Indiens Küste Kerala: Urlaub nach Geheimrezept

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Einsame Traumstrände: Das Tourismus-Zeitalter hat im Norden Keralas gerade erst begonnen.

Sie raunen von den drei großen M ihrer Vergangenheit: Marktleute, Marxisten und Missionare prägten die Bewohner der indischen Küstenregion Nordkerala. Von einem M blieben sie weitgehend verschont: Massentourismus...

... Besuchen darf man sie trotzdem und gemeinsam übereinander staunen. Unser Autor Christian Deutschländer hat es erlebt.

Bekal, im März

Das magische Buch von Sharada ist ein altes Schulheft, abgewetzt, liniert, mit Rand. Seite um Seite ist gefüllt mit einer mädchenhaften, aber fremden Schrift. Malayalam ist die Sprache, in der Sharada sorgfältig ihr Wissen notiert. Sie schreibt von den Geheimnissen, wie man Menschen mit gutem Essen betört. Wie man Gästen, die schon alles zu kennen glauben, ein Staunen ins Gesicht zaubert.

Sie öffnet das Buch, liest eine Seite vor, lächelt, wackelt mit dem Kopf. Verlegen wirkt sie. Weil es doch hier nicht um hyperhippe Trends der Haute Cuisine geht, sondern um ein paar Ideen, die sie zu Hause in ihrem Dorf hatte, wo ihr Holzofen steht und der Tontopf. „Small“, sagt sie: kleines Dorf, kleiner Ofen, kleiner Topf.

Und große Ideen. Denn Sharada, 43, und ihr magisches Buch machen sich jetzt sechsmal pro Woche auf den Weg vom Dorf Pallakunnu zum Vivanta-Hotel der Taj-Kette in Bekal. Dort zieht sie eine Schürze an, dazu die weiße Haube, nimmt die Kochutensilien und den Kugelschreiber zur Hand. Sharada ist „local chef“, eine Art örtlicher Küchenboss. Statt internationalem Schnickschnack will das Luxushotel Gerichte servieren, wie sie in den nahen Dörfern gegessen werden und engagiert die Menschen von dort deshalb als Koch.

Sharada lacht, als sie von ihrem ersten Tag in der Profi-Küche erzählt. „Ich habe all die Maschinen gesehen und dachte: Das schaffst du nie!“ Mitarbeiter haben ihr die Geräte erklärt. Ein Tag Probearbeit – dann war sie angestellt. Für Idiyappam, den Nudel-ähnlichen Reis mit Kokosnuss. Oder Appam, die hauchdünnen Reis-Pfannkuchen, knusprig und weich zugleich. Für heißen Quark mit Kürbis, mit Senf, Curry und Chili – „mein Lieblingsgericht“, sagt Sharada.

Sharada kocht, seit sie 15 ist und der Mama über die Schulter sah: „Ich liebe es.“ Nie ist sie so stolz, wie wenn den Gästen ihre Gerichte schmecken. Wenn sie darum bitten, genau das Gleiche wie am Vortag nochmal auf dem Bananenblatt serviert zu bekommen. Kein Problem, das Rezept steht ja exakt in Sharadas Heft.

Mit einem Sozialprojekt hat das weniger zu tun, als man vermuten mag. Der Norden der indischen Provinz Kerala, an der ewig langen Westküste, ist einigermaßen wohlhabend. Die Bewohner gelten als fleißig, weltoffen, als gute Händler, seit sie Pfeffer, Kardamom und Zimt exportierten. Viele Familienmitglieder haben Jobs im Ausland und überweisen großzügig. Fast jeder kann lesen, beherrscht oft ein, zwei Fremdsprachen.

Gäste anzulocken an die Sandstrände, Pools zu bauen unter den Betelnusspalmen – darum kümmerten sie sich lange nicht. Weite Teile Nordkeralas sind von Tourismus nahezu unberührt. Ein, zwei dicke internationale Hotels gibt es. Erst im Frühjahr öffnete Vivanta.

Vielleicht ist das gut so. Der Blick nach Goa lehrt viele hier, was sie nicht wollen: den Einfall von Hippies, gefolgt vom Chartertourismus aus dem Westen, dann die Massen von Russen. Zaghaft geht es deswegen zu in Bekal. Die Regierung, bis vor kurzem übrigens Kommunisten, verhängte Bauverbote bis 200 Meter vor der Küstenlinie. Und nichts soll höher werden als eine Palme. Die Anreise erfolgt über eine teils dramatisch enge Teerstraße. Dafür warten vor Ort keine Nepper, Bettler und Becks- Verkäufer. Sondern Bewohner, die mit einer lustigen Mischung aus Neugier und Amüsement auf die Touristen reagieren. Manchmal bitten sie um ein gemeinsames Handy-Foto. Die Anwohner, nicht die Gäste mit der auf dem Bauch baumelnden Canon.

