Seniorentheater boomen

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Die Stückauswahl kann beim Seniorentheater sowohl moderne als auch klassische Stoffe umfassen, wie etwa hier bei der preisgekrönten Inszenierung "Die Kleinbürgerhochzeit" von Bertolt Brecht. Foto: dpa

Immer mehr ältere Menschen in Deutschland zieht es in ihrer Freizeit auf die Bühne. „Das Seniorentheater boomt“, sagt Tanja Eberhardt vom Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT) im baden-württembergischen Heidenheim.

 

Rund 70 verschiedene Gruppen aus dem gesamten Bundesgebiet gehören dem Dachverband an, Tendenz steigend. Ob Shakespeare oder Dürrenmatt, Komödie oder Krimi - die Spielfreude älterer Menschen nimmt ständig zu. Vor allem selbstverfasste Stücke haben Hochkonjunktur.

„Die Bandbreite des Angebots ist groß“, sagt Monika Fingerhut, Mitglied im Bundesarbeitskreis Seniorentheater, der 1996 im BDAT gegründet wurde. „Häufig werden in den Theaterstücken zum Beispiel Themen wie Liebe - früher und heute, die Situation im Altenheim oder Kriegserlebnisse aufgearbeitet.“

Viele Senioren lassen auch in Kabarettgruppen ihrer Kreativität freien Lauf. „Es ist sowohl die künstlerische als auch die soziale Komponente, die das Seniorentheater so beliebt macht“, sagt Monika Fingerhut. „Das Theater bietet ein Netz gegen die Einsamkeit, denn es gelingt nur gemeinsam.“ Zugleich werde deutlich, dass die Erwartungen der Senioren anders seien als früher. Zahlreiche Kurse haben das Ziel, das Seniorentheater ständig weiterzuentwickeln. Jahr für Jahr zieht es die Senioren-Theaterszene beispielsweise ins bayerische Scheinfeld zu einem Europäischen Seniorentheater-Forum. Es wendet sich an Spielerinnen und Spieler, die ihre Theaterkenntnisse vertiefen wollen, aber auch an künftige oder bereits praktizierende Spielleiter. Zu den Themen in diesem Jahr gehörte „Theater und Demenz“. Dabei erläuterte der Dramaturg Joachim Henz aus Moers, wie sich diese beiden natürlichen Feinde näherkommen und berichtete über Erfahrungen mit mehreren groß angelegten Theaterprojekten.

Anknüpfend an die Erfahrungen der Scheinfelder Seniorentheaterforen bietet der BDAT seit 2010 mit Unterstützung durch das Bundesfamilienministerium ein bundesweites „Qualifizierungsprogramm Seniorentheater“ an. In diesem Rahmen trafen sich Ende November 2011 zahlreiche Fachkräfte, die im Bereich Seniorentheater tätig sind oder aktiv werden möchten. Dabei trat auch eines der ältesten Seniorentheater Deutschlands, das Berliner „Theater der Erfahrungen“ mit dem selbstgeschriebenen Stück „Eine Frau wird erst schön in der Küche“ auf. „Seit 30 Jahren sind wir als Wanderbühne unterwegs - bieten Theater von Senioren für Senioren“, sagt Eva Bittner, Sprecherin des Theaters mit dem Untertitel „Werkstatt der alten Talente“. Die zunehmende Bedeutung und der Wert des Seniorentheaters wurden vor einiger Zeit auch auf einem großen Festival der Hamburger Körber-Stiftung deutlich. „Anders als im Profitheater steht nicht die ästhetische Qualität oder das Hinarbeiten auf eine Aufführung im Vordergrund“, sagt Karin Haist, die das Festival für die Stiftung mitorganisiert. „Es geht um die altersspezifischen Möglichkeiten der Laien und ihre Biografien, um Theaterspielen als Prozess oder Training.“ Theaterspielen fördere die körperliche und geistige Beweglichkeit, bringe Erfolgserlebnisse und Wertschätzung.

Die eigene Lebenserfahrung und Persönlichkeit in die Stücke einzubringen, sei auch gesellschaftliche Teilhabe. „Kein Wunder, dass immer mehr Ältere die Lust am Theaterspielen entdecken“, meint die Vertreterin der Körber-Stiftung. Auch Mediziner wissen die Theaterbegeisterung der Senioren zu schätzen. „So wird zum Beispiel das Selbstwertgefühl gefördert, das in der Gesellschaft alten Menschen ja häufig abgesprochen wird - Stichwort Jugendwahn“, sagt die Chefärztin der Geriatrie in der Hamburger Asklepios-Klinik Wandsbek, Ann-Kathrin Meyer. Außerdem mache der Gruppenauftritt sehr viel aus, weil der Vereinsamung vorgebeugt werde. „Das Theater kann den Senioren buchstäblich ein Stück Sprachlosigkeit nehmen.“ Und Menschen, die an Demenz erkrankt sind, werde gezeigt, dass man auch mit einer derartigen Diagnose durchaus noch etwas leisten könne. „Man kann zwar nicht zurückholen, was nicht mehr da ist. Aber was täglich genutzt wird, bleibt länger erhalten. Das Theaterspiel ist eine gute Möglichkeit, die Zellen in Schwung zu halten.“

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