Hier spielt die Musik

+
Miami: Der Ocean Drive - hier promeniert die Schickeria.

Die Metropole im Sunshine State glitzerte immer ein bisschen mehr als der Rest der USA. In Miami war alles ein bisschen schriller, schräger, lauter und bunter.

Doch jetzt ist Krise. Unser Autor Thomas Willmann war in der größten Stadt Floridas und hat herausgefunden, dass die Musik hier immer noch spielt. Und zwar nicht gerade leise.

Das Image verteidigen

Hier nahm die Krise ihren Anfang. Hier fielen viele der ersten Dominosteine in der Hauskredit-Krise, die zur globalen Kettenreaktion führte. Hier zündete, was uns nun um die Ohren fliegt. Noch freilich spürt man in Miami statt Abkühlung höchstens coole Dekadenz. An jedem Abend heißt es für die Szenegänger in einem anderen der Luxushotels „Hier spielt die Musik“.

Dienstags etwa drängeln sich die Party People, die Reichen und/oder Schönen mit ihrem Anhang im Delano Hotel, und man feiert, als wäre es 1999, umgeben vom luftigweißen Design Phillippe Starcks: So makellos sah früher die Zukunft aus. Noch fließt der Champagner beim Jazz-Brunch sonntags im Regent Hotel. Noch ist die meilenlange Hotelparade am Strand von South Beach durchsetzt von vielen hoffnungsvollen Baustellen. „Baut es, und die Leute werden kommen“, ist ein uramerikanisches Motto, und noch scheint der Weltbedarf an Sonne und Strand – Miamis wichtigste natürliche Resourcen – nicht gedeckt.

Dabei ist die Stadt sich offenbar bewusst, dass sie eben nicht irgendein beliebig austauschbarer Baugrund für Bettenburgen ist. Miami hat Geschichte und Flair zu verteidigen, Miami lebt auch von einem Image als Stadt. Und so bewahrt man sich die Art-Deco- und „Miami Modern“-Fassaden, um dahinter neue Zimmertürme hochzuziehen – wie Erinnerungen an eine Zeit, als Architektur noch Utopie und die Zukunft noch gestaltbar schien.

Miami Little Havana

Miami - Little Havana

Miami

Wie etwa im eben wiedereröffneten Eden Roc, das von glamourösen Erinnerungen zehrt: Frank Sinatra und sein Ratpack haben hier vor einem halben Jahrhundert nach ihren Auftritten in der berühmten Harry’s American Bar gebechert, Nat King Cole hat im „Mona Lisa“-Saal sein gleichnamiges Lied zum besten gegeben. Oder das Setai, in das sich das ehemalige Vanderbilt Hotel verwandelt hat.

Hier setzt man insgesamt auf asiatische Ruhe – in einer Suite des neuen Turms jedoch hat man von Lenny Kravitz jüngst ein topmodernes Tonstudio einbauen lassen. Er selber hat hier noch nicht in die Gitarrensaiten gegriffen – dafür produzierte etwa Timbaland das neue Solo-Album von Chris Cornell, Ex-Sänger, -Gitarrist und -Songwriter von „Soundgarden“. Man sieht: Miami ist schlichtweg nicht ohne Musik zu denken. Sie pulst hier seit jeher wie Magma unter der Oberfläche des Lebens: Der mondäne Swing der 50er, der amerikanisierte Latino-Pop Gloria Estefans oder Jan Hammers Synthie- Sounds, die die stilbildende Neuerfindung des Stadt- Images in „Miami Vice“ begleiteten. Vor allem aber ist Miami als Einfallstor nicht nur für Exilkubaner ein brodelnder Schmelzkessel, eine Versuchsküche für die Verbindung bekannter exotischer Zutaten zu neuer, schmackhafter Musik.

Klassische Kostprobe

Man kann sich in Miami freilich auch klassische Kost gönnen: Ballett, Sinfonieorchester (ein Tipp: das junge „New World Symphony Orchestra“, besetzt mit Könnern am Anfang ihrer Karriere) – alles ist vorhanden. Die Saisoneröffnung der „Miami Grand Opera“, die ihre Spielstätte im lichtdurchfluteten, modernen Adrian Arsht Center hat, ist ein Schaulaufen der Sponsoren – amerikanischer Geldadel in Garderobe, die für europäische Sensibilitäten eine gewisse geschmackliche Herausforderung darstellt. Und entsprechend – wer zahlt, schafft bekanntlich an – ist die gebotene „Traviata“ ein Tsunami von Plüsch, der auch Traditionalisten wohl schnell wieder das deutsche Regietheater lieben lehrt. Aber Amerika war halt noch nie da am besten, wo es sich beflissen an europäische Ideale hängte, die reine Lehre der Hochkultur importierte, imitierte.

Eine Stadt im Rausch der Farbe - der gesamte "Art Deco District" steht inzwischen unter Bauschutz und ist eines der beliebstesten Wohn- und Hotelviertel in den USA.

Das Genie der USA lag schon immer im vorurteilsfreien Aufnehmen, Zusammenbringen und (im besten Sinne) Popularisieren jedweder Ideen und Stile. Miami ist (nicht nur) musikalisch ein Paradebeispiel dafür. Wer’s genau wissen will, kann sich das Spiel der Einflüsse im Miami Science Museum in der empfehlenswerten Ausstellung „American Sabor – Latinos in U.S. Popular Music“ theoretisch fundiert, aber doch sinnlich ansprechend erklären lassen. Noch besser aber, man schmeißt sich einfach mitten hinein in die lebendige Praxis. Die ist sowieso schneller und heißer als jede Theorie: Salsa, Reggae, Ska, HipHop – alles ist hier willkommen, alles verschmilzt hier unter der Hitze der Sonne.

