Andreas Lissner kam mit 15 als Lehrling

Bergkamens letzter Mann unter Tage geht nach 40 Jahren von Haus Aden heim

Nur wenige Meter tief ist die Grube, vor der Andreas Lissner am Fundament des Förderturms steht. 793 Meter Schacht sind darunter verfüllt, nur die Rohre für die Wasserhaltung reichen noch in die Tiefe. Hier entsteht das Maschinenhaus der Hebeanlage.
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Nur wenige Meter tief ist die Grube, vor der Andreas Lissner am Fundament des Förderturms steht. 793 Meter Schacht sind darunter verfüllt, nur die Rohre für die Wasserhaltung reichen noch in die Tiefe. Hier entsteht das Maschinenhaus der Hebeanlage.

Andreas Lissner war Bergkamens letzter Kumpel unter Tage. Mit 15 wurde er Schlosserlehrling auf Haus Aden, 40 Jahre später verlässt er bald, was vom Pütt bis dahin blieb.

Bergkamen – „Wenn hier für mich Schluss ist“, sagt Andreas Lissner, „dann stelle ich mich noch einmal da hin, wo alles angefangen hat. Da halte inne und lasse das auf mich wirken. Und dann gehe ich zu Fuß nach Hause und trinke zwei Flaschen Bier.“ 40 Jahre liegen dann zwischen dem Moment, den sich der 55-Jährige für den letzten Arbeitstag im Bergbau Ende November innerlich schon ausmalt, und dem zitierten Anfang in einer prägenden Industrie, die heute schon museale Anmutung hat.

Für den Lehrvertrage musste Mama mit

„Ich war 15 Jahre alt, hatte freiwillig noch das zehnte Schuljahr gemacht und musste mit der Mama hierher. Alleine durfte man den Lehrvertrag ja nicht unterschreiben.“ Das sagt der Mann, dessen letzter Job es ist, „sein“ Bergwerk Haus Aden zu beseitigen. Bleiben wird nur die zentrale Wasserhaltung, deren Aufbau der Standortleiter beim Verfüllen des letzten Schachtes begleitet hat, so wie nun den nächsten Schritt zur großen Grubenwasserleitung – bis hier auch für ihn als einer der letzten drei RAG-Beschäftigten endgültig Schicht ist.

„Sichere Arbeit noch für die nächste Generation“

Als der heute noch aktive Grubenwehrmann den ersten Fuß auf das Areal zwischen Kanal, Rotherbach und Jahnstraße setzte, schrieben wir das Jahr 1981 und das Bergwerk Haus Aden war, nach der Übernahme der Zeche Grimberg 3/4 einige Jahre zuvor, als Zeche der Zukunft angesehen – in Erwartung der Nordwanderung des Steinkohlebergbaus: „Sichere Arbeit noch für die nächste Generation“, hieß es, als Andreas Lissner die Ausbildung zum Schlosser antrat. „Mein Cousin war schon als Betriebsschlosser da, hier waren mehr als 4000 Mann und für mich war das der kurze Weg in den Beruf“, erklärt er die Entscheidung damals.

Von der Ehre, der letzte auf der Sohle zu sein

Er hat es nie bereut, mit der Mama durchs Werkstor geschritten zu sein, an den inzwischen abgerissenen Lehrwerkstätten mit fast 140 Mann vorbei in die schon geschliffene Verwaltung. „Großes Glück“ und „mein Schicksal“ nennt der „letzte Kumpel“ den Umstand, an dem RAG-Standort aufzuhören, an dem alles begann.

Standortleiter Andreas Lissner in seinem Büro am alten Schacht Aden 2. Die Rückbaupläne hängen an der Wand, vor allem aber viele Erinnerungen an das Bergwerk Haus Aden.

