Gegen das Vergessen

Rünther Aktionskreis stößt Stolperstein-Verlegung für NS-Opfer an

Die Opfer des NS-Regimes haben Namen und Gesichter. Etwa August Kühler aus Rünthe, hier auf dem Foto seines Verfolgtenausweises. Er wurde als KPD-ler verhaftet und nach dem Krieg engagierter Sozialdemokrat.
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Die Opfer des NS-Regimes haben Namen und Gesichter. Etwa August Kühler aus Rünthe, hier auf dem Foto seines Verfolgtenausweises. Er wurde als KPD-ler verhaftet und nach dem Krieg engagierter Sozialdemokrat.

Von einem „weißen Fleck auf der Karte der Erinnerungskultur“ war oft die Rede. Ist Bergkamen doch die einzige Stadt im Kreis Unna, die keinerlei Initiative entwickelt hat, über die Aktion der Stolpersteine zu vergegenwärtigen, wer hier Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geworden ist. Solche Schicksale, mithin Anlass zur Beteiligung, gibt es entgegen früherer Einschätzung.

Rünthe – Das macht der Antrag deutlich, mit dem der „Aktionskreis Wohnen und Leben“ sich anschickt, den weißen Fleck von der Karte zu tilgen. Sieben frühere Mitbürger aus den heutigen Ortsteilen schlägt der Verein mit einem Antrag an Bürgermeister Bernd Schäfer für die Verlegung solcher Stolpersteine aus dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig vor: Hermann und Amalie Hertz mit ihren Töchtern Grete und Lieselotte, Max Herrmann, August Kühler, Ernst Bronheim.

„Im Kreis Unna finden sich Stolpersteine in allen Kommunen, nur Bergkamen hat sich bisher nicht daran beteiligt“, sagt Karlheinz Röcher, der Vorsitzende des Aktionskreises. „Das soll sich nun ändern.“ Und zwar auf Basis der Recherchen, die unser freier Autor Manuel Izdebski übernommen hat. Der ist ein „Rünther Junge“, lebt zwar heute in Dortmund, arbeitet von dort aber seit Jahren akribisch an Nachforschungen in der Geschichte des Ortes.

„Um Termin mit Künstler kümmern wir uns“

Izdebski hat den Arbeitskreis in seiner alten Heimat als Plattform für eine Stolperstein-Initiative aus der Bürgerschaft gewinnen können. So kündigte der Vorsitzende Röcher sogar an, der Stadtverwaltung bei der Umsetzung und Vorbereitung einer Verlegung der Gedenksteine behilflich zu sein: „Um einen Termin mit dem Künstler Gunter Demnig würden wir uns kümmern. Unser Aktionskreis würde eine würdige Zeremonie organisieren. Vielleicht kann man eine weiterführende Schule für das Programm gewinnen.“

Auch einen Spendenaufruf kann Röcher sich vorstellen. Die Stolpersteine werden in der Werkstatt von Gunter Demnig gefertigt und kosten 120 Euro das Stück. Der Künstler versieht einen Betonstein mit einer Messingplatte, in die der Name des Verfolgten, Geburtsdatum sowie Hinweise auf den Todestag, Deportation in ein Lager oder geglückte Emigration eingeschlagen werden.

Das Konzept sieht vor, diese Erinnerungen vor dem jeweils letzten frei gewählten Wohnort des Betreffenden zu verlegen, in aller Regel geschieht dies im Gehweg oder Pflaster städtischer Plätze. Das soll deutlich machen, dass die Opfer des NS-Terrors Teil der Gesellschaft waren, aus der sie wegen ihres Glaubens oder politischen Ansichten gerissen wurden.

Vollzugsmeldung an den Landrat: Der seinerzeit zuständige Amtsbürgermeister von Pelkum meldete dem Landrat in Unna Anfang 1941 die „Entjudungsgeschäfte“ im Bezirk, darunter den Verkauf des Hertzschen Besitzes an Franz Kroes aus Werne. Eine Verbindung zum heutigen Modegeschäft dort besteht lange nicht mehr.

So wie etwa Ernst Bronheim, der als Funktionär der KPD nach dem Reichstagsbrand im Januar 1933 verhaftet und über das hiesige Lager Schönhausen ins KZ Bauweiler verschleppt und dort wahrscheinlich ermordet wurde. Der amtlichen Version seines Selbstmordes im April ‘33 haben Zeugen widersprochen.

Der Rünther August Kühler wurde als KPD-Mann im selben Kontext verhaftet, durchlitt eine Odyssee durch Gefängnis und Lager bis ins KZ Börgermoor, kam aber wieder frei. In die Ortgeschichte ging Kühler als Sozialdemokrat und letzter Rünther Bürgermeister vor der Gründung der Stadt Bergkamen ein.

Neues Leben in den USA

Die Gedenkaktion orientiert sich am Unrecht und den persönlichen Schicksalen, wurde vielfach – und vormals auch in Bergkamen – als Erinnerung an den Holocaust wahrgenommen. Da gäbe es, so der frühere Tenor, keinen Anlass, da die Familie Hertz die einzigen Bergkamener Juden seinerzeit gewesen und in die USA emigriert seien.

Gleichwohl haben sie ihr Modegeschäft seinerzeit unter Zwang verkauft, um ausreisen zu können. Stolpersteine für derlei Schicksale gibt es, in Werne etwa für die jüdische Familie Heimann. Letzter frei gewählter Wohnort der Hertz’ war Bergkamen, der Umzug nach Dortmund vor der Ausreise erfolgte notgedrungen.

Und dann ist da noch der Friseur Max Hermann aus Overberge. Auch er hat die Judenverfolgung überlebt, in der Nachbarschaft sogar, aber unter erheblichen Risiken für ihn und andere: Erna und Heinrich Kampert hatten Herz und Mut, ihren Schwager im Keller ihres Hauses in Stockum zu verstecken, nachdem er im August 1944 nach einem Bombenangriff bei der Zwangsarbeit entkommen konnte. Auch er begann später ein neues Leben in den USA.

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