Am lautesten geben freilich die Exil-Kubaner den Ton an, sie sorgen für jenes sehnsüchtige Brennen, welches die Treibhausatmosphäre fürs Gedeihen immer neuer musikalischer Blüten schafft. Selbst an der beliebtesten, touristischsten Shopping- Straße, der Lincoln Mall, kann man da schon Frisches und Neues erleben: Da singen etwa im Van Dyke Café junge Bands mit Mitgliedern aus aller Herren Ländern zugleich für und gegen die Revolution – für die Revolution in Amerika, für die Konterrevolution in Kuba.

Das nahegelegene Sushi- Samba hingegen eignet sich, DJ-beschallt, um erste Bekanntschaft mit der cooleren Lounge- und Elektronik- Szene zu machen. Zugleich kann man sich beim raffinierten Mix aus brasilianischer und japanischer Küche überzeugen, dass auch kulinarisch das Talent von Miami im Verschmelzen der Einflüsse besteht. Von da aus kann man sich dann vorwagen in die unzähligen kleineren Clubs, kann im Jazid in Reggae- Räusche geraten oder in Little Havana im Hoy Como Ayer kubanische Musik und kubanischen Rum pur und stark genießen.

Recession Tuesday

Selbst wenn an Dienstagen nicht mehr nur die mondänen Nächte im Delano Hotel gefeiert werden, sondern die ersten Bars Promille- Schnäppchenjäger mit „Recession Tuesdays“, an denen das frisch gezapfte Bier für 75 Cent übern Tresen wandert: Die Musik wird in Miami immer hoch im Kurs stehen. „2009 wird ein schwieriges Jahr,“ sagt uns Hansjoerg Meier, der unwahrscheinlich nette und offene Manager des Setai. Noch weiß keiner, wie tief der Krisen-Krater wirklich ist. Aber nach dem Ausbruch ist vor dem nächsten und auf dem Vulkan ist bekanntlich ein geeigneter Platz zum Tanzen. Miami brodelt, Miami kocht. Let’s dance!

Reise-Infos zu Miami

REISEZIEL Wenn der Tourist „Miami“ sagt, meint er meist „Miami Beach“: Streng genommen sind die Florida-Metropole und die vorgelagerte Halbinsel im äußersten Südosten der USA zwei getrennte Städte. Miami Beach hat nur 18,2 Quadratkilometer Landfläche und knapp 90 000 Einwohner – dafür aber kilometerlange Strände. Die Stadt Miami hingegen – die drittreichste und (laut Forbes-Magazin) sauberste der USA – beherbergt rund eine halbe Million, der Großraum Miami 5,5 Millionen Einwohner.

ANREISE Was die Zahl internationaler Passagiere angeht, ist der Flughafen Miamis der drittgrößte der USA. Diese gigantische Drehscheibe für den Verkehr aus sämtlichen Himmelsrichtungen wird von allen großen Fluggesellschaften angeflogen.

REISEZEIT/KLIMA Das Klima ist tropisch, sprich: Aus mitteleuropäischen Augen gesehen das ganze Jahr Sommer – und von Mai bis Oktober die heißesten Temperaturen und meisten (Monsun-)Niederschläge. Wenn bei uns der Winter Einzug hält, wird es in Miami meist angenehm warm und trocken.

REISETYP Zwar ist Miami Beach berühmt als Ziel für einen klassischen Strandurlaub – Miami als Metropole ist aber, wie im Text geschildert, auch für kulturell, architektonisch oder kulinarisch Interessierte eine Reise wert.

WOHNEN Unter der unüberschaubaren, stetig wachsenden Zahl von Unterkünften jeglicher Klasse fallen nur besonders funkelnde Juwelen auf: Wie etwa The Setai (2001 Collins Ave., www.setai.com). Dieses neue Objekt der Hotelgruppe GHM ist bis ins kleinste Detail als hochluxuriöser Rückzugsraum im asiatischen Stil durchkomponiert. 85 Zimmer, 45 Suiten und ein filmreifes Penthouse stehen Hotelgästen zur Verfügung. Pro Person kostet die Übernachtung mit Frühstück ab 234 Euro, Buchung u.a. bei Airtours.

AKTIVITÄTEN Wer die Stadt zu Land und zu Wasser kennenlernen möchte, ohne umzusteigen (und sich an einer recht amerikanischen Präsentation nicht stört), der kann eine anderthalbstündige Stadtrundfahrt mit dem Amphibienfahrzeug der „Duck Tours“ machen. Preis für Erwachsene: 32 US-Dollar (rund 22 Euro),
Infos: www. ducktoursmiami.com.

MUSEUM Das im Text erwähnte Miami Science Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt für Erwachsene 18 USDollar (rund 12,50 Euro), Kinder von 3 bis 12 Jahren 13 US-Dollar (rund 9 Euro); Info: www.miamisci.org.

AUSFLÜGE Im Hinterland Miamis erstrecken sich die Everglades – das berühmte, zum Teil als Nationalpark geschützte Sumpfland. Vor der Südspitze Floridas reiht sich die (am besten mit dem Mietwagen zu erschließende) Inselkette der Florida Keys, die ebenfalls durch ihre Natur beeindrucken, aber auch für eine Shoppingexkursion, diverse Museumsbesuche und Events gut sind. Infos Im Internet unter www.miamiandbeaches. com.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare