Behörden bekommen soziale Corona-Folgen kaum aufs Radar 

Bergkamen in der Pandemie: Amtliche Daten zeichnen nur unvollständiges Bild  

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Infizierte, Genesene, Todesopfer: Täglich gibt es aktuelle Zahlen zur Corona-Lage. Trotzdem ist das Bild über die Pandemie in Bergkamen nur lückenhaft: 

Die Gesundheitsbehörde stellt laufend Fallzahlen online, das Ordnungsamt führt Buch über Quarantänen und Strafen für Verweigerer der Schutzmaßnahmen. Aber was Corona wirklich angerichtet hat in Bergkamen oder mit welchen Folgen zu rechnen ist, das lässt sich kaum fassen. Immer dann, wenn es um die persönlichen Lebensverhältnisse der Menschen in der Krise und damit verbundene Konflikte in den eigenen vier Wänden geht, blicken die Verantwortlichen auf eine Nebelwand. Das zeigte noch einmal die umfassende Betrachtung der Problematik im Ausschuss für Gesundheit und Soziales.

An der Wohnungstür endet der Überblick

„Die häusliche Gewalt hat laut Statistik nicht zugenommen, auch sind die Frauenhäuser nicht voll. Aber das ist leider kein Indiz dafür, dass alles friedlich ist“, leitete Dezernentin Christine Busch die Präsentation der verfügbaren Erkenntnisse mit dem Verweis auf teils trügerische Indikatoren ein. Die Auswirkungen der Pandemie ließen sich in ihrer sozialen Tragweite mit den üblichen Parametern kaum messen. Deshalb hatte sie die involvierten Abteilungen im Rathaus und angeschlossene Institutionen geladen, über ihren Blick auf „Bergkamen in der Pandemie“ zu berichten.

So sieht es das Sozialamt

Um die finanziellen Auswirkungen des Virus auf die Menschen in Bergkamen zu skizzieren, trug Ralf Möllmann vom Sozialamt Arbeitsmarktsdaten vor. Von März bis Juni seien Kurzarbeitsmeldungen von 306 Betrieben eingegangen, 3810 Beschäftigte müssten seitdem mit 87 Prozent des Lohns auskommen. Kreisweit hat dieses Schicksal im selben Zeitraum gut 3500 Firmen mit rund 70 000 Mitarbeitern ereilt. Anders als erwartet, seien die Anträge auf Wohngeld trotz der Einkommensrückgänge nicht deutlich angestiegen. „Und das, obwohl die Hälfte der Betroffenen auch ohne Kurzarbeitergeld Anspruch darauf hätte“, so Möllmann. Um die 1200 Anträge auf Mietzuschuss bei geringem Einkommen bearbeitet seine Abteilung jährlich. Die Frequenz sei gegenüber November aber nur um etwa 50 Anträge gestiegen.

Der verlauf der Pandemie in Bergkamen auf der Zeitachse ab März.

Rund 500 Arbeitslose mehr in kurzer Zeit 

Dass Corona etliche Bergkamener den Job gekostet hat, legen die Daten der Arbeitsagentur offen. Die Zahl der Erwerbslosen insgesamt stieg von 2083 im März auf 2609 im August, die Quote von acht auf zehn Prozent. Unter den Langzeitarbeitslosen seien viele Alleinlebende, sagte Möllmann. Die Zahl derjenigen, die ihre Arbeit kürzlich verloren haben und zunächst Arbeitslosengeld I erhalten, sei von 544 im März auf 847 im August gestiegen. „Das ist nur eine der Auffälligkeiten, die wir sehen können.“ In welchem Maße Zuverdienste mit 450-Euro-Jobs zum Familieneinkommen weggefallen seien, werde gar nicht erfasst. Kurzum: tatsächlich ist es schlimmer. 

Von den Flüchtlingen, die mit dem Okay des Amtes zu ihrem Lebensunterhalt mit Mini-Jobs beitragen, habe fast jeder seine Arbeit verloren. Möllmann: „Die sitzen jetzt alle zuhause und wollen wieder etwas tun.“ Zudem habe der Lockdown erheblich die Bemühungen erschwert, von Obdachlosigkeit bedrohte Familien unterzubringen.

