"Schwimmen muss zur Grundausbildung gehören"

Spaß statt Angst: Aus Nicht-Schwimmern werden Schwimmer

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Die Nicht-Schwimmer-AG soll Kindern die Angst vorm Wasser nehmen. Viele Kinder können in der vierten Klasse noch nicht schwimmen.

Viele Kinder können in der vierten Klasse noch nicht schwimmen. Die Arbeitsgemeinschaft der Nicht-Schwimmer will diesem Trend mit einer gehörigen Portion Badespaß entgegensteuern.

Bergkamen – Sie haben Spaß im kühlen Nass. Das verraten sie nicht nur mit einem lautstarken „Ja“, das ist beim Blick auf die zehn Kinder im knietiefen Wasser des kleinen Beckens im Hallenbad auch klar ersichtlich.

Sie toben einem Wasserball hinterher, und Olga Gloger und Alina Pohlplatz schauen ihnen schmunzelnd dabei zu. Nur einen Spritzer entfernt ist das Wasser schon etwas tiefer: Auch hier ist eine Kindergruppe unter Aufsicht aktiv, und wagt schon ein bisschen mehr. Mit Hilfe einer Schwimmnudel werden Schwimmbewegungen geübt – und die ersten Mutigen lassen die Nudeln sogar für einen Moment weg und tauchen ein paar Züge.

Natürlich unter Aufsicht und unter einer hingehaltenen Nudel hindurch. Was wirkt wie klassischer Schwimmunterricht, ist keiner. Für die Kinder der Gerhard-Haupmann-Schule initiierte der Runde Tisch bereits vor Jahren eine Nicht-Schwimmer-AG – und macht damit sehr gute Erfahrungen. Seit rund zwei Wochen bietet auch die Jahn-Grundschule so eine AG für die Drittklässler an.

Training an der Gerhard-Haupmann-Schule: Ganz Mutige wagen auch, unter der Poolnudel durchzutauchen.

Das Ziel: Der immer größer werdenden Zahl der Nicht-Schwimmer in der vierten Klasse Herr werden zu können. „Wir können in den vierten Klassen kaum richtigen Unterricht machen, weil wir viele Schüler erst ans Wasser gewöhnen und ihnen die Angst nehmen müssen“, schildert Jahnschulleiterin Susanne Fahrner ein inzwischen alltägliches Problem.

Das Ziel, dass kein Kind ohne Seepferdchen zur weiterführenden Schule wechselt, könne längst nicht mehr erreicht werden. „Wir haben Kinder, die Angst davor haben, im 90 Zentimeter tiefen Wasser umzufallen“, schildert Fahrner ein immenses Problem.

Es fehlt an Wasserflächen

Das haben die Drittklässler im Hallenbad längst nicht mehr. Sie toben und planschen, als wäre dies ihr liebstes Hobby. Dabei sind sechs von ihnen an diesem Tag zum allerersten Mal in einem Hallenbad. „Das Phänomen nimmt zu“, weiß auch Sylke Juds, Initiatorin der Nicht-Schwimmer-AG an der Jahnschule. „Es fehlt einfach an Eltern, die mit ihren Kindern schwimmen gehen – und an Wasserflächen in der Stadt.“ 

Das hat auch der Lionsclub-Präsident Martin Brandt festgestellt. Er selbst lernte noch in der Kleinschwimmhalle Overberge das Schwimmen, seine Kinder in der in Oberaden. Beide gibt es nicht mehr. Ebenso die Lehrschwimmbecken an den Schulen. „Schwimmunterricht gibt es bei uns nur noch in der vierten Klasse“, erklärt Fahrner, die Hallenzeiten sind begrenzt. Externe Angebote müssen her – aber auch die sind überlaufen und haben teils Wartezeiten von eineinhalb Jahren.

An der Jahnschule hat Sylke Juds die Nicht-Schwimmer-AG ins Lebengerufen. Die Kinder haben Spaß im Wasser.

Der Lionsclub unterstützt daher gerne die Nicht-Schwimmer-AGs an den Grundschulen, die über zehn Wochen laufen, mit jeweils 400 Euro. Davon werden die Übungsleitergelder finanziert, die talentierte Kinder in den zehn Einheiten durchaus bis zum Seepferdchen führen können. Die Nutzungsgebühr des Hallenbads übernehmen die Fördervereine der Schulen, für den Bustransfer von der Jahnschule zum Hallenbad und zurück sorgt das Stadtsportamt. „Da haben wir es an der Gerhard-Hauptmann-Schule einfacher. Wir können zu Fuß gehen“, sagt Initiatorin Irene Jung.

Doch der Bus würde die Jahnschule für die zehn Schwimmstunden 1000 Euro kosten. „Das könnten wir uns zweimal im Jahr gar nicht leisten“, sagt Fördervereinsvorsitzende Sylke Juds. Um alle Beteiligten unter einen Hut zu bekommen und das Projekt an der Jahnschule zu realisieren, legte sich Sylke Juds mächtig ins Zeug. „Sie hat da echt Hartnäckigkeit bewiesen“, dankt die Schulleiterin. Denn das größte Problem war tatsächlich, eine Hallenzeit zu bekommen. „Doch Schwimmen muss zur Grundausbildung der Kinder gehören“, findet Sylke Juds. Das sei lebensrettend, und ein Mangel der Fähigkeit letztlich die Schuld der Gesellschaft, in der heute vieles einfach vernachlässigt werde.

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