"Alle sind aufmerksamer": Pastor Thorsten Neudenberger über das Gemeindeleben in Corona-Zeiten 

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Thorsten Neudenberger (53) ist Pfarradministrator der Katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist. Hier steht er vor der Kirche St. Elisabeth an der Parkstraße, die im Innern saniert und umgestaltet werden soll

Bergkamen – Die Corona-Pandemie bringt das Gemeindeleben durch die vielen Auflagen zur Kontaktaufnahme gehörig durcheinander. Pastor Thorsten Neudenberger von der Katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist erzählt im Interview, wie er die Zeit erlebt und was sie mit den Menschen in seiner Gemeinde macht.

Die Fragen stellte ihm WA-Redakteur Jürgen Menke.

Glaubensgemeinschaften leben vom Gespräch, vom Erfahrungsaustausch und dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Zusammenkünfte sind in Zeiten von Corona aber schwieriger geworden. Haben Sie die Befürchtung, dass die Pandemie das Gemeindeleben nachhaltig schädigt? 

Da bin ich mir nicht ganz sicher. Auf der einen Seite werden Leute merken, dass sie ihren Glauben auch zu Hause gut leben können, indem sie etwa Gottesdienste im Internet mitfeiern. Auf der anderen Seite erlebe ich ganz, ganz viele Menschen, die sagen: Hoffentlich hört das bald wieder auf, damit wir uns treffen können.

Welche Sorgen formulieren die Gemeindemitglieder? 

Wenn Sorgen formuliert werden, sind das meistens existenzielle: Wie ist das mit meinem Arbeitsplatz? Wie ist das mit den Kindern? Werden sie weiterhin gut ausgebildet? Bleiben die Kitas geöffnet

Was können Sie dann tun? 

Zuhören, ermutigen ... Gespräch anbieten. 

Hat sich durch Corona auch etwas zum Positiven hin verändert? 

Ich stelle fest, dass die Menschen aufmerksamer geworden sind – auch füreinander. Man weiß meistens ziemlich gut, wie es dem anderen geht. Die Beziehungen untereinander sind schon intensiver geworden. 

Wie bekommen Sie das mit? 

Das Allermeiste durch unsere Gottesdienste. Wir feiern mittlerweile wieder zwei Gottesdienste in St. Elisabeth – sonntags um 10 und um 11.30 Uhr. Da ergibt sich vor und nach den Feiern so einiges an Gesprächen. Auch machen wir weiterhin Tauf- und Kondolenzbesuche.

Gottesdienste auf Youtube 

Die 10-Uhr-Messe wird live auf der Homepage und auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde übertragen. Wird das als adäquater Ersatz wahrgenommen? 

Die Menschen haben darauf gewartet, dass es wieder möglich wird, in die Kirche zu kommen – auch wenn die Gottesdienste noch ohne Gesang auskommen müssen. Das Online-Angebot wird ebenfalls dankend angenommen, auch wenn die technischen Möglichkeiten der Übertragung begrenzt sind. Wir haben im Grunde nur eine einzige Kameraperspektive auf den Altar. 

Wie viele schauen sich denn jede Woche den Online-Gottesdienst an

Live zählen wir rund 80 bis 100 Internetaufrufe, im Nachgang steigert sich das auf bis zu 150. Viele schauen auch gemeinsam mit anderen, mit Familienangehörigen oder Nachbarn. In der Elisabeth-Kirche haben wir – je nachdem, ob Familien kommen, die zusammensitzen können – Platz für 60 bis 80 Gottesdienstbesucher. Und die kommen auch zusammen. 

Die Kirchengemeinde bietet aktuell zwei Gottesdienste pro Woche an, einer wird im Internet gestreamt.

Nach Weisung des Erzbistums sind die Erstkommunion-Feiern im Frühsommer ausgefallen. Zurzeit wird diskutiert, ob sie noch 2020 in veränderter Form nachgeholt oder auf 2021 verschoben werden. Wofür plädieren Sie? 

Wir haben den Familien angeboten, sich zu entscheiden. 40 wollen die Feier nachholen. Dazu stehen die Termine samstags und sonntags im August und September zusätzlich zu den Gemeindemessen fest. 20 Familien wollen die Erstkommunion auf 2021 verschieben, bei weiteren 20 warten wir noch auf eine Rückmeldung. 

