24-Stunden-Einsatz nach Hochwasserkatastrophe

„Ich habe viel gesehen, so etwas noch nicht“ - Das DRK hilft in Erftstadt

Die rund 65 Kräfte aus dem Kreis Unna richteten in den Ortsteilen Erp und Liblar Versorgungsstellen für evakuierte Menschen und Patienten ein.
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Die rund 65 Kräfte aus dem Kreis Unna richteten in den Ortsteilen Erp und Liblar Versorgungsstellen für evakuierte Menschen und Patienten ein.

Sie betreuten Hilfsbedürftige und verpflegten Helfer, als Straßen und Häuser im Kreis Unna überschwemmt wurden. Nun waren die hiesigen Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) auch andernorts gefordert: in Erftstadt bei Köln, das ungleich stärker von der Unwetter-Katastrophe in Westdeutschland betroffen ist.

Kreis Unna – „Ich habe schon viel gesehen“, sagt Ronnie Bittner, „derart belastende Bilder von Leid und Zerstörungen aber noch nicht. Es sah wirklich aus wie in einem Kriegsgebiet“.

Bittner ist 38 Jahre alt und von Kindestagen an Mitglied im DRK-Ortsverein Bönen. Er leitete den Einsatz im Rheinland als Verbandführer von rund 65 Kräften aus drei überörtlichen Katastrophenschutz-Einheiten. Etwa 24 Stunden dauerte der Einsatz – Stunden, in denen er selbst ohne, andere Helferinnen und Helfer mit sehr wenig Schlaf auskommen mussten, wenn sie sich denn mal für kurze Zeit in eines der Fahrzeuge legen konnten.

Auch Patienten aus einem evakuierten Krankenhaus wurden betreut und gepflegt.

Alarmiert wurde das DRK am Donnerstagabend, 20.45 Uhr. Die Anfahrt zum Einsatzort gestaltete sich überaus schwierig. „Weil die A1 gesperrt war, mussten wir die Sauerlandlinie über Olpe nehmen und dann die A4“, berichtet Bittner. Für die letzten zwölf Kilometer habe man länger als zwei Stunden benötigt. „Überall waren die Brücken gesperrt.“

Die lange und stressige Hinfahrt forderte ihren Tribut. Weil die Kräfte aus Lünen bereits unter der Woche nahezu im Dauereinsatz waren, mussten sie wegen starker Erschöpfung schnell wieder abrücken. „Die Helfer aus Bergkamen waren deswegen erst gar nicht mitgekommen“, erläutert Bittner. Für die beiden anderen Einsatzeinheiten gab’s viel zu tun – an unterschiedlicher Stelle.

Überall Dreck und der Geruch von Heizöl in der Luft, das vergisst man nicht so schnell.

Ronnie Bittner, DRK-Verbandführer

Während die Einheit mit Kräften aus Holzwickede, Schwerte, Fröndenberg und Unna im Erftstädter Ortsteil Erp eine Betreuungsstelle für bis zu 150 Evakuierte aufbauten und betrieben, waren ihre Kolleginnen und Kollegen aus Bönen und Kamen in Liblar auf der anderen, der östlichen Seite der Stadt aktiv. Sie richteten in einer Schule eine Verpflegungsstelle ein und versorgten dort evakuierte Patienten eines Krankenhauses sowie Bewohner eines Hospizes und einer Asylunterkunft.

Auch um Rettungskräfte etwa von Feuerwehr und THW kümmerten sich die DRK-Angehörigen – und das in Zusammenarbeit mit weiteren Helfern vom Malteser-Hilfsdienst, dem Arbeiter-Samariter-Bund und dem DRK vor Ort. „Wir haben insgesamt rund 600 Essen ausgegeben“, sagt Bittner, „und geholfen, mehr als 100 pflegebedürftige Menschen zu versorgen“.

Auf weitere Einsätze vorbereitet

Der Einsatz sei trotz der teils unklaren Lage gut koordiniert gewesen, so der Verbandführer. „Vor Ort gab es einen DRK-Einsatzleiter, der auf Bitten der Krisenstäbe von Stadt und Kreis reagiert hat.“ Die Helfer aus dem Kreis Unna haben laut Bittner in einem „relativ gesicherten Bereich“ gearbeitet. Aber die Katastrophe sei allgegenwärtig gewesen. „Wir haben sehen können, wie die geretteten Menschen an den Hubschraubern hingen.“

Bittner kann sich an das Schneechaos in Ahaus erinnern, an das Hochwasser in Witten, das alle Kraft gefordert hatte. „Das hier toppt aber alles“, sagt er. „Überall Dreck und der Geruch von Heizöl in der Luft, das vergisst man nicht so schnell.“ Auf dem Rückweg vom Einsatzort Freitagnacht hätten alle im Fahrzeug gesagt, so etwas wollten sie nicht noch einmal erleben. „Aber natürlich werden wir wieder helfen, wenn es nötig ist.“

Ob das DRK im Kreis Unna noch ein weiteres Mal alarmiert wird, bleibt abzuwarten. Alle Fahrzeuge jedenfalls wurden am Sonntag schon wieder mit Lebensmitteln und Materialien bestückt. Darum hatten sich die DRK-Kräfte gekümmert, die nicht mit im Rheinland waren.

Große Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit

Bittner ist froh, dass es eine Nachsorge für Einsatzkräfte beim Deutschen Roten Kreuz gibt. „Nach solchen Einsätzen ist der Redebedarf oft groß.“ Gespräche mit Notfallseelsorgern könnten im Einzelfall sehr hilfreich sein.

Vom Einsatz in Erftstadt bringen die DRK-Helfer trotz des großen Leids der Menschen auch Positives mit. So berichtet Bittner von einer Welle der Hilfsbereitschaft, die nach der Flut eingesetzt habe. „Eine Frau etwa brachte 20 Kilo Hähnchenschenkel vorbei, die ihr Mann gegrillt hat – alle einzeln in Alufolie verpackt.“ Die Dankbarkeit der Betroffenen sei ebenfalls sehr groß. Den hiesigen Katastrophenschutz gewährleistete während des Einsatzes eine vierte Einheit mit Kräften aus Werne und Selm.

Unterdessen war die Feuerwehr aus dem Kreis Unna zusammen mit Kollegen aus dem Kreis Soest und der Stadt Hamm in Eschweiler im Einsatz.

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