Interview

„Die Angst ist da“ - Kenan Küçük und Zeynep Kartal über Rassismus und Hanau

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„Die Opfer waren keine Fremden“ stand auf den Videoleinwänden in Hanau, auf denen öffentlich am Mittwochabend die Trauerfeier verfolgt werden konnte.

Bergkamen – Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Hamza Kenan Kurtovic, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun, Said Nesar Hashemi, Fatih Saracoglu, Gabriele R.: Zehn Menschen wurden am 19. Februar in Hanau getötet. Aus rasstischen Motiven wurden sie in einer Shishabar erschossen. Wie Rassismus unsere Gesellschaft prägt und was Hanau mit Bergkamen zu tun hat, darüber sprach WA-Redakteurin Katharina Bellgardt mit Kenan Küçük, Geschäftsführer multikulturelles Forum, und Zeynep Kartal, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Forums.

Sie waren beim Integrationsgipfel in Berlin. Was haben Sie von dem Treffen mitgenommen?

Kenan Küçük: Wir haben uns im Vorfeld zum Integrationsgipfel mit den Vertretern der Migranten und Religionsgemeinschaften getroffen. Die Bundeskanzlerin, der Innenminister, Horst Seehofer, und die Staatssekretärin für Integration war da. Wir kennen Seehofer mit seinen Äußerungen. Er ist eine 180-Grad-Wendung in seinen Äußerungen durchlaufen, die Betroffenheit war ihm anzumerken. Man hat verstanden, dass Rassismus ein großes Problem ist und das Wort auch in den Mund genommen, statt von Fremdenfeindlichkeit zu sprechen.

Wie nehmen Sie die Reaktion auf den Terroranschlag von Hanau wahr?

Küçük: Es wurde ein Krisenstab eingerichtet, der sich um rechtsextremen Terrorismus kümmert. Früher hat man fast nur über islamistischen Terrorismus und Radikalisierung berichtet. Man hat früher immer gesagt, das rechte Auge ist blind. Diese Blindheit hat ihre Wirkung gezeigt. Über 200 Menschen wurden aus rassistischen Motiven nach der Wende in Deutschland getötet. Das muss man ernst nehmen. Nun öffnet man die Augen.

Kenan Küçük, Geschäftsführer multikulturelles Forum

Kenan Küçük, Geschäftsführer multikulturelles Forum

Was passiert denn?

Küçük: Man muss die Situation ernst nehmen. Auch in der Sprache. Beim Integrationsgipfel haben viele Migranten ihre Ängste und Sorgen geäußert. Diese Angst muss man ernst nehmen. Der Rassist in Hanau hat nur aufgrund von äußeren Eindrücken getötet. 

Zeynep Kartal: Es hätte jeden treffen können, der migrantisch markiert ist. Sehr deutlich hat auch die deutsche Community of Color ihre Ängste geäußert.

Zeynep Kartal, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Forums

Zeynep Kartal, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Forums

Kann der Gipfel daran etwas ändern?

Küçük: Wenn ein Land, die Kanzlerin, Menschen mit Migrationshintergrund einlädt, um mit ihnen zu reden, ist das wichtig. Ich bin seit Anfang an dabei und meiner Meinung nach sind durch den Gipfel viele Anstöße gegeben worden. Wenn auch noch nicht ausreichend. Das Thema geht nun durch alle Ministerien, alle Bundesländer.

Macht Ihnen die Entwicklung Angst? 

Küçük: Wir sind eigentlich auf einem guten Weg, dann passiert etwas wie Hanau und wirft uns in unseren Bemühungen wieder zwei Schritte zurück. Aber der Umgang mit Rassismus in der Politik ist eine Sache. Wichtiger ist der Umgang in der Gesellschaft. Wir müssen die schweigende Mehrheit in Bewegung bringen, das Thema in die Vereine, Kindergärten, Betriebe, Gewerkschaften bringen. Ich habe keine Angst vor den Nazis, ich habe Angst vor der schweigenden Bevölkerung. 

Kartal: Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir Stellung beziehen müssen. 

Küçük: Wenn du heute schweigst... 

Kartal: ...dann bist du morgen mit schuldig.

Zuerst sprach man in den Medien von einem verwirrten Einzeltäter. 

Küçük: Wir haben seit 2015 die Debatte über die Flüchtlinge, dann die Ereignisse an Silvester in Köln. Das wurde ständig thematisiert. Dadurch fühlen sich manche Menschen in ihren rassistischen Ansichten bestätigt. Es sind keine Einzelnen, sondern man redet über 1000 Rechtsextreme, die untergetaucht sind. 

Kartal: Die Frage ist, wie kommt der Täter dazu, sich Menschen als Opfer zu suchen, die migrantisch markiert sind? Was hat ihm den Nährboden geboten? Wenn in der Politik von Migration als Mutter aller Probleme, von der Angst vor dem Kopftuchmädchen gesprochen wird, fühlen sich bestimmte Personen bestätigt. Wir brauchen hier keinen AfD-Sprech zu reproduzieren. Aber wenn die Politiker sagen, die Anderen, die sind das Problem, denkt ein Mensch in seiner Wahnhaftigkeit vielleicht „Warum tut denn niemand etwas dagegen?“ und greift selbst zur Waffe. Die Tat war nicht wahllos, sondern ganz klar auf eine bestimmte Personengruppe gerichtet.

