Letzte Fahrt war an Silvester 2019

Abschied von der Santa Monika 3: Ausflugsschiff verlässt Bergkamen

Jacob Smit Santa Monika
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Über den Sommer hinweg brachte Jacob Smit (70) die Santa Monika 3 noch auf Vordermann. Nun gibt er das Schiff ab – früher als geplant. Das Steuerrad baut er zuvor aus, an dem hat er einst gelernt.

In der Marina Rünthe wird in Kürze etwas fehlen: die Santa Monika 3. Kapitän Jacob Smit (70) und Ehefrau Monika Smit-Fuest (72) haben ihr Fahrgastschiff verkauft. Es tuckert bald bei Stuttgart über den Neckar – nicht mehr als Party-, sondern als Weinschiff.

Rünthe - Die Smits sind nicht mehr die Jüngsten. „Deswegen hatten wir vor, das Schiff im kommenden Jahr an meine Schwägerin in Dortmund abzugeben“, sagt Jacob Smit. Die betreibt dort die Santa Monika 1 und die Santa Monika 2. Die „3“ sollte Letztere ersetzen. Doch daraus wurde nichts – wegen Corona.

Die Pandemie hat auch verhindert, dass Smit wieder Fahrten mit Gästen aufnehmen konnte. Silvester 2019 war seine letzte Event-Tour, dann folgte die Winterpause, dann kam das Virus – und mit ihm die Absagen bereits gebuchter Fahrten.

Über den Sommer hinweg brachte Smit seinen Kahn auf Vordermann, strich Paneele und Tresen, befreite die Fußböden von Schmiere. Dass er in Zeiten, in denen immer mehr Schiffseigner den Fahrbetrieb aufgeben, einen Käufer für sein Schmuckstück findet, der dann auch noch einen angemessenen Preis bezahlt – damit hat er nicht gerechnet. Doch genau so ist es nun gekommen.

„Ein Bekannter aus Rünthe hatte mir eine Mail geschickt, dass er einen Interessenten kennt“, berichtet Smit. Er nahm Kontakt zum potenziellen Käufer auf, und gleich beim ersten Besuch war man sich handelseinig. „Das war Glück im Unglück.“

Die „Oldie“, ein um 1900 gebautes Plattboot, hat Smit schon vor einigen Jahren erworben. Sie bleibt in der Marina Rünthe vor Anker, während das große Fahrgastschiff künftig über den Neckar tuckert.

Smit weiß, dass sein Schiff, das er seit 47 Jahren steuert, besser in Schuss ist als viele andere, auch wenn es schon 1975 vom Stapel gelaufen ist. Die regelmäßige Innen- und Außenpflege ist ihm nicht nur ein inneres Bedürfnis, sondern dient am Ende auch dem Werterhalt.

Auf dem Weg nach Stuttgart macht die Santa Monika 3 noch in einer Werft in Duisburg Halt. „Der neue Eigner plant Umbauten“, erläutert Smit. Vorher aber muss ein Notanker samt Winde installiert werden.

Ohne das Virus wäre ich am Steuerrad gestorben und meine Frau hinter der Theke.

Kapitän Jacob Smit

Der Grund: Die Ruhrgebietsstadt mit Europas größtem Binnenhafen ist wegen einer gesperrten Schleuse in Wanne-Eickel derzeit nur über den Rhein zu erreichen, und ohne intakte Anker dürfen Flüsse nicht befahren werden. Auf Kanälen ist das anders, daher ist die Technik an der Santa Monika 3 einst verschwunden. Die jeweils 500 Kilogramm schweren Anker sind angeschweißt und damit nur noch Zierde.

In der Werft erhält das Schiff neben einem dann dauerhaft nutzbaren Ankersystem unter anderem Glas-Trennwände zwischen den Tischen, das Matrosenzimmer verschwindet zugunsten einer Ausstellungsfläche für Weine. Eine technische Abnahme mit Überprüfung der Bordwände mittels Röntgenstrahlen soll die Betriebserlaubnis um weitere fünf Jahre verlängern.

Das Plattboot bleibt in Rünthe

Für Smit war die Santa Monica 3 gleichermaßen Hobby und Broterwerb. „Das Feiern mit den Gästen wird mir sehr fehlen“, sagt er und versucht, nicht wehmütig zu werden. „Aber da muss ich nun durch und da komme ich auch durch“, fügt er hinzu.

Der Pandemie kann Smit auch etwas Positives abgewinnen. Zwar ist das Virus der Grund, warum er sein Schiff früher abgibt als gedacht. Gleichzeitig aber habe ihm Corona ermöglicht, ganz langsam und behutsam Abschied zu nehmen von seiner schwimmenden Liebe – und ihn dabei auch ein Stück „ins Leben zurückgeholt“.

