Flucht aus Pakistan

Ali Sawab hofft auf ein neues Leben in Deutschland

Ali Sawab (rechts) gemeinsam mit seinem Mitbewohner Shabir Ali (links) und Frank Schabbehardt, bei dem sie eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker machen
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Zusammen auf Achse: Seit drei Jahren absolviert Ali Sawab (rechts) gemeinsam mit seinem Mitbewohner Shabir Ali (links) eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bei Frank Schabbehardt. Im Januar steht für das Duo die praktische Prüfung an.

Bergkamen/Parachinar – Vor fünf Jahren flüchtete Ali Sawab vor Terror und Gewalt aus Pakistan nach Deutschland. Er lernt die Sprache, beginnt eine Ausbildung, passt sich an. Trotzdem steht er vor einer unsicheren Zukunft.

Über 7500 Kilometer legte Ali Sawab 2015 zurück. Er floh vor Gewalt, vor Angst, vor Terror in seinem Heimatland. Floh vor Bomben, und Entführern. Sawab kommt aus Parachinar, einer Stadt in den sogenannten Stammesgebieten (FATA) Pakistans. Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung war die Region politischen Prozessen in Pakistan weitestgehend entzogen. Die FATA galten als Rückzugsort für Taliban.

Sawab war Mitglied einer Anti-Terror-Organisation, die sich gegen den Einfluss der Taliban wehrte. „Wir waren ganz normale Zivilisten“, erinnert sich der 27-Jährige. Zusammen mit der Polizei errichteten sie Posten vor der Stadt, kontrollierten Menschen, taten alles, um den Terror von ihrer Heimatstadt fernzuhalten. „2014 wurde der Anführer unserer Organisation getötet“, sagt Sawab. Das Leben in Pakistan sei zu gefährlich für ihn geworden. Viele seiner Mitstreiter seien getötet worden. „Auch ich wurde entführt und angegriffen, aber habe überlebt“, sagt Sawab. 2015 verließ der junge Pakistaner Familie, Freunde und Heimat und traute sein Leben Schmugglern an.

„Mein Leben lag nicht mehr in meinen Händen“

Diese brachten ihn über sechs verschiedene Länder bis nach Deutschland. „Wir waren den Schmugglern ausgeliefert“, erinnert sich Sawab. Wer sich verletzte, schaffte es entweder, weiterzulaufen – oder blieb allein zurück. Wer erschöpft war, wurde mit einem Gürtel geschlagen. „Mein Leben lag nicht mehr in meinen Händen“, so der 27-Jährige.

Ein Ziel hatte Sawab nicht. „Ich habe mich nicht für Deutschland entschieden, sondern wollte nur weg von dem Terror.“ In einem Flüchtlingslager in Bulgarien habe er so wenig Nahrung bekommen, dass er vor Erschöpfung nicht mehr laufen konnte. „Da konnte ich nicht bleiben.“ Er flüchtete weiter, bis Deutschland. Landete über München, Düsseldorf und Bielefeld in Bergkamen in der Fritz-Husemann-Straße.

„Es ist ein schönes Gefühl, keine Angst vor Gewalt haben zu müssen“

Ein schwieriger Start in ein neues Leben: Sawab lebte mit sieben weiteren Geflüchteten in einer Unterkunft. „Das war ein ganz schlimmer Zustand“, erinnert er sich. „Die Wohnung war dreckig und kaputt“, sagt auch Bettina Schabbehardt vom Flüchtlingshelferkreis Bergkamen. Sie und ihre Mitstreiter halfen Sawab und vielen weiteren Geflüchteten bei der Eingewöhnung. 2016 erreichte die Gruppe, dass Sawab in einer anderen Unterkunft untergebracht wurde. Dort lebte er erst mit vier, aktuell mit drei weiteren Geflüchteten. „Es ist ein schönes Gefühl, keine Angst vor Gewalt haben zu müssen. Die Ruhe ist sehr friedlich“, sagt Sawab und lächelt. „Ich muss nicht befürchten, dass jemand eine Bombe zündet“, fügt der 27-Jährige hinzu.

Er belegte 2016 den Deutschunterricht des Flüchtlingshelferkreises und des Multikulturellen Forums. „Die Sprache ist sehr schwer“, sagt Sawab. Vor allem die Artikel waren für den 27-Jährigen herausfordernd. Kosten für einen offiziellen Deutschkurs wurden nicht übernommen. Seine Deutschprüfung für das B1-Niveau bezahlten Bettina Schabbehardt und ihr Mann Frank. „Die Kurse hat er nicht bewilligt bekommen“, erinnert sich Bettina Schabbehardt.

