Eine kleine Lücke macht den Unterschied

„Tippfehler“ am Mahnmal für das schwere Grubenunglück 1946 in Bergkamen jahrelang übersehen

Das Mahnmal im Waldfriedhof Weddinghofen erinnert seit 1952 an die Katastrophe von 1946.
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Das Mahnmal im Waldfriedhof Weddinghofen erinnert seit 1952 an die Katastrophe von 1946.

Der 75. Jahrestag des verheerenden Grubenunglücks am 20. Februar 1946 in Weddinghofen naht. Wir haben dafür aufs Mahnmal geschaut und etwas Kurioses entdeckt.

Bergkamen – 405 Tote. Wie dafür die richtigen Worte finden? Ehemänner, Väter, Brüder, Söhne – mit einem Schlag ausgelöscht. Erstickt oder verbrannt nach einer Staub- oder Gasexplosion unter Tage. In Zeiten, da obendrein die Welt ringsum in Elend und Trümmern lag. Sechs Jahre nach dem schweren Schicksalsschlag des Grubenunglücks am 20. Februar 1946 in Weddinghofen stand Wilhelm Wulff als Gestalter des Mahnmals vor der Herausforderung, den Opfern ein würdiges Gedenken zu schaffen und den Hinterbliebenen Trost.

Gedenkstätte wurde zum Jahrestag 1952 eingeweiht

Einen Fünfzeiler hat der Bildhauer 1952 dafür in Stein gemeißelt, aber selbst der war vergänglich. So machte sich später ein Steinmetz ans Werk, die Mahnung mit Metalllettern auf einer Marmorplatte zu erneuern – und übersah dabei seinen kleinen „Tippfehler“. Aber nicht nur er: Selbst in den Reihen des Knappenvereins Glück Auf Weddinghofen als Bewahrer des schweren Erbes und Ausrichter der jährlichen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Unglücks ist die „Tücke mit der Lücke“ (siehe Fotos) über Jahrzehnte wohl niemandem aufgefallen.

Bei Besichtigung ins Grübeln geraten

Bis unser Autor Manuel Izdebski zur Vorbereitung der Berichterstattung zum 75. Jahrestag von Deutschlands größtem Grubenunglück das Monument ansah – und ins Grübeln geriet. Was mag die letzte der fünf Zeilen bedeuten? Was mögen bloß „Sorgen der Pflicht“ sein?

Die zu unbestimmter Zeit erneuerte Inschrift mit dem Fehler in der letzten Zeile: die Leerstelle zwischen „Sorgen“ und „der“.

Gleichfalls verwundert reagierte der Knappen-Vorsitzende Ulrich Matzke. Die Inschrift? Was stimmt denn da nicht? Ein Fehler? Erst mal ungläubiges Achselzucken, als wir ihm ein Foto davon zeigen. Er kennt sich doch aus. Das Unglück und das Gedenken an die toten Bergleute gehört zu seinem Leben.

Aufgewachsen ist der 67-Jährige in der Siedlung, an der einst die Schächte Grimberg III und IV der Unglückszeche Monopol bestanden. Er war als Schwiegersohn des früheren Knappen-Vorsitzenden Friedrich Voss oft Helfer bei der Organisation der Kranzniederlegungen. Die verantwortet der Schlossermeister, der selber nicht im Bergbau sein Geld verdiente, mit seiner Mannschaft mittlerweile seit Jahren selbst.

Ungläubige Verblüffung beim Knappen-Chef

„Wir gehen regelmäßig dahin und wir legen vor dem Sarkophag den Kranz ab. Aber wer liest in dem Moment schon, was auf der Tafel steht“, sagte Matzke noch immer verblüfft. Außerdem: Man habe seinerzeit ja eine andere Sprache gesprochen und für das tragische Ereignis wohlgesetzte Worte gesucht. In der Tat: Schweres Pathos spricht aus den Zeilen und der kleine, aber sinnentstellende Unterschied springt nicht gleich ins Auge.

Die ursprüngliche Inschrift, wie sie in der Festschrift zur Einweihung des Mahnmal wiedergegeben ist.

Wer den Text laut liest, muss sich bemühen, die entscheidende Pause an der richtigen Stelle hinzubekommen: „...in Sorgen der Pflicht“ erscheint und klingt in der gewählten Diktion zunächst stimmig. Nur bleibt die Formulierung sonderbar und fremd. „...in sorgender Pflicht“ ist dagegen schlüssig in der Absicht des Verfassers, die Bedeutung der Ernährer und die Tragik des Verlustes zu betonen. Da nickt am Ende auch der Vorsitzende des Knappenvereins.

2018 ließ die RAG das Monument sanieren

Wann die besagte Tafel ans Denkmal gelangt ist, weiß Matzke nicht mehr so genau. Das muss schon lange her sein. „Bei der Restaurierung vor ein paar Jahren spielte sie jedenfalls keine Rolle.“ Das weiß der Knappe genau. Im Sommer 2018, zum 120-jährigen Bestehen des Knappenvereins Weddinghofen, hat Matzke es mit Mario Unger von der IGBCE-Ortsgruppe hinbekommen, dass die Ruhrkohle den Stein sanieren ließ. In Soester Sandstein hatte der in der Börde-Stadt geborene Bildhauer Wulff seinerzeit die Namen aller 405 Opfer geschlagen. Aber auch diese Inschrift war verwittert und wurde erneuert. Über die Tafel stutzte bei der Gelegenheit keiner.

Ruhrbergbau verwaltet 33 Gedenkstätten

Die RAG, genau genommen ihre Stiftung, hat sich als Sachwalterin etlicher solcher Monumente im Ruhrrevier hier engagiert. „Sie unterstützt uns auch bei den Gedenkfeiern“, berichtet Matzke. Die Organisation sei Aufgabe der Knappen, „aber die RAG stellt bei Bedarf einen Redner oder eine Knappenkapelle.“ Das wäre zum 75. geboten, geht aber nicht. Dazu gleich mehr. Die Anfrage bei der Stiftung gab auch keinen Aufschluss. Insgesamt 33 solcher Stätten, auch Einzelgräber, gehören zwischen Ahlen und Kamp-Lintfort der RAG. In den Unterlagen findet sich noch, dass 2010 das Umfeld der hiesigen Gedenkstätte gerichtet worden ist. Zur erneuerten Inschrift ist nichts archiviert.

Das ehrenvolle Anliegen ist unbenommen

Dem eigentlichen Anliegen schadet der kleine Schönheitsfehler ohnehin nicht. So steht außer Frage, dass die Weddinghofener Knappen selbst in der Pandemie ihre Pflicht erfüllen werden – nur bescheidener eben. „Es ist eine Ehrensache, das Gedenken an die toten Bergleute zu bewahren“, betont Matzke. „Wir wollen alles dafür tun, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.“ Das „wir“ meint seine 67 Mitglieder und die Veteranen der hiesigen Knappenvereine.

Ausgerechnet zum 75. nur corona-gerechte Feier

Doch die werden sich in diesem Jahr weder am Mahnmal noch bei der üblichen Einkehr ins Vereinslokal „Kuhbachstuben“ sehen. „Wir machen das wegen Corona in ganz kleinem Rahmen und mit Abstand.“ Den Bürgermeister hat Matzke eingeladen, der engere Vorstand soll kommen – und ein Trompeter. Tradition verpflichtet. „Ich hatte einen Kameraden“ wird der spielen und das „Steigerlied“. Am 20. Februar 1952 endete die Gedenkfeier mit einem Choral der Werkskapelle Monopol. Aber die ist ebenso Geschichte wie der Bergbau.

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