Schutz vor Dekubitus

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Häufiges Umliegen schützt vor Dekubitus

Es passiert im Liegen oder im Sitzen: Drückt das Körpergewicht lange Zeit auf ein und dieselbe Hautstelle, können sich dort Geschwüre bilden. Pflegende Angehörige sollten die Haut deshalb regelmäßig kontrollieren und für abwechselnde Positionen sorgen.

Wer krank oder pflegebedürftig ist, verbringt täglich viele Stunden in derselben Körperhaltung: liegend im Bett oder sitzend im Sessel. Dann drückt das ganze Körpergewicht ständig auf ein und dieselbe Hautregion. Ihre Gefäße werden zusammengepresst, das Gewebe nicht ausreichend durchblutet. Die Folgen einer andauernden Druckbelastung reichen von Hautgeschwüren bis zu Knochenschädigungen. Mediziner nennen dies Dekubitus. Ihn zu vermeiden, ist eine der größten Herausforderungen in der häuslichen Pflege. „Ob und wie schnell Gewebe geschädigt oder gar zerstört wird, hängt von der Dauer und dem Ausmaß der Druckbelastung ab“, erläutert Anja Richter, Wundexpertin im St. Joseph Krankenhaus in Berlin. Doch auch weitere Faktoren spielen eine Rolle. Da sind zunächst Mobilitätseinschränkungen: „Ein junger, gesunder Mensch nimmt den Auflagedruck bewusst und unbewusst wahr und reagiert durch kleinste Bewegungen und durch große Lageveränderungen, bevor eine Schädigung der betroffenen Hautregionen eintritt“, erklärt Jennifer Anders von der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg. Patienten, bei denen die Wahrnehmung gestört oder die Mobilität ganz oder teilweise eingeschränkt ist, zum Beispiel durch Betäubung, Erkrankungen oder Lähmung, können ihre Position nicht selbstständig verändern. Zudem kann das Dekubitus-Risiko bei Patienten mit Durchblutungsstörungen wie bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Diabetes mellitus, Mangelernährung und Exsikkose (Austrocknung) erhöht sein. „Auch psychisch Kranke, die beispielsweise eine bestimmte Lagerung nicht annehmen können und sich immer wieder auf den Rücken drehen, zählen zu den Risikogruppen, etwa im Endstadium dementieller Erkrankungen“, sagt Anders. Und schließlich können Schwerkräfte und Reibung etwa beim Hochziehen eines Pflegebedürftigen im Bett einen Dekubitus mitverursachen. Die Risikozonen des Körpers werden von seiner Haltung bestimmt. Doch generell gilt: „Besonders betroffen sind alle Körperregionen, wo die Knochen nahe unter der Haut liegen“, erklärt Richter. Dazu zählen in erster Linie das Gesäß und der Steiß, aber auch Knöchel, Schulterblätter, die Hüfte und Ohren. Diese Stellen sollten pflegende Angehörige mindestens einmal am Tag kontrollieren. „Das erste Symptom ist eine Rötung, die auch bei Fingerdruck nicht weiß wird“, sagt Richter. Wird eine solche Region nicht sofort entlastet, dann entstehen rasch oberflächliche Hautschädigungen (Schweregrad II), oft verbunden mit Blasenbildung. In der Folge bilden sich tiefe, offene Geschwüre (Schweregrad III) und schließlich ausgeprägte Schädigungen von Muskeln und Knochen (Stadium IV). Von der Rötung bis zum offenen Geschwür vergehen manchmal nur wenige Stunden. Entsprechend wichtig ist es, den Körper eines Pflegebedürftigen alle paar Stunden genau zu kontrollieren. „Sobald ein oberflächlicher Hautdefekt erkennbar ist, muss der Arzt konsultiert werden“, rät Gundula Kozariszczuk vom DRK PflegeService Müggelspree in Berlin. Die optimale Wundversorgung besteht dann aus regelmäßigem, professionellem Verbandswechsel mit speziellen Wundauflagen, sogenannten Hydrokolloidverbänden. „Wenn Angehörige richtig angeleitet werden, können sie das durchaus zu Hause leisten“, sagt Richter. „Allerdings verschreiben Hausärzte nicht immer die richtigen Medikamente - teils aus Unkenntnis, teils aus Budgetgründen.“ Sie empfiehlt, sich beim Hausarzt, dem ambulanten Dienst oder in der Apotheke nach einem ambulanten Wundmanagement zu erkundigen. Auch dies könne verschrieben werden. Da ein einmal aufgetretenes Druckgeschwür schmerzhaft sei, sehr langsam abheile und zahlreiche Komplikationen wie Blutvergiftung mit sich bringen könne, zähle vor allem die Vorbeugung, sagt Anders. Vorbeugung - das heißt Druckentlastung aller gefährdeten Stellen durch Mobilisation und durch häufiges Umlagern. „Genaue Zeitintervalle gibt es nicht. Die Lagerung wird an dem Hautzustand und dem Gesundheitszustand der einzelnen Patienten ausgerichtet.“ Die Grundkenntnisse dazu vermitteln Kurse für pflegende Angehörige. Ambulante Dienste können unterstützen. „Hilfreich ist auch die Durchblutungsförderung durch einfache Bewegungsübungen sowie durch das Einreiben mit rückfettenden Substanzen“, sagt Pflegewirtin Kozariszczuk. Permanenter Hautkontakt mit Feuchtigkeit müsse hingegen vermieden werden. „Bei der Körperhygiene müssen auch Hautzwischenräume sorgsam getrocknet werden. Bei Inkontinenz ist wichtig, dass optimal passende Einlagen angefordert werden.“ Zur Hautpflege empfiehlt sie pH-neutrale Produkte. 

Matratzen helfen bei der Dekubitusvorbeugung. Ergänzend zu allen Vorbeugemaßnahmen kann der Arzt Hilfsmittel verordnen. „Für immobile Patienten sind Antidekubitusmatratzen ideal“, sagt Anja Richter, Wundexpertin am St. Joseph Krankenhaus in Berlin. Je nach Funktionsweise bewirkt sie entweder eine möglichst gleichmäßige Verteilung des Auflagedruckes auf die ganze Fläche oder sie verkürzt mit Hilfe von wechselweise aufgepumpten Kissen die Zeit, in der der Druck auf eine bestimmte Stelle wirkt. Vergleichbare Systeme gibt es auch in Form von Sitzkissen. Diese Hilfsmittel gehören zum Leistungskatalog der Krankenkassen.

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