Der Bericht aus dem Jugendamt

Der wohl dichteste Nebel ist beim Jugendamt aufgezogen. Etwa. weil die Corona-Schutzmaßnahmen die üblichen Hausbesuche des Allgemeinen Sozialen Dienstes bei der betreuten Klientel und die vereinbarten Erziehungshilfen auch durch Jugendhilfeträger kaum möglich waren. So blieben zunächst nur Telefonkontakte oder Videochats, um zumindest ein ungefähres Bild zu bekommen. Wie Udo Beckmann berichtete, bestätigte sich die Befürchtung zunehmender Übergriffe hier aber nicht. Maßgeblicher Indikator dafür sei die Anzeige und Prüfung einer möglichen Kindeswohlgefährdung gemäß Paragraf 8 a Kinder- und Jugendschutzgesetz. 230 solcher Fälle seien im Jahr 2019 bearbeitet worden, „und in der Mehrzahl haben wir das auch gut hinbekommen“, so Beckmann. In diesem Jahr seien 146 Meldungen aufgelaufen. Eine Tendenz zur befürchteten Konflikteskalation in Familien, die plötzlich den ganzen Tag auf sich geworfen sind, zeige sich also nicht.

Ohne Schule manchmal weniger Stress daheim

Woran mag das liegen? Beckmann: „Die Schulen und Kitas waren ja auch geschlossen. Eine Vermutung ist, dass der damit verbundene Stress in den Familien weggefallen ist.“ Also: Keine Anrufe wegen schlechtem Betragen oder mangelnder Leistung. Üblicherweise kümmere sich das Amt zudem jährlich bei 40 bis 50 Kindern um massive Schulschwänzerei. Das spiele derzeit aber gar keine Rolle, lieferte der Mann vom Jugendamt einen weiteren Erklärungsansatz. 

Kinder sorgen sich um die Familie 

Andrea Brinkmann, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle, hält den entfallenen Stress ebenfalls für einen prägenden Faktor. Zugleich hätten die Kinder und Jugendlichen aber andere Belastungen erfahren. „Es gab im Lockdown wenig Rückzugsmöglichkeiten, während die gesamte Familie auf engem Raum dauerhaft beisammen war. Es ist längst nicht so, dass hier jedes Kind ein eigenes Zimmer hat.“ Die Sorge um die Familie, die Gesundheit der Eltern und Großeltern habe viele bewegt. 

Homeschooling hat Lücken und Tücken 

Nachdem die Anlaufstelle und Betreuung zunächst auf Telefonkontakt verlegt worden war, habe das Team den „Erziehungsspaziergang“ eingeführt, um mit den jungen Leuten Corona konform im Austausch zu bleiben. Dabei habe sich gezeigt, dass „Homeschooling“ teils unbemerkt von Lehrern wochenlang an Schülern vorbeigelaufen sei, die kein geeignetes Gerät haben und keinen Netzanschluss. „Da geht’s um wirtschaftliche Not, wenn Sie von Kurzarbeit oder 450-Euro-Job leben und sich das nicht leisten können.“ 

Ordnungsamt: Dauerstress und 1000 Überstunden

An Grenzen ist nach den Schilderungen von Patricia Höchst auch das Ordnungsamt im Dauereinsatz gelangt. Mit Anstieg der ersten Infektionswelle (siehe Grafik) habe die Abteilung sieben Tage die Woche durchgearbeitet. Sie zählte 126 Infizierte, zwei Tote, 115 genesene und neun aktuelle Patienten. 598 Quarantänen verfügte und kontrollierte das Amt. Von Mitte März bis Ende Mai wurden täglich Kontrollfahrten unternommen. Den vier Außendienstlern sprangen sechs Kollegen bei. Insgesamt waren 33 Personen eingespannt. Abends, an Wochenenden und Feiertagen, stets mit einem Polizisten an der Seite, wie Dezernentin Busch berichtete. Da liefen gut 1000 Überstunden auf, die per Gleitzeit abgegolten werden müssen. Das Amt prüfte mehr als 300 Hygienekonzepte – und gab mit 46 Bußgeldern vergleichsweise selten den „Sheriff“.

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