„Eine Ehre“ verspürt Andreas Lissner, dass ihm ein Titel zuteilwurde, bei dem Stolz und Wehmut zugleich mitschwingen: Letzter Bergkamener Bergmann unter Tage. Am 25. September 2019 war das. Abschlussbefahrung durch die Grubenwehr. Da gewährten die Oberführer dem einstigen Lehrling an Schacht Aden 2 den historischen Moment, als Letzter in 940 Metern Tiefe den Fuß von der Sohle zu heben und in den Förderkorb zu steigen. Da hatte Andreas Lissner schon reichlich Übung im Abschiednehmen vom Pütt.

Nach der Lehre begannen die Zusammenlegungen

Noch bevor er die Lehre beendet hatte, kam Victoria Gneisenau zum Aden-Verbund. 1990 vernahmen die Kumpel in der Tagesschau, dass Haus Aden stillgelegt werden solle. Es begann die Zeit der Mahnwachen, Kohlefeuer am Werkstor und Solidaritätsaktionen. Das Revier bäumte sich auf und musste sich dem Strukturwandel doch fügen. Da standen noch 130 255 Mann auf 27 Bergwerken in Lohn und Brot.

„Eigentlich ging’s seit 1984 nur noch bergab“, resümiert Lissner. 1993 die Fusion mit Monopol, fünf Jahre später entsteht mit der Zusammenlegung mit Heinrich Robert das Bergwerk Ost. Im Jahr 2000 zählt man noch 58 082 Beschäftigte auf einem Dutzend Zechen. 2001 endet die Kohleförderung auch auf Haus Aden, im Verbundbergwerk wurde stattdessen in Hamm noch gefördert, bis 2010 auch da Schicht im Schacht war. Aden blieb Wasserhaltungsstandort, sonst hätten die Kumpel in Hamm nasse Füße gekriegt.

Überall war Schluss, nur auf Haus Aden nicht

Nur kam der Deckel nicht drauf, wie geplant. Es kamen Bedenken auf, die beim Strebverbau gegen Entgelt entsorgten Stäube könnten Schadstoffe abgeben und das giftige PCB aus Hydraulikölen mit dem Grubenwasser in gefährlichem Maße zu Tage gefördert werden. Das musste erst gutachterlich entkräftet werden – und eine RAG-Crew auf Aden bleiben. Sonst wäre Lissner schon weg. 2011 begann der Rückbau, mit 115 Kumpel am Standort, wo sie nun noch zu Dritt sind. 2014 sollte alles erledigt sein. Es kam anders.

Fachmann für Aufgaben der Verfüllung

Als Fachmann für Baustoffversorgung und Wasserhaltung unter Tage war Lissner dafür prädestiniert, die Wasserhaltung mit den zunächst noch benötigten Pumpen unter Tage am Laufen zu halten und den Bau des 781 Meter langen Betonpfropfens mit drei Hüllrohren für die künftigen Tauchpumpen Typ XXL zu betreuen. Zumal er sich Mitte der 1990er in vier harten Jahren Abendschule neben der Dauernachtschicht den Staatlich geprüften Maschinentechniker draufgeschafft hatte.

Im Abschiednehmen vom Pütt schon erfahren

An fünf anderen Schächten waren seine Kenntnisse zuvor schon gefragt: „Radbod 5 und 6 haben wir dichtgemacht. Die Schächte Heinrich und Robert, Sandbochum.“ Und dann schließlich Aden. 2016 übernahm Steiger Lissner die Verantwortung für den Maschinenbetrieb und den Standort Ost. Als 2018 mit „Danke Kumpel“ das Ende besiegelt wurde, waren es noch 4125 Mann auf zwei Zechen.

Bewegender Moment im Lichthof

Der Bergmann mit Leib und Seele hat Zahlen und Stationen des Niedergangs seines Metiers im Kopf und bestimmte Bilder im Herzen, bei denen auch die harten Jungs mit weichen Knien dastanden: „Als am Bergwerk Ost Schluss war und die große Verlegung begann. Da standen die Kollegen in der Lichthalle mit ihrem Wäschesack. Dann ging’s in die Busse und ab nach Prosper Haniel und Auguste Victoria. Ein bewegender Moment.“