Seit April gibt es keine Pfarrnachrichten mehr, weil eh kaum etwas anzukündigen ist. Wie wollen Sie als Kirche öffentlich wahrnehmbar bleiben? 

Bei den Kondolenzbesuchen lernen wir eine Menge Leute kennen, denen wir sonst nicht begegnen würden. Durch unseren Gemeindereferenten, der technisch sehr versiert ist, sind wir jetzt auch bei Instagram, bei Facebook und Youtube. Auch hier versuchen wir, Menschen zu erreichen. 

Renovierung der Elisabeth-Kirche

Wegen der Pandemie sind die Gemeindehäuser geschlossen, Tauffeiern und Trauungen finden unter besonderen Auflagen statt: Muss sich Gemeinde angesichts von Corona dauerhaft neu aufstellen?

Es bleibt abzuwarten, wie lange wir die Pandemie haben werden. Gemeinde hat etwas mit Begegnung und Gespräch zu tun, das bleibt unverzichtbar. Ich hoffe auf bessere Zeiten. Wir werden uns aber auch im Vermögensverwaltungsrat am 17. August mit der Frage beschäftigen, inwieweit wir die Pfarrheime wieder öffnen können. Auch hier gibt es allerdings Auflagen. So sollen die Küchen nicht in Betrieb genommen werden. Wir haben aber viele Seniorengruppen, die gern bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen und sich dabei viel erzählen. 

Wie gehen Sie persönlich mit der Gefahr durch das Virus um? 

Ich versuche natürlich auch, mich zu schützen und alle Maßgaben einzuhalten. Mehr kann ich nicht tun. 

Abhängig oder unabhängig von Corona: Welche Projekte geht die katholische Kirchengemeinde mit ihren fünf Kirchenstandorten in naher Zukunft an? 

Ein großes Projekt ist die Innenrenovierung der Elisabeth-Kirche. Wir wollen sie öffnen auch für Außergemeindliches. Wir haben zum Beispiel gute Erfahrungen mit dem Lichtermarkt gemacht, der in diesem Jahr leider ausfallen muss. Dazu fanden immer einige Darbietungen bei uns statt. Zurzeit werden die Kosten für eine Umgestaltung ermittelt, vielleicht kann es schon im nächsten Jahr losgehen. Geplant sind zum Beispiel große Vorhänge, mit denen man den Raum aufteilen kann. Die Kirche soll nicht nur Ziel für fromme Menschen sein. 

Nur noch ein Priester für Bergkamen

Brauchen Sie nach der Schaffung eines Pastoralen Raums zusammen mit Bönen und Kamen noch all ihre Gebäude? 

Wenn der Pastorale Raum kommt, ist das auch der Anlass, ein Immobilienkonzept zu entwerfen. Da muss man dann schauen, welche Kirche und welche Gemeindehäuser werden wir noch brauchen. Zurzeit ist das noch kein Thema. Möglich wäre es zum Beispiel, auf Basis der Pastoral Schwerpunkte an Kirchen auszubilden, etwa eine Jugend- oder Familienkirche. In Heeren gibt es eine schöne alte Kirche, in der Menschen gerne heiraten. Fest steht allerdings schon, dass der künftige Priester für Bergkamen – der Personaleinsatzplan für den Pastoralen Raum sieht für die drei Städte jeweils einen Priester vor – im Pfarrhaus St. Elisabeth wohnt, wie ich es derzeit tue. Die Pfarrhäuser in Rünthe und Weddinghofen, wo derzeit meine Kollegen Günter Kischkewitz und Sebastian Zimmert wohnen, werden nicht dauerhaft Sitze eines Priesters sein. 

Sind Sie zufrieden mit dem Start der zum 1. Januar 2020 gebildeten Kirchengemeinde Heilig Geist oder hatten sie ihn sich anders vorgestellt? 

Die Arbeit im Vermögensverwaltungsrat läuft gut an. Was zu tun war, haben wir gemacht. Das Gemeindebüro in St. Elisabeth, das als einziges bleiben wird, wollen wir noch modernisieren. Hier soll ein Back-Office entstehen, sodass wir Publikumsverkehr haben und trotzdem in Ruhe arbeiten können.

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