Der Schriftzug auf der Santa Monika 3 wird verschwinden. Wie das Schiff künftig heißen soll, steht aber noch nicht fest.

„Ohne das Virus wäre ich am Steuerrad gestorben und meine Frau hinter der Theke“, sagt der 70-Jährige. Dagegen hätten beide die lange Zeit im Sommer als erholsam genießen können und gemerkt, dass es auch ohne die viele Arbeit geht. Das Hingleiten ins Rentnerdasein hat an Schrecken verloren.

Zwei letzte Fahrten stehen Smit noch bevor: Zuerst geht’s zur Montage des Notankers in den Heimathafen Hamm, weil dort der dafür notwendige Kran steht. Dann steht Duisburg als Ziel im Logbuch. „Erst nach dem Umbau werde ich das Schiff ganz offiziell an einen Kapitän aus Stuttgart übergeben“, sagt Smit – zusammen mit dem Matrosen, der ihn in den vergangenen zwei Jahren begleitet hat. Smit: „Ein toller Mann aus den Philippinen. Ich freue mich, dass er übernommen wird.“

Als Niederländer sei er quasi auf dem Wasser geboren, sagt Smit. Und so wundert es nicht, dass er nach der Schiffsübergabe nicht gleich auf dem Trockenen sitzt. Smit hat sich schon vor einigen Jahren ein historisches Plattboot angeschafft und aufgehübscht. Es stammt aus der Zeit um 1900.

Damals war es noch als Frachtschiff auf den vielen Kanälen in seiner Heimat im Einsatz, zunächst von Männern gezogen, dann von Pferden, später von kleinen motorisierten Booten geschoben. Wann der eigene Antrieb eingebaut und das Boot für Wohnzwecke umgebaut wurde, weiß er nicht.

„Es wird wohl Tränen geben“

42 Meter Länge misst die Santa Monika 3. Mit der „Oldie“, so der Name des Plattboots, speckt Smit auf 15 Meter ab. Und er lässt es gemächlich angehen. Der DAF-Motor beschleunigt das Gefährt gerade einmal auf elf Stundenkilometer.

Die „Oldie“ hat einen festen Anleger in der Marina, und dort soll sie weiter stationiert bleiben. Smit fühlt sich an Bord und inmitten der vielen anderen Skipper am Datteln-Hamm-Kanal pudelwohl. Nicht selten ist sein Rat gefragt – und wer ihn möchte, bekommt ihn auch.

Die „Santa Monika III" im Hafen von Marina Rünthe

Die „Santa Monika III" im Hafen von Marina Rünthe in Bergkamen
Die „Santa Monika III" im Hafen von Marina Rünthe in Bergkamen
Die „Santa Monika III" im Hafen von Marina Rünthe in Bergkamen
Die „Santa Monika III" im Hafen von Marina Rünthe in Bergkamen
Die „Santa Monika III" im Hafen von Marina Rünthe

Derzeit räumt Smit die Santa Monika 3 leer. Mitnehmen will der Kapitän die Schriftzüge, die noch an den Außenwänden prangen. Die hölzernen Buchstaben sollen bald die Santa Monika 2 schmücken, die eigentlich hätte ausgemustert werden sollen, künftig aber – quasi als Ersatz für die „3“ – je nach Bedarf auch ab Rünthe oder Hamm verkehren soll.

Die „3“ erhält einen neuen Namen, der noch nicht feststeht. Er soll aber in jedem Fall einen Hinweis auf das enthalten, was an Bord bei Tagesfahrten angeboten werden soll: Wein aus heimischen Anbaugebieten.

Ausbauen will Smit auch das Steuerrad. „An dem habe ich einst gelernt, auf einem elterlichen Frachtschiff“, erzählt der Kapitän. Die „Oldie“ ist für das große Rad zu klein, es soll nun einen Ehrenplatz in der Gartenlaube von Smits Bruder in den Niederlanden erhalten, die im Bootsstil eingerichtet ist.

Am Ende des Gesprächs wird Smit doch noch wehmütig. Ja, es werde Tränen geben, wenn er sein Schiff übergebe, sagt er mit feuchten Augen. Seiner Frau werde es sicher auch so gehen. Ob beide demnächst mal Urlaub im Schwabenland machen wollen, um ihr „Kind“ zu besuchen? „Ganz bestimmt nicht“, sagt Smit. „So schön wie jetzt wird sie wohl nie wieder aussehen.“

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