Landschaften für Pioniere

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Wo das Wasser ist: Vom Aussichtsturm hat man einen perfekten Blick auf die nach und nach entstehende Lausitzer Seenplatte.

Es ist grundsätzlich eher still in der Lausitz. Nur am kommenden Wochenende, wenn die Automobil-Rennserie DTM auf dem Euro­speedway gastiert, wird’s richtig laut.

Ansonsten ist die neu entstehende Seenplatte ein Musterbeispiel dafür, wie sich eine Region in aller Ruhe entwickelt. Reiseredakteur Volker Pfau war mit einem der Tourismuspioniere unterwegs.

Nein, Jammern ist nicht sein Ding. Eckhard Hoika ist das personifizierte Gegenstück des sich selbst bemitleidenden Menschen: „Wenn ich meckern würde, wäre das nicht ok“, sagt der 53-jährige Lausitzer. Seine Geschichte ist auch ein Stück weit die Geschichte der Lausitz.

Es ist eine dieser Regionen, die Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl wohl meinte, als er nach der Wende blühende Landschaften versprach. Etwas Farbe hatte die Region rund um Cottbus dringend nötig, war sie doch dank Braunkohletagebau, Brikettproduktion und den qualmenden Schloten der Kraftwerke das Energiezentrum der DDR, das den gesamten Südosten Brandenburgs mit einer Qualm- und Rußschicht überzog. Nach 1989 hatte die Region aber nicht nur äußerliche Auffrischung nötig: Aus einstmals rund 75.000 Beschäftigten im Tagebau wurden etwa 10.000. Kein Wunder, dass die Lausitz als strukturschwach gilt.

Hier wuchs Eckhard Hoika auf, und in einer der Brikettfabriken arbeitete er als Installateur, wurde – wie so viele – nach der Wende abgewickelt, hatte eine Stelle als Meister in einem kleinen Privatbetrieb und wagte 2003 den Sprung in die Selbstständigkeit als Veranstalter von Radtouren, Wanderungen und Busausflügen. Die verheißungsvolle Firmenanschrift: Straße zur Südsee 1 in Großkoschen. Hoika verkörpert ein Stück innerdeutsche Geschichte: „Ich bin in dem Alter, das von allem was gesehen hat: Wie es vorher war, wie alles abgerissen wurde und wie es jetzt ist.“

Im Gegensatz zu vielen anderen blieb er in seiner Heimat und zeigt diese jetzt den Gästen – nicht wenige von denen sind einst mangels Perspektive aus der Lausitz weggezogen. Jetzt staunen sie über die Veränderungen. Schließlich entsteht in der Region im Südosten Brandenburgs und dem nördlichen Sachsen Europas größte künstliche Wasserlandschaft und Deutschlands viertgrößtes Seengebiet.

Cottbus - die Altstadt ist liebevoll rnoviert.

„Kleen-kleen“ habe er an jenem 3. Juni 2003 angefangen, erinnert sich Eckhard Hoika ganz genau an seinen ersten Tag als Selbstständiger. „In den ersten Wochen ist niemand mit uns gefahren.“ Wegen des Jahrhundertsommers lagen alle am Strand, keiner wollte radeln. Heute zählt er über 15.000 Gäste im Jahr, hat sechs Angestellte und mehrere Dutzend Saison- und Aushilfskräfte. Sein Laden brummt. Kein Wunder, denn es ist spannend, was es im Lausitzer Seenland zu sehen gibt. Im Laufe der Jahre füllen sich die riesigen künstlichen Gruben, aus denen früher die Kohle herausgebaggert wurde. Die Radwege an den Ufern sind angelegt („das ist mit EU-Geld finanziert worden“), Sportler und Flaneure schauen zu, wie das Wasser langsam steigt. Wie es dann am Ende einmal aussehen wird, weiß keiner, denn erst in etwa sechs bis acht Jahren sollen alle Seen, die sich auf die Bundesländer Brandenburg und Sachsen verteilen, gefüllt sein. Neun davon sollen schiffbar sein. „Das fertige Produkt kennen wir nicht“, sagt Eckhard Hoika. Wer jetzt komme, könne sich noch als Pionier fühlen, meint der Radl-Unternehmer, günstig sei’s obendrein: „Wir sind bei allem mindestens zwei Euro billiger als an der Ostsee!“

Für ihn hat sich sein Mut zum unternehmerischen Risiko bezahlt gemacht. Auch wenn mancher Alteingesessene spottet, er würde den Leuten doch nur die Löcher zeigen, an denen er früher mal mitgebuddelt habe. Eckhard Hoika grinst darüber. Meckern will er auf gar keinen Fall.

