Angehörige beschweren sich

Neue Allgemeinverfügung: Entsetzen bei Bergkamener Seniorenstift-Leitung

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Angehörige dürfen sich seit dem 1. Juli auf Besuchslockerungen in Seniorenheimen freuen. Bei Bergkamener Einrichtungsleitern und ihren Angestellten machen sich jedoch Sorgen breit.

Seit dem 1. Juli gilt die neue Allgemeinverfügung, dass die Kontaktmöglichkeiten zwischen Bewohnern von Altenheimen und ihren Angehörigen wieder ausgeweitet werden. Für die Angehörigen und die Senioren mag das eine Erleichterung sein, doch bei Hanna Schmidt, Geschäftsführerin des Seniorenstifts Haus Lessing, sorgt die Entscheidung des Landesgesundheitsministers Karl-Josef Laumann für Skepsis und auch Verärgerung.

Bergkamen – In einem Schreiben vom 26. Juni bat die Geschäftsführerin die Angehörigen um Verständnis, dass trotz der ab dem 1. Juli geltenden Allgemeinverfügung vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales keine persönlichen Besuche im Haus Lessing stattfinden können. Im Schreiben wird dafür die aktuelle Coronalage, „besonders durch die Firma Tönnies“, als Grund genant. „Ich habe hier multimorbide Patienten, die schwer lungen-, herz- und nierenkrank sind, und bei denen das Coronavirus hier sehr viele Todesfälle hervorrufen würde. Außerdem habe ich auch die Verantwortung für 65 Angestellte“, erklärt Hanna Schmidt ihre Entscheidung. Dass es diesbezüglich am 1. Juli jedoch Beschwerden von Angehörigen regnen würde und es anders kommt, als geplant, damit hat Schmidt nicht gerechnet.

Ab heute dürfen Angehörige die Senioren im Haus Lessing wieder persönlich besuchen. Vorher konnten die Bewohner des Hauses an Besuchsfenstern von ihren Familien besucht werden. Dabei waren sie von Acrylglasscheiben getrennt, Berührungen seien jedoch möglich gewesen, vorausgesetzt, die Angehörigen trugen Handschuhe und einen Mund-Nasen-Schutz, berichtet Schmidt. Nach außen hin sei das Haus zudem komplett digitalisiert, sodass Angehörige und Senioren zum Beispiel per Videotelefonie Kontakt miteinander aufnehmen können. Diese Methoden sollten sich auch erst einmal nicht ändern, Besuche direkt im Haus weiterhin vermieden werden. „Ich wollte die Menschen schützen“, betont Schmidt.

Beschwerden von Angehörigen

Doch Beschwerden von Angehörigen bei der für das Wohn- und Teilhabegesetz zuständige Behörde des Kreises Unna haben dazu geführt, dass die Einrichtung nun doch ab heute Besucher zu festen Besuchszeiten ins Haus lassen muss, berichtet die Einrichtungsleiterin. „Wir weisen jede Verantwortung von uns und bleiben dabei, dass es unverantwortlich ist. Wir sind darüber betroffen, dass Herr Laumann und insbesondere die Angehörigen kein Verständnis haben“, bedauert Schmidt.

Im Seniorenstift habe man in den vergangenen Wochen versucht, die sozialen Kontakte der Bewohner mithilfe der Besucherfenster und der Videotelefonie so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Obwohl sogar aktuell aufgrund eines Wasserschadens im Keller die Fahrstühle ausgefallen sind und somit die Besucherfenster für viele Senioren in der ersten und zweiten Etage nicht zu erreichen sind, bemühten sich die Pflegekräfte, in dringenden Fällen die Besuche an den Fenstern doch zu ermöglichen. „Meine Angestellten bringen sogar die Bettlägerigen über die Treppe mit vier bis fünf Mann zum Besucherfenster, obwohl wir da eigentlich überhaupt keine Zeit für haben“, berichtet Hanna Schmidt.

Dass es trotz aller Bemühungen Beschwerden von Angehörigen hagelt, stimmt die Leiterin und ihre Angestellten traurig. „Ich habe hier sehr schwer kranke Menschen, doch die Angehörigen werden mehr gehört, als die Leute, die professionell in der Pflege arbeiten“, sagt Schmidt. Die Bezeichnung für Pflegekräfte – „Helden der Nation“ – zähle laut Schmidt in Nordrhein-Westfalen gar nichts. „Wir sind eigentlich die Deppen der Nation“, sagt Schmidt verärgert.

Situation darf nicht unterschätzt werden

Ein paar Kilometer weiter, im Hermann-Görlitz-Seniorenzentrum, finden bereits seit gestern wieder Besuche in den Zimmern statt. Doch auch hier möchten Einrichtungsleiter Ludger Moor und seine Angestellten nicht zu leichtfertig mit der neuen Allgemeinverfügung umgehen. „Die Besucher und Senioren haben jetzt wieder mehr Privatsphäre. Man darf das alles aber nicht unterschätzen. Wir mahnen auch immer, dass die Besucher trotzdem aufpassen sollen, weil die Gefahr, dass irgendwas ins Haus kommt, dadurch natürlich schon größer ist“, erklärt Ludger Moor.

Eine Stunde lang dürfen die Angehörigen die Bewohner des Hauses in ihren Zimmern besuchen. Vorher müssen sie sich anmelden und ihren Besuch in einer Liste mit Adresse und weiteren Daten angeben. Bevor die Besuche in den Zimmern stattfinden durften, fanden diese in Zelten vor dem Seniorenheim statt.

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