1. wa.de
  2. Lokales
  3. Bergkamen

Künstler Jan Philip Scheibe wandert mit mobiler Straßenlaterne und Menschen-Tross durch Bergkamen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Klaus-Dieter Hoffmann

Kommentare

Jan Philip Scheibe mit seiner mobilen Straßenlaterne im Hafen von Rünthe
Jan Philip Scheibe meditiert mit seiner mobilen Straßenlaterne im Hafen von Rünthe. © Klaus-Dieter Hoffmann

Es war schon ein groteskes Schauspiel, was sich da am späten Freitagabend in Rünthe abspielte. Ein Mann, der offensichtlich eine eingeschaltete Straßenlaterne auf der Schulter trug, ging schweigend seinen Weg – gefolgt von einer großen Schar Menschen.

Bergkamen – Passanten, an denen diese lindwurmartige Prozession vorbeizog, blieben verdattert stehen, selbst Hunde blickten nur erstaunt und vergaßen sogar zu bellen. Natürlich hat das Ganze eine plausible Erklärung. Denn dieser versonnene Mensch ist weder ein verspäteter Jesus, noch ein verfrühter St. Martin, sondern heißt Jan Philip Scheibe und ist ein vielseitiger Licht-Installationskünstler aus Lemgo.

Passanten wundern sich über die skurrile Prozession

„Eigentlich sollte diese heutige Art der Performance ein Unikat bleiben und nur einmal in Schwäbisch-Hall stattfinden“, erzählt der Lichtkünstler seinen Zuhörern an der Hafenmauer der Marina Rünthe, wo nun diese „Prozession“ beginnen sollte. „In Schwäbisch-Hall wollte ich damals im Rahmen eines Happenings vergessene Orte und Plätze der Stadt aufsuchen und deren besondere Eigentümlichkeiten sprichwörtlich neu beleuchten.“

Menschenkette folgt Jan Philip Scheibe mit seiner Laterne
Zahlreiche Menschen folgten dem schweigsamen Licht-Künstler aus Lemgo mit seiner Straßenlaterne durch Bergkamen. © Klaus-Dieter Hoffmann

Die Stadt war gleich begeistert von dieser Idee und entnahm sogar für Jan Philip Scheibe eine originale Laterne aus dem Straßenbild, mit der dieser nicht nur in Schwäbisch-Hall, sondern seit zwölf Jahren fortan durch die verschiedensten Städte und Landschaften Europas zieht, vom Polarkreis angefangen, über Lappland bis nach Lanzarote und jetzt in Rünthe. „Meist packt es mich dreimal im Jahr und dann muß ich wieder mit meiner Laterne los.“

Meditativer Gang mit Straßenlaterne auf der Schulter

Kurz nach 18 Uhr setzte erwartungsgemäß die Blaue Stunde ein, es ist die Zeit zwischen dem Tag und der Nacht. Noch einmal erläuterte Jan Philip Scheibe dem Begleittross seine Beweggründe für dieses im ersten Moment eigentümliche Tun: „Es ist für mich ein meditativer Gang. Ich werde die ganze Zeit schweigen. An bestimmten Stellen bleibe ich stehen und ergreife gedanklich Besitz von diesem Ort. Dieser Ort wird dann für mich zur temporären Heimat.“

Mit einem festen Zug startete Jan Philip Scheibe den tragbaren Generator, der nun mit seinem Strom die mobile Straßenlaterne grell erleuchtete. Die neugierige Entourage folgte mit ehrfürchtigem Abstand. An der alten Waage der erste Halt. Schnell geriet Scheibe ins Meditieren, während einige Frauen im Gefolge längst nicht zur Ruhe gekommen waren.

 Jan Philip Scheibe mit seiner Straßenlaterne
An der Waage macht Jan Philip Scheibe mit seiner Straßenlaterne den ersten Halt. © Klaus-Dieter Hoffmann

Dann ging es weiter über die Rünther Straße und rechts ab auf die Zechenbahntrasse. Der Lärm der Autos verblasste immer mehr, während das helle Jaulen des Stromgenerators die Stille im inzwischen dunklen Wald dominierte. An einer Birke auf der Abraumhalde machte Scheibe Halt. Mit den Fingerspitzen berührte er die trockene Rinde, zupfte etwas ab, schien im stillen Zwiegespräch mit der Birke zu sein. Nächster Halt an einem verrosteten Anhänger, der offensichtlich von allen vergessen wurde.

Ein Stuhl vom Kioskmann

Der bunt erleuchtete Kiosk an der Rünther Straße zieht dagegen den Künstler magisch an. Gerade wollte sich dieser mit seiner Laterne in die meditative Position bringen, als der Kioskbetreiber mit einem Stuhl herauskommt. Scheibe nimmt darauf Platz, während die Laterne neben ihm wacht. Weiter geht’s zum Kanal und am Kanal entlang. Nach zwei Stunden ist die Kaimauer wieder erreicht, wo die Laternenprozession ihren Anfang nahm und mit einer letzten Meditation zu Ende geht.

Auch interessant

Kommentare