Volker Pfau

DIE REISE-INFOS ZUM LAUSITZER SEENLAND 

REISEZIEL Das Lausitzer Seenland ist ein künstlich angelegtes Seengebiet im ehemaligen Braunkohleabbaugebiet in der Lausitz zwischen Calau in Brandenburg und Görlitz in Sachsen. Die Gesamtausdehnung von Europas künftig größter künstlicher Seenplatte soll im Jahr 2018 von West nach Ost rund 80 Kilometer betragen, von Nord nach Süd bis zu 40 Kilometer.

ANREISE Von München mit dem Auto über Regensburg, Weiden, Plauen, Chemnitz und Dresden nach Cottbus. Entfernung rund 550 Kilometer. Mit der Bahn gibt es von München Umsteigeverbindungen mit einer Fahrzeit von rund sieben Stunden. Sparangebote kosten ab 29 Euro (einfache Fahrt).

ÜBERNACHTEN COTTBUS: Radisson Blu Hotel, eine Ü/F ab 57 Euro pro Person; Kurzreisen-Paket (2 Ü/F, ein Drei-Gang-Menü, Spreewaldkahnfahrt, Tiefgaragenstellplatz) ab 164 Euro pro Person. Buchbar bei Neckermann Reisen. TROPICAL ISLAND: Spreewald Parkhotel in Bersteland, Kurzreisen-Paket (2 Ü/F, ein Drei-Gang-Menü, Tageskarte Tropical Island mit Abendshow „Varieté der Tropen“ und Barbecue) ab 155 Euro pro Person. Buchbar bei Neckermann Reisen. GROSSKOSCHEN: Sieben Übernachtungen im 3-Bett-Bungalow im Familienpark Senftenberger See (Eigenverpflegung) kosten für zwei Erwachsene und ein Kind ab 288 Euro. Buchbar bei Neckermann Reisen.

FAHRRAD Bis Anfang Oktober vermietet Eckhard Hoika Fahrräder und bietet geführte Touren durch die Lausitz an, zum Beispiel „Sieben Seen sehen“, eine 40-Kilometer-Tour durchs neu entstehende Lausitzer Seenland. Preis: 29 Euro pro Person. Info und Anmeldung bei Aktiv-tours, Straße zur Südsee 1, 01968 Senftenberg-Großkoschen; Tel. 03573/81 03 33; im Internet: www.aktiv-tours-lausitz.de.

LAUSITZRING Der Euro-Speedway Lausitz liegt rund 40 Kilometer südwestlich von Cottbus. Er wurde im Jahr 2000 als Grand-Prix-Kurs, Speedway und Teststrecke eröffnet. Besucherzentrum, Restaurant und Tribüne sind für Besucher geöffnet, Eintritt frei. Informationen im Internet unter www.euro­speedway.de. Karten für das DTM-Wochenende vom 4. bis 6. Mai kosten ab 26 Euro (Kategorie Bronze, Seitentribüne C). Info- und Tickethotline 018 05/30 77 03 (14 Cent/Min.).

TROPICAL ISLAND Die Halle mit dem Freizeitpark liegt rund 60 Kilometer südlich von Berlin an der A13, Ausfahrt Staakow. Geöffnet 24 Stunden täglich (außer Hl. Abend, Silvester), Eintritt tropische Erlebnis- oder Saunalandschaft je 34,50 Euro (ein Tag), Kinder (4 bis 14 Jahre) 27 Euro. Übernachten im Zelt in der Halle kostet ab 24,50 Euro pro Person, in der Lodge für zwei Personen ab 99 Euro. Info und Buchung unter Tel. 0354 77/ 60 50 50, www.tropical-islands.de.

AUSKUNFT TMB Tourismus-Marketing Brandenburg, Tel. 03 31/200 47 47, www.reiseland-brandenburg.de. Tourismusverband Niederlausitz e.V., Tel. 035 73/877 20 00, Internet: www.niederlausitz.de.

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