2017 veränderte sich Sawabs Leben nachhaltig. Er begann als einer von drei Geflüchteten eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker im Betrieb des Ehepaars Schabbehardt. Zeitgleich arbeitete er am Wochenende bei Burger King – bis heute.

Der ehemalige Lehrer macht jetzt eine Ausbildung

Nur ein Wochenende im Monat hat er frei, kann entspannen. „Das ist schon sehr viel Arbeit“, so Sawab. „Aber daran gewöhnt man sich.“ Auch an seinen neuen Beruf musste sich der Geflüchtete erst gewöhnen. „In Pakistan habe ich studiert und als Lehrer gearbeitet.“ Seine Qualifikation wurde nicht anerkannt. „Die Ausbildung hat mir anfangs keinen Spaß gemacht“, erinnert sich der 27-Jährige. Das änderte sich schnell – auch dank seines Teams. „Ich habe einen super Chef, super Kollegen.“

2017 übernahmen die Schabbehardts die Kosten für Sawabs Führerschein. Für ihn der zweite, sein pakistanisches Papier wurde nicht anerkannt. Das Geld will er, so gut es geht, zurückzahlen. „Wir sehen das nicht so eng“, unterstreicht Bettina Schabbehardt. Der deutsche Straßenverkehr – für Sawab eine andere Welt. „In Pakistan ist es chaotischer und es wird viel mehr gehupt.“

Seine Flucht vor Terror und Gewalt in Pakistan führte Ali Sawab (27) nach Bergkamen. Hier absolviert er aktuell eine Lehre. Sein Asylantrag wurde nach fünfeinhalb Jahren abgelehnt. Dennoch hofft der junge Mann, mit Abschluss der Lehre und Festanstellung als Geselle in Deutschland bleiben zu können.

Die deutsche Kultur lernte Sawab in den vergangenen Jahren von Grund auf kennen. „Anfangs wusste ich nicht einmal wie man sich hier begrüßt“, sagt der Pakistaner. Viele Deutsche würden weniger Zeit mit ihren Familien verbringen als die Menschen in Pakistan. „Manche Deutsche sind hier etwas steif. Im Bus hört fast jeder Musik, statt sich zu unterhalten“, sagt Sawab.

Trotzdem sei der Großteil der Menschen, die er kenne, fröhlich und respektvoll. Besonders die multi-kulturellen Bereiche Deutschlands mag Sawab. „Es gibt hier so viele verschiedene Menschen.“ Trotzdem: „Kein Land ist so schön wie das Heimatland“, sagt Sawab mit Blick auf sei- ne Vergangenheit.

Ein Land, in das er nun zurückkehren soll. Fünfeinhalb Jahre wurde Sawabs Asylantrag bearbeitet. Das Ergebnis: negativ. „Das hat sich angefühlt, als sei jemand Nahestehendes gestorben“, so Sawab. Ein Teil der Begründung: Pakistan sei ein großes Land, es bestehe eine inländische Fluchtalternative. Sawab widerspricht. „Man würde in anderen Regionen sofort erkennen, dass ich aus Parachinar komme und ich wäre nicht sicher.“ Wenn er könne, würde er zurück nach Pakistan gehen. „Aber hier geht es nicht um einen Job, sondern um mein Leben“, so der Geflüchtete.

Aktuell wird er bis Ende Dezember geduldet. Seine letzte Hoffnung auf einen Verbleib in Deutschland ist seine Arbeit. Anfang Dezember absolvierte er die theoretische Prüfung seiner Ausbildung. „Ich war unfassbar nervös“, gibt der 27-Jährige zu. Im Januar steht nun der zweite Teil, seine praktische Prüfung, an. Klappt alles, stellen die Schabbehardts ihn anschließend fest ein. „Wir sind vollkommen begeistert von ihm“, sagt Bettina Schabbehardt. Mit einer Berufsausbildung und qualifizierter Beschäftigung besteht laut Aufenthaltsgesetz die Möglichkeit, dass Sawab eine Aufenthaltserlaubnis erhält. Ein Hoffnungsschimmer in einer ungewissen Zukunft.

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