Nichts für Einzelgänger -Trekking als Event

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Weitläufig: Die mehrtägige Trekkingtour führt durch das Gebirge an der Grenze zu Norwegen. Die Mitwanderer verliert man nie aus den Augen.

Eine Trekkingtour durch skandinavische Weiten – davon träumen viele Wanderer, trauen sich den Trip aber allein nicht zu. Für solche Fälle gibt es den Fjällräven Classic, das wohl beliebteste Weitwander- Event der Welt.

Die Teilnehmer bekommen dort organisatorische Hilfe beim Pfadfinden, bei der Verpflegung oder auch bei gesundheitlichen Problemen. Unser Autor Ingo Wilhelm ist mitmarschiert – 110 Kilometer durch schwedisch Lappland.

Ausgefuchst: Rufus, ein Belgischer Schäferhund aus Bielefeld, trägt sein Futter selbst – er ist ein alter Trekkerhase.

Wenn die Lachmuskeln stärker schmerzen als die Beine, ist man auf dem besten Weg. Zum Beispiel als mein Mitwanderer Martin eines Nachmittags wildfluchend einen kindskopfgroßen Stein aus seinem Rucksack zieht. Irgendwer aus unserer Gruppe hatte ihn morgens in sein ohnehin schon übergewichtiges Gepäck geschmuggelt. Erst an einer Verpflegungsstation – es gibt Pfannkuchen und Kaffee – entdeckt Martin den Ballast. Und 30 mampfende Trekker ringsum halten sich die Bäuche vor Lachen. Der Spaß in netter Gesellschaft steht weit oben beim Fjällräven Classic.
Mehr als 2.000 Wanderer aus 22 Nationen haben heuer daran teilgenommen, ein Drittel kam aus Deutschland. Das zeigt schon: Dieses Trekking-Event ist nichts für Einzelgänger. Andererseits: Die Teilnehmer gehen auf drei Tage verteilt in acht Startgruppen auf die Strecke und verteilen sich überraschend schnell. Wer unterwegs mal in Ruhe die Landschaft genießen möchte, lässt sich einfach ein Stück zurückfallen. Vor sieben Jahren hat die schwedische Outdoor- Firma Fjällräven den Classic ins Leben gerufen. Das erklärte Ziel war und ist es, Menschen in die Natur zu bringen. Vor allem Wanderer, die es sich auf eigene Faust nicht zugetraut hätten, 150 Kilometer überm Polarkreis mehrere Tage lang durchs schwedische Fjäll (zu Deutsch: Gebirge) zu stapfen.

Das Starterpaket zum Classic beinhaltet daher eine ganze Menge Hilfestellungen. Das beginnt gleich nach der Anreise nach Kiruna, der Eisenerzstadt in schwedisch Lappland. Im Camp Ripan, einer Art Basislager, erhalten die Trekker neben einer Karte, Proviant und Campinggas auch ihren Wanderpass, der unterwegs an mehreren Checkpoints abgestempelt wird, damit niemand verloren geht. Wer noch Wanderstöcke (sehr zu empfehlen auf den verblockten Pfaden!) oder einen Fleecepulli braucht, wird in einem improvisierten Shop fündig. Nach einer ersten Nacht im Zelt bringen Busse die Startergruppen nach und nach zum Startpunkt Nikkaluokta. Man muss gar nicht erst versuchen, diesen Namen korrekt auszusprechen. Es genügt zu wissen, dass er aus der Sprache der Samen stammt. Auf die Spuren der Ureinwohner Lapplands stößt man beim Classic immer wieder. Am unserem ersten Trekkingtag brennt die Sonne vom Himmel. Kurzärmel-Wetter.

Idyllisch: Man kann sein Zelt fast an jedem Platz entlang der Strecke aufschlagen.