Die Berufswahl keinen Moment bereut

Aber Andreas Lissner ist einer, der nicht hadert, sondern pragmatisch nimmt, was kommt – und seinen Job erledigt. Wirkliche Existenzsorgen habe der Niedergang ihm nicht bereitet. „In jungen Jahren hatte ich gar keine Angst vor Arbeitslosigkeit. Ich hab’ mir gesagt: Du bist nicht faul, du kannst was. Und wenn’s sein muss, gehen wir halt woanders hin.“ Wie so mancher, von den Kumpel, die mal Weggefährten waren. In den 50er Lebensjahren wäre das schwieriger geworden, aber die Frage stellte ich so nicht. „Und, was auch wichtig ist: Die Partnerin hat’s mitgemacht.“

Arbeitsleben reich an Begegnungen und echten Kumpels

An die 1000 Menschen, schätzt der Lünener, sind ihm auf den Bergwerken persönlich begegnet. Und einige kaum, andere aber gut in Erinnerung geblieben. Auch das schwingt mit in den letzten Tagen. „Über die Schoten mit Achim, Fitti, Willi, Lolo, Schlowi, Olli und Spatz könnte ich ein Buch schreiben.“

Beim Grubenunglück 1992 im Bergungstrupp

Aber der Job unter Tage hat auch eine andere Seite. „Ich war auf Schicht, als wir 1992 das schwere Grubenunglück mit sieben Toten hatten.“ Lissner war mit im Grubenwehrtrupp, der die nach der Gasverpuffung erstickten Kumpel hochgeholt hat. „Da hat keiner gefragt: Brauchst du Hilfe?“, spielt er auf die heute übliche psychologische Betreuung an. Das machte man in der Kaue unter Kameraden oder daheim mit sich selber aus. Und fertig.

Am Körper geht‘s nicht spurlos vorbei

So erklärt sich auch die Kameradschaft, die unter den Männern unter Tage so groß ist, wie wohl an keinem anderen Arbeitsplatz. Verlass muss auf den anderen sein. Fehler kosten im Handumdrehen die Gesundheit oder das Leben. Als Andreas Lissner anfing aufm Pütt, kam das noch häufiger vor. „Aber als junger Mensch nimmt man die Gefahr gar nicht so wahr.“ Der Arbeitsschutz wurde mit den Jahren viel besser, es bleibt aber die Erkenntnis, so der 55-Jährige, „dass jeder gesundheitlich sein Päckchen zu tragen hat, der länger intensiv vor Ort gearbeitet hat.“

Mit dem Bergbau verschwanden Kneipen und Läden

Das und mehr wird dem scheidenden Standortleiter durch den Kopf gehen, wenn er sich innehaltend von Haus Aden verabschiedet. Auch der Weg vom Werkstor heimwärts ist nicht mehr derselbe. Die Eckkneipen fürs Feierabendbier der Kumpel, die Metzgerei mit der besten Fleischwurst weit und breit – und was sonst im Umfeld noch mit und vom Bergwerk lebte – alles Geschichte.

Dass die lebendig und gegenwärtig bleibt, das wünscht er sich. Eine Bereicherung wäre der abgelehnte Erhalt des Förderturms gewesen. In den IG BCE-Gruppen, dem Geschichtskreis Haus Aden und der Grubenwehrvereinigung werden Tradition und Gedenken bewahrt.

Den Römerpark gibt‘s - was erinnert an Bergbau?

„Nach 2000 Jahren gedenkt man in Oderaden der Römer“, zieht Lissner einen Vergleich. „Es wäre schön, wenn im Jahr 4000 auch an die gedacht wird, die Stadt und Region groß gemacht und entscheidend geprägt haben.“ Dafür biete zumindest die Halde gewisse Gewähr.

Für sich selbst denkt der letzte hiesige Bergmann unter Tage freilich in kürzeren Zeiträumen: „Wenn die Wasserstadt mal fertig ist, dann wird es da ja hoffentlich einen Biergarten geben. Da setze ich mich dann hin und guck’ mal, wer da noch so kommt – also von denjenigen, die wissen, was darunter mal gewesen ist.“

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