Die Sehenswürdigkeiten sind eher klein. Stolz zeigt man das Fort aus dem 16. Jahrhundert, oder was übrig ist davon. Oder ein Felsloch, in dem ein angeblich unsterbliches Krokodil lebt und Reis frisst (es ist vegetarisch). Die Schätze hier sind eher die Begegnungen mit den Menschen.

Straßenrand in Nordkerala, ein Tempel: Der Priester lädt ein zur hinduistischen Zeremonie. Ein Zufallsbesuch, kein Touri-Arrangement. Trommeln dröhnen, ein dreiäugiger Dämon schielt vom Tempeldach herunter, durch den Rauch von Öllämpchen tanzt der Priester minutenlang wie in Trance. Opulenter Schmuck klirrt bei jedem Schritt, er schwenkt ein rostiges Schwert. Gott fährt ein in seinen Körper und spricht aus ihm. Er hat gute Nachrichten. Der Priester winkt den Besucher zu sich: „Auf dieser Reise wird dir kein Unfall passieren“, murmelt er. Was beruhigend zu wissen ist, wenn einem später auf der Straße wieder zwei Busse und ein Tanklaster entgegenrasen.

Als die Zeremonie endet, nimmt der Priester seinen Kopfschmuck ab, die klirrenden Ornamente. Eine kleine, hagere Gestalt bleibt übrig, mit schütterem Haarkranz und schüchternem Lächeln fast so bezaubernd wie jenem von Sharada. Auf ein Gläschen Toddy bittet er noch ins Tempel-Hinterzimmer, vergorener Palmblütenwein, eine Art indischer Federweißer. Viele schwören, sie bekommen beim Anblick schon Durchfall. Aber was soll schon passieren? „Deine schlechten Zeiten sind vorüber“, hat der Priester schließlich geflüstert: „Es gibt nur ein Leben. Alles Gute.“

DIE REISE-INFOS

REISEZIEL - Der Bundesstaat Kerala liegt an der Malabarküste im südwesten Indiens. Besonders der Norden ist touristisch bisher weitgehend unentdeckt. Lange strände, meist ohne Infrastruktur, Palmen, Berge bis über 2000 Meter und das flusssystem der Backwaters prägen die Region. erst vor drei Jahren eröffneten erste Hotels für Touristen.

ANREISE - Mit dem flugzeug über Bangalore, eine Wirtschaftsmetropole im Nachbar-Bundesstaat Karnataka, übrigens eine Partnerregion Bayerns. Von dort gehen Inlandsflüge nach Mangalore. Weiterreise über 80 Kilometer nach Kerala auf rumpeligen straßen zwischen Tuk-Tuks und Lastwagen.

REISEZEIT - Am besten außerhalb der Monsunzeit zwischen Oktober und April. Gut geeignet ist aber auch der August für eine Südindien-Tour.

REISETYP - Wer schon viel gesehen hat und Neues erleben will, auf wildes Nachtleben verzichten und längere Anfahrten in Kauf nehmen kann. Organisierte Rundreisen mit Fahrer und örtlichem Guide bieten sich an.

WOHNEN - Erst im März hat das Vivanta am Kappil Beach in Bekal aufgemacht, ein lässiges Luxusresort der Taj-Kette. Die 71 Zimmer und Villen verteilen sich über ein Zehn-Hektar-Areal, viele mit eigenem Pool. Sharada kocht sechs Tage pro Woche im Hauptrestaurant Latitude. Wer früh aufstehen mag, kann mit ihrem Chef vorher zum Fischmarkt fahren. Doppelzimmer ab 190 Euro für zwei Personen. In Bangalore gilt das Taj Westend als eines der besten Häuser. Trotz 125 Jahren Tradition ist es nicht verstaubt, bietet sogar eine coole Bar und einen lustigen Service für Alleinreisende: Ein Goldfisch unterhält Sie beim Abendessen, stumm natürlich. Doppelzimmer ab 218 Euro für zwei Personen zzgl. Steuern.

VERANSTALTER - Der Veranstalter Comtour hat sich auf maßgeschneiderte individuelle Indien-Reisen spezialisiert. Preisbeispiel: Eine neuntägige Kerala-Reise ab München mit Emirates-Flügen über Dubai kostet pro Person im Doppelzimmer mit Frühstück ab 2265 Euro. Eingeschlossen sind Transfers im klimatisierten Auto mit Chauffeur, lokale englischsprechende Reiseleitung, Stadtrundfahrten und Ausflüge. Auch ein Besuch beim vegetarischen Krokodil kann eingeplant werden. Übernachtungen im Taj Westend in Bangalore und in einer Villa des Vivanta in Bekal. Info/Buchung: www. comtour.de oder unter Tel. 020 54/954 70.

WEITERE INFOS - Indisches fremdenverkehrsamt, frankfurt, Tel. 069/ 242 94 90, www.india-tourism.com. Eine informative Webseite auf Deutsch über die Region bietet auch www.keralatourism.org.

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