wäre es auch hilfreich, wenn die große Politik „mit einer gemeinsamen Strategie auftritt“, statt der jüngsten Schauspiele der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin. „Wichtig ist, dass man jetzt mit einer Stimme spricht und an den Strukturen auch festhält. Das würde die Akzeptanz sicher fördern.“

Ein Beispiel an den Schulen

Unklar war zum Zeitpunkt der Recherche, ob es dabei bleibt, dass die Ferien zwei Tage eher beginnen. Es sollen mögliche Infektionen vermieden werden, bevor sich an Weihnachten die Familie trifft. Schon das setzt die Schulen bei Klausuren und Klassenarbeiten unter Druck. Einige Länder drängten, die Schulen noch zwei Tage eher zu schließen, also vier Unterrichtstage zu streichen.

„Für die Jugendlichen, die 2021 Abitur machen wollen, finde ich das schwierig“, urteilte Dr. Jennifer Lach, Leiterin der Gesamtschule, am Mittwochmittag. Zwei Tage weniger hätten schon den kompletten Klausurenplan über den Haufen geschmissen. Die Schule setzt bisher darauf, die letzten beiden Tage als Nachschreibetermine zu halten. Außerdem wird am 22. Dezember noch eine Klausur geschrieben.

„Wir können nicht noch mal alles umschmeißen. Wir machen alles, damit die Schüler gut durch ihre Prüfungen kommen. Und dann wird durch vorgezogene Klausuren ein solcher Druck aufgebaut“, so Lach. Viele Schüler fühlten sich nicht ausreichend vorbereitet, wenn plötzlich zwei Wochen früher geprüft werde.

Berufstätigen Eltern kann Lach aber eine Sorge nehmen: eine Notbetreuung jüngerer Schüler an den zusätzlichen Ferientagen sei kein Problem. „Wir haben damit gerechnet.“ Es werde so verfahren wie beim Lockdown im Frühjahr. „Wir sind alle geübt in der Notbetreuung.“

Prinzip Hoffnung in der Gastronomie

Für die Inhaber und Pächter wenig überraschend, müssen die Gaststätten und Restaurants weiter geschlossen bleiben. „Ich habe schon damit gerechnet. Ich habe zwar gehofft, vor Weihnachten noch ein bisschen ein Geschäft machen zu können, aber ich werde mich dem fügen. Wir wollen ja alle, dass der Spuk mal vorbei ist“, sagt Doris Schulz, die auf der Sunray Ranch „Sunnys Tränke“ führt.

Wie viele andere hat sie Anfang November „sofort wieder“ auf einen Abholservice umgestellt, der abends in der Zeit donnerstags bis sonntags „Gott sei Dank“ gut angenommen werde, obwohl ihre Tränke etwas außerhalb liegt. „Aber Außer-Haus-Verkauf ist nicht Gaststättenbetrieb“, betont sie. Schulz hofft auf eine Perspektive mit Ablauf der Frist am 20. Dezember. Normalerweise öffnet sie nach den Weihnachtsfeiertagen ihren Betrieb für einige Tage nicht. Doch diesmal ist alles anders und Flexibilität gefragt. „Ich werde bestimmt nicht schließen, um Ferien zu machen.“ Die Wirtin in den Startlöchern, damit es flugs weiter geht.

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