Pilgerspektakel in der Camargue

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Die Gardians bahnen der Heiligen Sara den Weg zum Meer. Die Reiter mit den breitkrempigen Hüten sind die Cowboys der Camargue.

Der Legende nach ist die Heilige Sara auf der Flucht aus Israel mit einem Schiff in Südfrankreich gelandet. Seit Jahrhunderten pilgern Tausende an Pfingsten in die Camargue um die "schwarze" Jungfrau zu feiern.

Die Tradition der heiligen Sara geht auf die Anfänge des Christentums in Südfrankreich zurück. Sie soll dort die beiden heiligen Marien, Mütter zweier Jünger Jesu, in Empfang genommen haben, die über das Meer kamen. Die Reliquien der beiden Marien werden seit dem 15. Jahrhundert in Saintes-Maries-de-la-Mer verehrt.

Zärtlich legt die alte Frau der Holzstatue beide Hände ins Gesicht. Sie verharrt eine Weile, dann zeichnet sie ihr mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn, streichelt ihr den Kopf und küsst die eigenen Fingerspitzen. Hinter ihr drängen sich Dutzende, sie wollen die Statue der heiligen Sara berühren. In der Krypta der Kirche von Saintes-Maries-de-la-Mer ist es so heiß wie in einer Sauna. Unzählige Kerzen brennen zu Ehren der Heiligen, Opferlichter in roten Plastikgefäßen und lange weiße Kerzen, die sich in der Hitze zum Boden biegen. Manchmal riecht es nach verbrannten Haaren, wenn im Gedränge jemand einer Flamme zu nahe kommt.

Die traditionelle Wallfahrt in der südfranzösischen Camargue zieht jedes Jahr am 24. Mai Tausende Pilger und Zuschauer an. Der kleine Ort Saintes-Maries wird dann zu einem riesigen Wohnwagenlager. 

Vincent sitzt in einem Campingstuhl vor seinem Wohnwagen und lässt sich die Morgensonne auf den tätowierten Oberkörper scheinen. Sein Gesicht ist so verbrannt, dass von der Nase helle Hautfetzen abpellen. “Wir machen die Wallfahrt schon seit langer Zeit, das ist für uns der Höhepunkt des Jahres“, sagt er. “Wir kommen zu Ehren unserer heiligen Sara, aber natürlich treffen wir auch immer viele Freunde und Bekannte.“ 

Der Höhepunkt des Jahres: Am 24. Mai kommen Tausende Pilger nach Saintes-Maries-de-la-Mer und tragen die Statue der Heiligen in einer Prozession bis zum Meer.

Am Nachmittag zieht Vincent mit seiner Familie zur Festungskirche, die von geschäftiger Vorfreude erfüllt ist. Kleine Mädchen in gerüschten Flamenco-Kleidern laufen herum, ihre Mütter tragen bündelweise lange Kerzen im Arm. Ein Priester stimmt die Menge mit Wechselgesängen auf die Zeremonie ein. Die Statue der dunkelhäutigen Heiligen steht bereits im Mittelschiff. Seit dem Morgen wurden ihr so viele mit Pailletten und Stickereien verzierte Umhänge umgebunden, dass der Kopf gerade noch herausschaut.

Während des Gottesdienstes wird aus der Oberkirche an Seilen eine Holzkiste mit den Reliquien der beiden Marien heruntergelassen. “Vive les Saintes Maries! Vive Sainte Sara!“ rufen die Gläubigen wieder und wieder mit derselben Inbrunst wie Fans in einem Stadion. Der Reliquienschrein sinkt in ein Lichtermeer aus brennenden Kerzen hinein. Einem alten Mann mit Schnäuzer laufen Tränen über die Wangen. Eine Frau beginnt heftig zu schluchzen, jemand nimmt sie in den Arm und klopft ihr beruhigend auf den Rücken.

Vincent und seine fünf Kinder verlieren sich in der Menge, die hinter der heiligen Sara her aus der düsteren Kirche in die grelle Sonne zieht. Überall strecken sich ihr Hände entgegen, Säuglinge werden nach oben gehalten, damit sie ihren rosafarbenen Umhang berühren. Die kaum einen Meter hohe Statue scheint mühelos über die Köpfe der Menge zu gleiten. Ihr Podest wird von vier Männern auf den Schultern getragen - eine Ehrenaufgabe, die in der Familie bleibt.

In der Krypta der Kirche von Saintes-Maries-de-la-Mer ist es so heiß, dass sich die langen weißen Kerzen zum Boden biegen.

Es gibt mehrere Überlieferungen, wie Sara zur Schutzpatronin des fahrenden Volks wurde. Eine von ihnen besagt, dass Sara eine aus Ägypten stammenden Dienerin der heiligen Marien war. Die drei Marien sind nach biblischer Tradition die ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu, sie entdeckten das leere Grab. Maria Magdalena und die beiden Apostelmütter Maria Kleophae und Maria Salome sollen dann mit Sara vor der Christenverfolgung aus Judäa über das Mittelmeer geflohen sein. Kurz vor der Küste erlitten sie Schiffbruch, wurden aber gerettet und begannen im Süden Frankreichs zu missionieren.

Unterdessen ist die Prozession am Strand angekommen. Das Meer glitzert in der Sonne, die Luft schmeckt nach Salz, und die vielen Menschen wirbeln den feinen Sand auf. “Vive Sainte Sara“, tönt es immer wieder. An der Spitze des Zuges bahnt ein Dutzend Reiter den Weg durch die Menge. Es sind die Gardians, die Cowboys der Camargue, mit ihren breitkrempigen Hüten und bunten Hemden.

Gläubige stehen vor der Statue der heiligen Sara

 “Auf ins Meer“, ruft einer von ihnen, die Pferde tänzeln nervös, das Gedränge wird immer dichter. Junge Männer fassen sich an den Händen und bilden Ketten, um eine Schneise für die heilige Sara zu öffnen. Die Träger mit der Holzstatue auf den Schultern waten vorsichtig ins flache Wasser hinaus. Es ist der Höhepunkt der Pilgerfahrt, er erinnert an die Ankunft der heiligen Frauen.

Nach dem Abendgebet in der alten Festungskirche wird im Dorfzentrum weitergefeiert. Auf dem Kirchplatz spielen Männer Flamenco auf ihren Gitarren. Ein junges Mädchen mit hüftlangen Haaren tanzt mit grazilen Gesten dazu. Ein paar Schritte weiter hat sich ein Kreis um eine Blaskapelle gebildet: zwei Tubas, drei Trompeten, ein Schlagzeug. Der Rhythmus wird immer schneller, die Zuhörer klatschen, wippen mit den Füßen, fangen an zu tanzen. So geht es weiter, immer weiter bis spät in die Nacht.

Ulrike Koltermann, dpa

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