Rünther Geschichte(n)

August Kühler: Kumpel, Kommunist, KZ-Häftling, Kämpfer für die Demokratie - und letzter Bürgermeister

August Kühler (Dritter von links) bei einer letzten großen Amtshandlung. 1964 unterzeichnete er mit den Kollegen den Vertrag, auf dem die Gründung der Stadt Bergkamen 1966 fußt.
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August Kühler (Dritter von links) bei einer letzten großen Amtshandlung. 1964 unterzeichnete er mit den Kollegen den Vertrag, auf dem die Gründung der Stadt Bergkamen 1966 fußt.

Unter Tage musste August Kühler als Hauer den Rücken krumm machen, über Tage ließ der aufrechte Mann sich auch von den Nazis nicht beugen. Ein Blick auf einen, dem zum Gedenken ein Stolperstein gebührt:

Rünthe – August Kühler war der letzte Bürgermeister der Altgemeinde Rünthe. Bis heute genießt er im Ort große Wertschätzung. Den älteren Einwohnern ist er als sozialdemokratischer Kümmerer in Erinnerung geblieben, dabei war sein eigener Lebensweg von Höhen und Tiefen geprägt. Damit das damit verbundenen Unrecht weiteren Generationen eine Mahnung für eine freie demokatische Gesellschaft ist, könnte Kühler einer der Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes gewidmet werden.

Um welche Menschen aus Bergkamen es geht und welches Schicksal ihnen in der Verfolgung widerfuhr, wollen wir an einigen Beispielen in loser Folge darstellen.

Ein Gründervater der Stadt Bergkamen

Heute also August Kühler, den man historisch als einen der Gründerväter der Stadt Bergkamen betrachten darf, obwohl seine Wiege in einem ganz anderen Landstrich stand. August Kühler wurde am 30. Dezember 1901 in Zedlitzheide im damaligen Landkreis Waldenburg in Niederschlesien geboren. Mit 21 Jahren heiratete er Martha Zeipert. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Tochter Elsbeth wurde 1922 noch in Schlesien geboren, Sohn Fritz 1927 in Rünthe.

Zuzügler in der Kolonie der Waldenburger

Drei Jahre zuvor war die junge Familie in die Bergbaugemeinde gekommen, wo es in den Kolonien der Zeche Werne eine große Einwohnergruppe von Arbeitsmigranten aus dem Kreis Waldenburg gab. Kühler erhielt Arbeit auf der Zeche und gehörte zur Belegschaft am Schacht III. Die Familie wohnte zunächst in der Barbarastraße (heute Taubenstraße), dann Waldstraße 89 (heute Beverstraße) und später für lange Jahre in der Westfalenstraße 58.

In den 1920er Jahren durchlebten die Bewohner der Zechenkolonien eine schwere Zeit, die von wirtschaftlicher Not und politischer Instabilität geprägt war. Rünthe galt dabei als Hochburg der kommunistischen Arbeiterbewegung. Auch Kühler engagierte sich in der KPD.

Bittere Jahre in Armut

Als Folge der Weltwirtschaftskrise wurde der Schacht III im Jahre 1930 stillgelegt. Viele Bergleute gingen in die Arbeitslosigkeit und waren von bitterer Armut betroffen, darunter auch August Kühler. Seine Familie musste für mehrere Jahre von der Wohlfahrt leben. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 gerieten Sozialdemokraten und Kommunisten ins Visier der Nazis, deren Säuberungsaktionen sich zunächst gegen politische Gegner richteten.

Einer der Häftlinge in Schönhausen

Wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD wurde Kühler am 10. März 1933 von der Gestapo verhaftet und ohne ein Urteil in sogenannte Schutzhaft genommen. In Akten des Kreisarchivs Unna sind die Stationen seiner Haft dokumentiert: Gerichtsgefängnis Hamm, Zentralgefängnis Wittlich/Mosel, KZ Schönhausen in Bergkamen und die Konzentrationslager Neusustrum, Börgermoor und Esterwegen. Die Lager im Emsland wurden durch das Lied „Die Moorsoldaten“ bekannt, das die KZ-Häftlinge 1933 schufen und zur Hymne des Widerstands der politischen Gefangenen erhoben.

Als Staatsfeind vom Beruf ausgeschlossen

Als August Kühler am 15. Mai 1934 aus dem KZ entlassen wurden, hatte er eine Haftzeit von 14 Monaten hinter sich. Von den körperlichen Misshandlungen seiner Peiniger berichten die alten Akten. Als politischer Staatsfeind blieb Kühler weitere zwei Jahre von einer beruflichen Tätigkeit ausgeschlossen. Erst im Oktober 1936 durfte er wieder als Hauer auf der Zeche Werne I/II anfahren. Zuvor hielt er die Familie mit Gelegenheitsarbeiten bei den Bauunternehmungen Wind in Pelkum und Kiefer in Duisburg über Wasser.

Nach dem Krieg gleich im Vertrauensausschuss

Das Blatt wendete sich für August Kühler mit dem Ende der NS-Herrschaft. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg rief die Besatzungsmacht einen Vertrauensausschuss ein, dem politisch unbelastete Persönlichkeiten aus der Gemeinde angehörten. August Kühler wurde Mitglied dieses provisorischen Gemeinderats, dem außerdem Franz Arenz, Josef Hillmann, Franz Neumann, Fritz Schmidt, Max Dittrich, Ernst Rüffler, Karl Schnabel, Wilhelm Lichtenberg und Josef Giesen angehörten.

Am 15. September 1946 fand die erste Kommunalwahl nach der NS-Diktatur in Rünthe statt. Kühler zog für die KPD in den Gemeinderat ein und wurde zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt. Das Amt hatte er bis 1952 inne, dann schied er zunächst aus. Ein Jahr zuvor wurde ein Verbotsverfahren gegen die Kommunistische Partei Deutschlands auf den Weg gebracht und 1956 vollzogen. Viele Mitglieder verließen in der Zwischenzeit die Partei.

Ab 1956 für die SPD aktiv

Kühler wechselte zur SPD und kandidierte bei der Kommunalwahl von 1956 wieder für die Gemeindevertretung. Erneut wurde er zum Stellvertreter von Bürgermeister Paul Prinzler gewählt. Als dieser 1963 überraschend starb, trat August Kühler seine Nachfolge an.

Platz in den Geschichtsbüchern

Zur herausragenden Aufgabe seiner Amtszeit wurde die kommunale Neugliederung. Im Stadtarchiv findet sich eine alte Fotografie aus dem Jahre 1964, die die Bürgermeister der damaligen Altgemeinden bei der Unterzeichnung des Gebietsänderungsvertrags zur Gründung der Stadt Bergkamen zeigt. In den Geschichtsbüchern hat er als letzter Bürgermeister der Gemeinde Rünthe und als einer der Gründerväter der heutigen Stadt Bergkamen seinen Platz.

Initiative für einen Stolperstein

Er starb am 29. Juli 1972 in seinem Zechenhaus in der Westfalenstraße. Jüngst hat eine Initiative engagierter Bürger die Teilnahme am renommierten Erinnerungsprojekt der Stolpersteine des Künstlers Gunther Deming angeregt, mit dem bereits in vielen Städten der Verfolgten des Nationalsozialismus an der letzten frei gewählten Wohnstätte gedacht wird. Ein Stein soll August Kühler gewidmet werden, in Erinnerung an sein Schicksal als KZ-Häftling und „Moorsoldat“.

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