Was ist das Problem an dem Wort Fremdenfeindlichkeit? 

Küçük: Fast alle, die in Hanau getötet wurden, waren Deutsche. 

Kartal: Es waren Menschen, deren Lebensmittelpunkt in Deutschland liegt. Keine Reisegruppe aus dem Ausland, sondern Menschen aus Hanau. Sie waren nicht fremd. 

Küçük: Unsere jüngste Migrationsgeschichte ist fast 65 Jahre alt. Wir sind in der vierten Generation, wir sind nicht fremd. Meine Söhne sind deutsch.

Muss die Debatte über Rassismus neu geführt werden?

Kartal: So erschreckend es klingt, es ist eine Chance, dass das Wort Rassismus endlich mal ausgesprochen wird. In der Breite der Bevölkerung muss nun akzeptiert werden, dass Rassismus etwas mit ihnen zu tun hat. Rassismus ist ein System, das in den Strukturen unserer Gesellschaft steckt. Auch Sexismus. Wir haben bestimmte Vorstellungen im Kopf, ein Mann ist so, eine Frau ist so, ein Türke ist so. Wir alle haben diese Kategorien, egal, wie aufgeklärt wir sind. Die Kategorien sind normal, die Frage ist nur, wie reflektiert wir damit umgehen. Rassistisch sind nicht nur diejenigen, die mit einer Waffe herumrennen. Rassismus steckt tief in unserer Gesellschaft. 

Küçük: Gleichzeitig ist es gut, dass alle von einem Terroranschlag sprechen. Es war kein Angriff auf jemanden, mit dem der Täter zuvor gestritten hat, sondern auf Menschen, die „anders“ aussehen. Die Frage ist, wie ist dieser Mann dazu sozialisiert worden.

Migration spielt aber eine wichtige Rolle in Deutschland?

Küçük: Gleichzeitig schreien Unternehmen nach Fachkräften. Aber warum sollen Menschen aus dem Ausland nach Deutschland kommen, wenn so etwas passiert? Unsere Wirtschaft braucht Zuwanderung, wir überaltern und es werden hier zu wenige Kinder geboren. Bis jetzt hat man auf die Arbeitsmigration der europäischen Mitgliedsstaaten gehofft, aber auch die brauchen Arbeiter. Wir sind auf Drittstaaten angewiesen, dass Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen und sich hier wohl fühlen. 

Kartal: Zu akzeptieren, dass man ein Einwanderungsland ist, ist das eine, aber die entsprechenden Strukturen dafür zu schaffen, das andere. Ist Deutschland attraktiv für ausländische Fachkräfte, wenn Menschen, die seit vier Generationen hier leben, ihren Kindern sagen müssen „Geh lieber nicht in die Moschee oder ins Shisha-Café“? Wenn ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland Angst um ihr Leben haben muss, haben wir ein massives Problem.

Wie sieht die Situation in Bergkamen aus?

Küçük: Die Menschen sind unglücklich. Ich war am Sonntag in der Alevitischen Gemeinde. Die Menschen, die in Bergkamen im Lokal sitzen, haben Sorgen, dass jemand auf sie einfach schießen könnte. Weil es so eben passiert ist. Die Angst ist da. 

Kartal: Die Verunsicherung ist zurecht da, wenn man bedenkt, dass jahrelang die Sorgen nach den NSU-Morden nicht ernstgenommen wurden. 

Küçük: Was in Hanau passiert ist, kann überall passieren.

Was muss sich hier ändern? 

Küçük: Es kommt auf unsere Sprache an. Die Gesellschaft muss verstehen, dass wir Migration brauchen. Wir müssen lernen, wie wir gemeinsame Wege finden, um Deutschland zu entwickeln. Wir können ja nicht ein Drittel der Bevölkerung von NRW „zurückschicken“. Wir brauchen mutige Entscheidungen, müssen offen miteinander reden. 

Kartal: Das muss auf allen Ebenen passieren. Nach Hanau richteten sich viele Fragen an Menschen mit Migrationshintergrund. Aber die Mehrheitsgesellschaft muss sich jetzt Gedanken machen, das eigene Handeln und die eigene Perspektive reflektieren. Wir müssen uns auf Augenhöhe begegnen, sagen, das ist genauso ein Bergkamener Verein wie der andere auch, genauso ein Bergkamener Bürger, genauso ein Bergkamener Betrieb. Gleichzeitig muss die Mehrheitsgesellschaft die Sorgen von Menschen mit Migrationshintergrund ernst nehmen und sich solidarisieren 

Küçük: Wenn ich für Sie da bin, wenn Sie angegriffen werden, und Sie stehen mir zur Seite, wenn ich zur Zielscheibe erklärt werde – gleichermaßen, ohne Wenn und Aber: Dann sind wir einen Schritt weiter.

Das Multikulturelle Forum

Das Multikulturelle Forum versteht sich als multikulturell ausgerichtete Migrantenorganisation. Mehr als 120 Mitarbeiter setzen sich in Bergkamen, Lünen, Dortmund, Hamm und Düsseldorf für Teilhabe und Chancengleichheit ein. Das Bildungswerk Multi Kulti bietet an den acht Standorten ein umfassendes Kursangebot – etwa Deutsch- und Fremdsprachenkurse, berufliche Qualifizierungsmöglichkeiten, kulturelle Bildungsangebote und Gesundheitskurse.

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