Klarer Blick auf Estland

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Wintermärchen: Die Briten wählten Estlands Hauptstadt Tallinn zur schönsten Weihnachtsmarkt-Kulisse Europas.

Tallinn - Es ist Advent, Zeit für Glühwein, Kerzen und Winter-Romantik. Den schönsten Weihnachtsmarkt in ganz Europa soll laut der britischen „Times“ Estlands Hauptstadt Tallinn haben.

Tallinn, im Dezember 2011

Im vergangenen Jahr, bei Dreharbeiten zu dem Film „Poll“, lernte Edgar Selge das estnische Leben kennen. Der Film entstand in Matsu, einem Ort an der Westküste, der auf vielen Karten nicht einmal verzeichnet ist. „Das war ungeheuerlich für jemanden aus einem dicht besiedelten Land, der plötzlich diesem Leerraum ausgesetzt ist“, erzählt Selge. „Ich habe in Pärnu gewohnt. Jeden Tag brachte mich ein Fahrer zum 14- Stunden-Drehtag. Etwa 50 Mal bin ich die Strecke gefahren, es kam nur selten ein Auto entgegen. Wenn mein Chauffeur telefonierte, rief er oft ,Selge, Selge!‘ und ich dachte, warum das?“ Später habe er dann erfahren, dass „Selge“ im Estnischen die Bedeutung von klar und durchsichtig hat, dass der Chauffeur am Telefon also immer „alles klar“ gesagt hatte.

Tourismus in Estland hat viel mit Vergangenheitsbewältigung zu tun. Es kommen zahlreiche Besucher, die ihre alte Heimat sehen wollen, nach den Wurzeln ihrer Vorfahren suchen. Edgar Selge hat diesen familiären Bezug nicht. „Meine Eltern stammten aus Ostpreußen. Es gab Verwandte in Pommern, die wiederum Verwandte in Masuren hatten. Aber Esten kamen in ihren Erzählungen nie vor“, sagt er. Aber natürlich sei er in Estland auch ein bisschen als Nachfahre einstiger Kolonialherren unterwegs gewesen. „Erst dort ist mir klargeworden, dass dieses praktische, tatkräftige Volk eigentlich zum ersten Mal frei ist und Kultur leben kann.“ Die Tragödie der über Jahrhunderte unterdrückten Esten sei ihm besonders in Tallinn bewusst geworden. „In der Altstadt laufen junge Leute in historischen Kostümen als Dienstleister herum, wie Darsteller in einem Shakespeare- Stück.“

Es gibt viele deutsche Spuren in Esland. In Pärnu war Thomas Mann in der Sommerfrische. Selge erzählt von deutschen Namen auf Tafeln, von deutschsprachigen Büchern in den Antiquariaten. Aber er sagt: „Es gibt in diesem modernen Land keine Vorbehalte gegenüber den Deutschen, nicht mal Skepsis. Das ist in den Nachbarländern anders. In Estland gilt die Gegenwart und die Gegenwärtigkeit.“

Der Film „Poll“, für den Edgar SelgeAnfang des Jahres den Bayerischen Filmpreis bekommen hat, erzählt die Geschichte des Untergangs einer deutsch-baltischen Gutsbesitzerfamilie im Jahr 1914. Selge zählt ihn zu seinen nachhaltigsten Filmerfahrungen. „Allein die tägliche Anfahrt, plötzlich taucht da diese Filmkulisse am Horizont auf, ein Herrenhaus im Palladio-Stil, wie ein Geisterhaus von Edgar Allan Poe, umgeben von einer Containerstadt.“

Die drehfreien Tage nutzte Edgar Selge, um immer mehr von Estland zu entdecken. Was ihn besonders faszinierte, war die endlose Natur. „Da ist ein Land, das einfach da ist, es wirkt unbenutzt, vom Tourismus nicht abgenutzt. Waldwanderwege sind noch richtige Arbeitswege von Arbeitern, die Torf stechen oder Holz fällen.“ Als seine Frau und die Kinder ihn besuchten, seien sie in den Lahemaa-Nationalpark gefahren. „Diese Ruhe, die wunderschönen Naturwege, aber auch das Wissen, dass es dort Bären, Wölfe und Elche gibt, die wir nie zu sehen bekamen!“ Ein Land für Naturliebhaber.

„Man muss sich allerdings aushalten können“, räumt Edgar Selge ein. Wenn zu viel Einsamkeit da war, habe er sich nach Berlin gesehnt. „Sonst aber habe ich diesen leeren Raum als Kraftfeld erlebt. Und das vermisse ich heute.“ Ja, er will da wieder hin. „Aber man braucht Zeit für dieses Land, innere Zeit, um zu sich zu kommen.“

Roland Mischke

DIE REISE-INFOS

REISEZIEL - Estland ist das nördlichste Land des Baltikums. es grenzt im Süden an Lettland, im Ssten an Russland. Der Norden und Westen sind Ostseeküste. Dem Festland vorgelagert sind rund 1500 inseln. Mit 45:227 Quadratkilometern Fläche ist Estland das kleinste Land des Baltikums und mit nur 1,3 Millionen Einwohnern sehr dünn besiedelt. Die Hälfte des Landes ist Wald, Lebensraum für Wildtiere. in Estland sollen noch etwa 800 Braunbären, 2000 Luchse und 600 Wölfe leben.

ANREISE - Flüge nach Tallinn mit der Lufthansa direkt ab München, ab ca. 185 euro. Zwischen Tallinn und Helsinki in Finnland bzw. Stockholm in Schweden verkehren Fähren.

REISEZEIT/KLIMA - Estland hat, bedingt durch die Nähe der Ostsee, kalte, frostige Winter und mäßig warme Sommer. Die mittelalterliche Stadt Tallinn wirkt zu Weihnachten wie ein Wintermärchen. im Sommer ist es bis zu 19 Stunden hell, weshalb man die Zeit auch als „weiße Nächte“ bezeichnet.

REISETYP - Das Land bietet einen unvergleichlichen Mix an Kultur (alte Hansestädte) und unberührter Natur.

EDGAR SELGE - Drei Monate hat Edgar Selge während der Dreharbeiten zu „Poll“ an der Westküste Estlands gelebt. Der Film spielt am Vorabend des ersten Weltkriegs. Für seine Rolle in „Poll“ hat Edgar Selge den bayerischen Filmpreis bekommen. soeben ist die DVD von „Poll“ im Handel erschienen.

BOTSCHAFTER - In einer neuen Kampagne des estländischen Fremdenverkehrsamtes erzählen fünf Künstler über ihre Beziehungen zu dem kleinsten Land des Baltikums. Neben Edgar Selge sind das der estnische Dirigent Paavo Järvi, der Ausnahmekünstler Arvo Pärt, die neue Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin, Kristiina Poska, und Designerin Liina Viira. Mehr dazu im Internet unter www.visitestonia.com.de.

VERANSTALTER - Spezialist für das Baltikum ist Schnieder Reisen in Hamburg, Tel. 040/380 20 60, Internet: www.baltikum24.de.

WEITERE INFOS - Estlands Fremdenverkehrsamt hat ein Büro in Hamburg. Tel. 040/30 38 78 99, internet: www.visitestonia.com/de.

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