Irland auf die sanfte Tour

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Irland wird zurecht als grüne Insel bezeichnet.

München - Der Flieger braucht für die Strecke München–Dublin gerade mal zwei Stunden. Aber es gibt Menschen, die wollen im Urlaub entschleunigen und wählen sogar für Reiseziele wie die grüne Insel im Atlantik bewusst den Bus. Andreas Werner begleitete eine Gruppe von Lesern auf einer meditativen Tour zwischen Guinness und Glücksklee.

In dem Moment, in dem sich die Fähre dem Hafen nähert, in dem die Konturen von Dublin so scharf werden, dass ein guter Schwimmer auch über Bord springen und das Land erreichen könnte, legt der stämmige Mann mit den fuchsroten Haaren seinen Kopf in den Nacken und saugt die Luft ein, ganz tief. Dann öffnet er die Augen und raunt der Frau an seiner Seite zu: „Ireland – welcome home, darling!“

Fast ein wenig beschämt, diese intime Szene belauscht zu haben, wenden wir uns ab. Für uns sind diese letzten Meter auf dem Atlantik kein Heimkommen, sondern ein Ankommen. Ein neues Ziel, von dem wir aus dem Reiseführer wissen: Es ist der Ort, an dem die Wikinger vor rund 1500 Jahren den Platz „Dubh Linn“ gegründet haben. Dubh Linn, das heißt so viel wie schwarzer Sumpf. Aber schwarzer Sumpf, das war einmal. Dublins blumengeschmückte Straßen, werden wir bald erfahren, verwöhnen das Auge. Schwarzen Sumpf servieren sie hier heute nur noch in Biergläsern. Doch davon später.

Schafe sind bis heute Wetterfrösche auf der grünen Insel.

Genau genommen haben wir sogar einen noch längeren Weg als die Wikinger einst hinter uns. Am Tag zuvor sind wir um 8 Uhr in München in den Bus der Firma Sittenauer geklettert, über Rotterdam ging es für unsere 34-köpfige Reisegruppe dann via Nachtfähre nach England, einmal quer durchs Königreich und dann erneut auf die Fähre. Es mag Menschen geben, die finden so eine lange Anreise bescheuert. Aber es gibt auch Menschen, die schätzen diese sanfte Art der Annäherung. Du kannst mit dem Flieger in Dublin landen, plumps, bist du drin – oder du frisst die Kilometer, verputzt die Vorfreude häppchenweise, und währenddessen bereitest du dich auf dein Ziel vor.

Immer wieder reist der Finger auf der Landkarte neugierig voraus, die Zeit verkürzt so manchem Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“. Auf dieser Insel, schreibt er, „lebt das einzige Volk Europas, das nie Eroberungszüge unternahm, wohl aber selbst einige Male erobert wurde“. Wird es uns erobern?

Hat es. Spätestens am zweiten Tag der Rundreise hat uns Irland erobert. Wir stehen auf einem Felsen der Klosterruine von Clonmacnoise, das in einer Armbeuge des Flusses Shannon ruht. Es ist eine der heiligsten Stätten des gälischen Irlands, der letzte Hochkönig Ruari Ua Conchubhair wurde hier 1189 beigesetzt. Die Steinkreuze ragen zwischen Kirchenmauern und zwei Rundtürmen aus sattgrünem Gras hinauf in einen Himmel, der in bayerischem weißblau an die Heimat erinnert.

Ja, es regnet oft in Irland. Aber da in der Regel an jedem Tag alle vier Jahreszeiten durchlaufen werden, kommt auch die Sonne immer wieder zum Vorschein. Und wie! Sie überflutet die Insel, sie kitzelt aus jedem Grashalm die Farbe heraus. Die Iren versichern sich gern gegenseitig, dass nur der viele Regen ihre Insel so grün macht. Und gleich hinter den Wolken, das weiß jeder Ire, steckt der ewig blaue Himmel.

Nichtsdestotrotz bevorzugt der Ire im Zweifel jenen Ort, an dem es wirklich nie, niemals regnet: den Pub. Es ist ein Ort, an dem es Ausländern schwerfällt, den eh schon schwierigen Dialekt angesichts Guinness-getränkter Zungen und lauter Musik zu verstehen – und es ist doch ein Ort, an dem sich jeder versteht. Das wichtigste Wort heißt Slainte, Prost. Das lernt jeder, denn es gibt sicherlich wenige Orte auf dieser Welt, in denen Menschen so gerne Klischees bestätigen wie in einem Pub.

„Die Iren lieben Herausforderungen.“

Dem Iren wird Trinkfreude und Musikgeschmack nachgesagt, dazu noch, dass er ein Menschenfreund ist – und jawohl, es gibt vielleicht keine wahrere Wahrheit. So dauert es nicht lang, bis man ebenfalls herzlich „Slainte“ ruft. Dass in den Gläsern schwarzer Sumpf schwappt, stört die wenigsten. Guinness ist Folklore. Oder zumindest der Förderer davon.

Als wir in Tralee an einem Abend einen Pub betreten, singt an der Theke eine Reihe rüstiger Rentner, während im Hinterzimmer eine jugendliche Party steigt. Wenn der Fremde – zwischen vielen, vielen Slaintes versteht sich – bewundernd feststellt, sowas sei selten geworden, dass Generationen so unter einem Dach feiern, lachen die Gastgeber und erklären: Im Hinterzimmer begießt ein Mädchen seinen 18. Geburtstag, und hier an der Theke stoßen die Großväter darauf an.

Vielleicht machen sie sich auf dieser Insel, wie aus so vielem, auch daraus einen Sport, Grenzen zu akzeptieren. „Die Iren“, erzählt uns Heidi, als wir durch die Seenlandschaft des Nationalparks Connemara fahren, „lieben Herausforderungen.“ Vor 22 Jahren ist sie aus Deutschland übergesiedelt, sie kann Geschichten erzählen, die auch längste Regentage verkürzen. Nach einem Unwetter zum Beispiel, wenn umgestürzte Bäume die Straßen versperren, machen die Iren einen Gemeinschaftstag aus der Sache. Dann werden die Stämme zersägt, dazu wird geplaudert und nach getaner Arbeit wird angestoßen. „Die Iren sind ein Volk der Sich-Selbst-Helfer“, sagt Heidi.

Schafe sind bis heute Wetterfrösche auf der grünen Insel. Je höher sie die grünen Hügel abgrasen, desto besser meint es Petrus. Wenn Ziegen früher aus den Bergen nach unten preschen, bedeutet das: Feind im Anmarsch. In Killorglin, 1600 Einwohner, 20 Pubs, zwei Supermärkte, küren die Bewohner deshalb seit 800 Jahren an jedem 10. August einen Ziegenbock zum „König von Irland“.

Als wir nach einer Woche wieder in Dublin ankommen, ist geschenkt, dass wir noch eine weite Busreise vor uns haben. Eindrücke und Episoden werden die Fahrt verkürzen. Von den Cliffs of Moher über Kylemore Abbey und die sonnigen Strände von Waterville, wo Charlie Chaplin gerne den Sommer verbrachte, bis hin zum Ladys View, dem Queen Victoria seinen Namen gab – Irland ist weit mehr als Regen, Schafe und Weideland.

Wir sind wieder auf der Fähre, hinter uns entschwindet die grüne Insel am Horizont. Wir starren in unser letztes Glas Guinness. Schwarzer Sumpf? Ach was – flüssiges Gold! Wir saugen die Luft durch die Nase ein – und nehmen ein Stück Irland mit in unsere Heimat. Slainte!

aw

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