Zunächst geht es durch niedrigen Birkenwald zu einem See. An einer „Lap Donald’s“ genannten Hütte müssen wir natürlich die Rentier-Burger kosten – deftig. Auf dem weiteren Weg lichtet sich der Wald, bis wir auf etwa 600 Meter Höhe die Baumgrenze durchschreiten. Immer wieder helfen kleine Brücken über Bachläufe hinweg und Holzbohlen über sumpfige Stellen. Schließlich erreichen wir das Ziel unserer ersten Etappe, die Kebnekaise-Hütte; benannt nach dem höchsten Berg Schwedens (2104 Meter). Das Reglement des Fjällräven Classics gestattet es den Teilnehmern, die sanitären Einrichtungen und sogar die Saunen der am Weg liegenden Wanderhütten zu benutzen. Übernachten müssen sie jedoch in ihren mitgebrachten Zelten. Eine unfreiwillige Dusche bekommen wir aus plötzlich aufziehenden Quellwolken. Hinter der Kebnekaise-Hütte finden wir einen idealen Zeltplatz in einem Talkessel zwischen mystisch umwölkten Bergflanken. Im Prinzip darf man sein Zelt überall entlang des Weges aufbauen, ausgenommen auf dem letzten Teilstück, das durch einen Nationalpark führt. Während wir schon unsere Primus- Kocher fauchen lassen, um das Wasser für die gefriergetrockneten Trekkingmahlzeiten zu erhitzen, wandern Teilnehmer bis spät in die Nacht an unseren Zelten vorbei; um diese Jahreszeit wird es in diesen Breiten ja nie wirklich dunkel. Wer den Classic in drei Tagen absolviert, bekommt eine Goldmedaille, für vier Tage gibt es Silber, für fünf Tage Bronze. Ein Bergläufer hastete heuer in 13 Stunden und 26 Minuten über die gesamte Strecke. Selber Schuld. Wir haben fünf Tage eingeplant und genießen die Zeit in dieser grandiosen Natur. Außerdem: Durchschnittlich 20 Kilometer pro Tag sind ja auch eine Leistung, mit einem 20 Kilo schweren Rucksack auf durchwegs holprigen Wegen.

Erfrischend: Auch weit über dem Polarkreis gibt es hochsommerlich warme Tage.

Zzzzzip, zzzzip – jeder Tag beginnt mit dem Ratschen der Reißverschlüsse. Verlieren eigentlich alle Schlafsäcke Daunen oder sehe nur ich aus wie Papageno? Immerhin finde ich mich in meinem 75-Liter- Rucksack immer schneller zurecht, muss nicht ewig lange nach Mütze oder Campinggeschirr suchen. Zum Frühstück gibt’s Instantkaffee, getrocknetes Rentierfleisch und eine warme Blaubeersuppe. Dann Zähneputzen am Bach. An Trinkwasser herrscht auf der Strecke kein Mangel, man kann es aus jedem Bach schöpfen. Erfahrene Nordland-Wanderer erkennt man an der Tasse, die an ihrem Rucksack baumelt. Auf dem Weiterweg zur Singi-Hütte begleitet uns perfektes Trekkingwetter. Etwa 12 Grad Lufttemperatur, frischer Wind, leichte Bewölkung. Neben der Hütte: der nächste Checkpoint und – na klar – wieder was zu futtern, diesmal Rentieroder Pfifferling-Wraps.

Mit einem herzlichen „hej, hej“ empfängt mich Maria (schwedisch blond) zum Abstempeln meines Passes und zum Eintragen in die Liste. Sie fragt auf Englisch, ob alles passt soweit. Danke, alles gut. Hätte ich Blasen oder ein schmerzendes Knie, bekäme ich am Checkpoint medizinische Hilfe. Notfalls würde ich sogar mit dem Hubschrauber ausgeflogen.

Bequem: Brücken und Bohlenwege helfen über Bäche und sumpfige Stellen hinweg.

Mehrere Dutzend Teilnehmer mussten heuer abbrechen. An der Singi-Hütte trifft die Route des Fjällräven Classic auf den berühmten Kungsleden („Königspfad“), der durch halb Schweden führt. Der nördlichste Abschnitt dieses Weitwanderwegs steht uns nun bevor, bis zu seinem Ende im Ort Abisko. Auf einen sonnigen Vormittag folgt ein verregneter Nachmittag. Am besten, man eignet sich möglichst bald die schwedische Gleichmütigkeit gegenüber dem Wetter an. „Ist doch nur Wasser“, tun unsere einheimischen Begleiter selbst mittelstarke Schauer ab – und laufen im Hemd weiter, während wir Mitteleuropäer uns in GoreTex-Mumien verwandeln. Am 1.140 Meter hohen Tjäktjapass erschrecken die Schweden ihre Gäste gerne mit Schauergeschichten von Schneefall im Hochsommer. Beim Abstieg über ein garstiges Geröllfeld entdecken wir Rentiere, wirklich drollig mit ihren Knubbelnasen. Manche tragen ein Halsband, die Rene sind eben halbwilde Nutztiere der Samen. Zwei ihrer Sommersiedlungen liegen an unserem Wanderweg.

