"Wir öffnen Türen"

Der qualmende Riese: Ein Blick ins Bergkamener Kohlekraftwerk

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Ludger Trümper zeigt die Mühle, mit der die Kohle pulverisiert wird.

In unserer Adventsserie werfen wir bis Heiligabend einen Blick hinter Türen, die sonst für die meisten Bergkamener verschlossen bleiben. Dazu zählt auch das Kraftwerk in Heil.

Bergkamen – Es ist eines der wenigen Bauwerke, das aus nahezu ganz Bergkamen zu sehen ist: das Kraftwerk. Wer über die Rünther Straße Richtung Marina fährt, sieht es ebenso am Horizont wie der Spaziergänger am Beversee oder auf der Halde oder derjenige, der aus Süden in die Stadt fährt.

Und wenn der Schornstein „qualmt“, wird dort auch fleißig gearbeitet und Strom produziert. Doch manchmal gibt es kein sichtbares Zeichen einer Tätigkeit – und der stellvertretende Kraftwerksleiter Ludger Trümper erklärt, warum. Dass es im Ruhrgebiet viele Kraftwerke gibt, überrascht eigentlich nicht. Denn Strom war ein Abfallprodukt der Zechen.

Ein Abfall, der sich in Zeiten immer stärker werdender Elektrifizierung prima verkaufen ließ. 1978 wurde in diesem Zusammenhang der Bau des Heiler Kraftwerks begonnen, das heute der Steag als alleinigem Eigentümer gehört. Als es im September 1981 in Betrieb ging, firmierte es unter der VEW, später unter anderem auch unter RWE. Das Besondere des Kraftwerks ist seine Rauchgasentschwefelungsanlage. Die Heiler Energieschmiede war damals eine der ersten, die diese Technik nutzte.

Gesteuert wird das Kraftwerk von der Leitwarte aus. Detlef Miskiewicz ist einer von rund 40 Kraftwerkern.

Eine Stickstoffmischanlage folgte 1989. Komplett ausgelegt auf die Kohle, die auf Neumonopol auf der anderen Seite des Kanals zu Tage gebracht wurde, glaubte man an eine gute Zukunft. Transportiert wurde die Kohle über ein zwei Kilometer langes Förderband, und alle Produktionsverfahren waren auf die Qualität der Bergkamener Kohle ausgelegt. Doch dann wurde die Zeche 1998 geschlossen. Das Kraftwerk musste flexibel werden. Heute kommt die Kohle per Schiff, landet im Hafen, der 1984 ausgebaut wurde.

Und auch das als Katalysator benötigte Ammoniak kommt über den Datteln-Hamm-Kanal. „Wir sind der einzige Standort in ganz Deutschland, der diese Chemikalie per Schiff bekommt“, sagt Ludger Trümper. Er ist stolz darauf, denn der Wasserweg sei wesentlich sicherer, als den Stoff von Ludwigshafen oder Antwerpen über die Autobahn zu transportieren.

Um die sich stets verändernden zulässigen Grenzwerte einzuhalten, wird das Kraftwerk immer wieder optimiert. „Dadurch haben wir auch höhere Erzeugungskosten als die Braunkohle oder die erneuerbaren Energien“, erklärt Trümper. Die am Markt gezahlten Preise für Energie müssen daher so gut sein, dass das Steag-Kraftwerk seinen Strom mit Profit verkaufen kann. Ist dem nicht so, stehen die Turbinen still. Und das bei einem Kraftwerk, das eigentlich dafür konzipiert wurde, um durchzulaufen. „Die Flexibilität, die der Anlage abgefordert wird, ist schon enorm“, gibt Trümper zu.

80000 Tonnen Kohle

Doch das Kraftwerk lässt das Vorgehen zu, denn die Anlagen können vergleichsweise schnell wieder hochgefahren werden. „Wenn wir komplett kalt waren, brauchen wir nur sieben bis acht Stunden. Im Drei-Schicht-Betrieb wird daher so gearbeitet, wie das Netz das Kraftwerk braucht. 95 Mitarbeiter haben so Arbeit, plus weitere 35 in den Werkstätten.“ Dass dem Kraftwerk mal die Kohle ausgehen könnte, glaubt Trümper nicht. Auf dem Gelände lagern immer rund 80 000 Tonnen.

Maximal können 200 000 Tonnen vorgehalten werden. Und benötigt werden rund 5500 bis 6000 Tonnen pro Tag – wenn Strom produziert wird. Und dann können damit 3,8 Millionen Menschen mit Strom versorgt oder 7,8 Millionen Glühbirnen zum Leuchten gebracht werden. Doch wie wird aus Kohle überhaupt Strom? Zunächst wird die zu feinem Staub zermahlen. Der wird getrocknet, weil er dann besser brennt. Im Kesselhaus befinden sich außerdem Rohrleitungen mit Wasser.

Auf Kraftwerksgelände lagern immer rund 80 000 Tonnen Kohle. Maximal könnten es 200 000 Tonnen sein.

Durch die Hitze wird das zu Wasserdampf und der schießt mit 535 Grad Celsius durch die Leitungen und treibt eine Turbine an, die 3000 Umdrehungen pro Minute macht. Am Ende dieser Anlage drehen sich Schaufelrädchen schneller als der Schall. Und aus dieser Bewegung entsteht elektrische Energie. Transformatoren nehmen ihn auf und leiten die Spannung ins Netz, während der Wasserdampf im Kondensator wieder zu Wasser wird. „Im Kühlwasserkreislauf verdunsten circa 6 Prozent“, erklärt Trümper.

Der Rest fließt in die Lippe. Und damit schließt sich auch hier ein Kreislauf. Denn der Datteln-Hamm-Kanal wird von der Lippe gespeist – und das benötigte Wasser zieht sich das Kraftwerk aus dem Kanal. Das Wasser, das nicht mehr benötigt wird, fließt wieder in die Lippe. Übrig bleibt im Produktionsprozess nur Asche – ungefähr 30 Gramm pro Kubikmeter. – die geht in die Betonindustrie.

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