Wer unterwegs mal in Ruhe die Landschaft genießen möchte, lässt sich einfach ein Stück zurückfallen.

An der Alesjaure-Hütte genießen wir einmal mehr eine Sauna, ehe am nächsten Tag der Abstieg in den Abisko-Nationalpark ansteht. Bei der Pfannkuchen- Station, an der Martin den Stein in seinem Rucksack entdeckte, tauchen wir wieder in Birkenwald ab. Unsere letzte, mit 15 Kilometern kürzeste Tagesetappe ist dann ein reiner Triumphmarsch. In Abisko wird jeder Ankömmling von den anderen Finishern mit Jubel und Applaus bedacht, und zwar rund um die Uhr. Nordische Nächte sind eben lang, besonders im „Trekkers Inn“, einem Partyzelt mit Biergarten und Liveband. Alter Schwede, können die feiern!

Ingo Wilhelm

DIE REISE-INFOS ZUM FJÄLLRÄVEN CLASSIC

REISEZIEL Der Fjällräven Classic findet jedes Jahr in Nordschweden (etwa 68. Breitengrad) statt. Die Route verläuft zum Teil über den Weitwanderweg Kungsleden, der entlang der schwedisch-norwegischen Grenze verläuft.

ANREISE Man kann die lange, aber eindrucksvolle Anreise mit dem Auto oder dem Nachtzug (ab Stockholm) auf sich nehmen – oder direkt nach Lappland fliegen: Während des Fjällräven Classic setzt die SAS Sonderflüge zwischen Stockholm und Kiruna ein. Einen Link zu günstigen Angeboten gibt es auf der offiziellen Internetseite des Fjällräven Classic.

TERMIN/ANMELDUNG Im kommenden Jahr wird der Fjällräven Classic zwischen dem 10. und 17. August stattfinden. Ab dem 17. Oktober 2011 kann man sich im Internet unter www.fjallraven.de in der Sparte „outdoor erleben“ anmelden. Eile ist geboten, denn die Startplätze sind schnell vergriffen. Auf der Internetseite findet man auch ausführliche Informationen zum Ablauf, zur Vorbereitung usw.

KOSTEN Die Teilnahmegebühr beträgt im nächsten Jahr 1.800 Schwedische Kronen (umgerechnet 196 Euro) für Erwachsene, 1.300 Kronen (140 Euro) für Jugendliche (15 bis 18 Jahre) und 1.100 Kronen (120 Euro) für Kinder zwischen elf und 15 Jahren. In der Anmeldegebühr sind Frühstück, Mittag- und Abendessen auf der Strecke in Form von Essenspaketen mit gefriergetrockneten Gerichten inbegriffen. Man kann unterwegs Vorräte nachfassen (Ausnahme: Brot), sodass nicht das komplette Essen vom ersten Tag an mitgeschleppt werden muss.

TRANSPORT In der Anmeldegebühr ist der Bustransfer von Kiruna (Camp Ripan) zum Startpunkt in Nikkaluokta inbegriffen, nicht aber der Rücktransfer (per Bus oder Bahn) von Abisko nach Kiruna.

TIPPS VOM AUTOREN Neben individuellen Leckereien (Schokoriegel, Gewürze, Flachmann …) sollte man Müllbeutel mitnehmen, denn auf der Strecke darf man nirgends Abfall entsorgen, auch nicht an den Hütten. Mückenschutzmittel braucht man höchstens zu Beginn und am Ende der Tour, oben im Gebirge gibt es kaum Moskitos. Definitiv entbehrlich ist das Handy – man hat eh nur selten Empfang.

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