1. wa.de
  2. Leben
  3. Reise

Leinen los und dann entschleunigen: Auf Hausboot-Urlaub in Frankreich

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sandra Kathe

Kommentare

Beim Urlaub auf dem Hausboot zeigt sich die Bretagne aus völlig ungewohnten Perspektiven.
Beim Urlaub auf dem Hausboot zeigt sich die Bretagne aus völlig ungewohnten Perspektiven. © Sandra Kathe

Ein Hausboot-Urlaub auf den Flüssen und Kanälen der Bretagne sorgt nicht nur für ein ganz besonderes Reisegefühl, sondern auch für etliche neue Perspektiven.  

Rennes – Und dann herrscht Stille. Der Zündschlüssel rechts neben dem Steuerrad zeigt senkrecht nach oben auf die kleine Null, die letzten Teller und Gläser vom Abendessen unterm Sternenhimmel an Deck stehen wieder in der richtigen Schublade in der geräumigen Küchenzeile, die sich nach einigen Tagen unterwegs nicht mehr fremd anfühlt, sondern mehr wie ein zweites Zuhause. Bevor es auf die Kabine geht – dort wo vor dem winzigen Fenster keine Felswand mehr zu sehen ist – sondern nur noch das Schwarz der Nacht, geht es nochmal kurz vor die Tür.

Der Tag endet so wie er begonnen hat, in der Stille der Natur, auf der gepolsterten Sitzbank, die am Heck des Hausboots direkt am Wasser des Oust liegt. Der Fluss, der hier die französischen Departements Morbihan und Ille-et-Vilaine voneinander trennt, hat dem stockfinsteren Nachthimmel immer noch dieses kleine Bisschen Funkeln zu erwidern.

Für schlechtes Wetter haben die Boote auch einen Steuersitz im Innenraum, doch den größten Spaß macht das Steuern unter herrlichem Wetter an Deck.
Für schlechtes Wetter haben die Boote auch einen Steuersitz im Innenraum, doch den größten Spaß macht das Steuern unter herrlichem Wetter an Deck. © Sandra Kathe

Urlaub in der Bretagne: Trend zur Hausboot-Reise liegt im Zeitgeist

Dass es spät geworden ist, an diesem Abend in der Bretagne verrät allein der Himmel. Denn anders als einem Abend Mitte Mai irgendwo in Deutschland war es hier, an einem Ort, der fast so weit westlich liegt wie Hunderte Kilometer nördlich die englische Westküstenstadt Liverpool, auch gegen halb elf noch einigermaßen hell. Zum Abendessen wurde vor wenigen Stunden noch selbst gekocht und dazu Kir Breton gemixt, der für die Region typische Drink aus Cassis und Cidre. Bretonischem Cidre, versteht sich. Der ist neben gesalzener Butter der kulinarische Stolz der Region und der beste Beweis dafür, dass die Bretagne trotz faszinierender Küstenlandschaften bodenständiger kaum sein könnte.

Doch von vorn: Die Reise auf dem Hausboot, einem Fortbewegungsmittel, das auch der Zeitenwandel durch die Corona-Pandemie zum Urlaubstrend gemacht hat, begann vor einigen Tagen, recht weit im Osten der Bretagne. Am Hafen der Kleinstadt Messac etwas südlich von Rennes, liegen die Boote eines der größten europäischen Hausboot-Verleiher, dem 1969 in England gegründeten Anbieter Le Boat nur wenige Meter vom Fluss Vilaine entfernt in ihrer Basis. Hier arbeiten die Beschäftigten, die für das Fahrgebiet Bretagne zuständig sind, kümmern sich um Vermietung, Buchhaltung und Instandhaltung der Boote, bringen auf Wunsch vorbestellte Lebensmittel an Bord und weisen die Gäste in das Abenteuer Hausboot-Urlaub ein. 

Beim Passieren von Schleusen ist Teamarbeit der Besatzung gefragt. Aber auch die freundlichen Menschen, die für die Schleusen zuständig sind, helfen am Anfang gerne weiter.
Beim Passieren von Schleusen ist Teamarbeit der Besatzung gefragt. Aber auch die freundlichen Menschen, die für die Schleusen zuständig sind, helfen am Anfang gerne weiter. © Sandra Kathe

Mit dem Hausboot unterwegs in Frankreich, dank Sonderregel auch ohne Bootsführerschein

Im ersten Moment scheint es furchtbar viel zu wissen zu geben: Sicherheitseinweisung, Knoten, Details zu Flusskarten, Routen und Liegeplätzen, die Bedienung des Boots und was beim Schleusen zu beachten ist, doch dank „Learning-by-Doing”-Prinzip und dem Umstand, dass einer der Mitarbeiter, der 58-jährige Laurent die Gruppe durch die erste Schleuse bis zum Anlegeplatz in der Schwesternstadt Guipry begleitet, wird schnell vieles klar. An alles andere gewöhnt man sich in den nächsten Tagen, verspricht Laurent, der seit 34 Jahren hier in der Bretagne Anfängerinnen und Anfänger ins Bedienen der Hausboote einweist und weiß, dass noch jeder heil wieder in Messac gelandet ist.

Dass man die Boote ohne Führerschein überhaupt in den Fahrgebieten ausleihen darf, liegt an einer nicht nur in Frankreich geltenden Sonderregel, die beim Chartern der langsamen Hausboote bis zu 15 Metern Länge eine temporäre Fahrerlaubnis mit einschließt, solange man vorher die Einweisung bekommen hat. Das größte Boot, das man hier leihen kann, misst folglich 14,99 Meter, aber auch die kleineren Modelle bieten überraschend viel Platz. 

Die Hausboote, die man mieten kann, bieten auf bis zu 15 Metern Länge je nach Zahl der Kabinen Platz für vier bis zehn Personen.
Die Hausboote, die man mieten kann, bieten auf bis zu 15 Metern Länge je nach Zahl der Kabinen Platz für vier bis zehn Personen. © Sandra Kathe

Hausboot-Urlaub in Frankreich: Auf der Vilaine durch die Landschaften der Bretagne

Auf einem etwas kleineren Modell, der „Horizon 3” mit drei Kabinen mit Doppelbett und je eigenem Bad, geht’s von Guipry-Messac aus immer die Vilaine entlang. Unterwegs schieben sich die typisch bretonischen Granithäuschen vorbei, die mit farbig gestrichenen Fensterläden und bunt bepflanzten Gärten für Landidyll sorgen, Brücken und Viadukte spiegeln sich beim Passieren im klaren Wasser. Und rechts und links am Flussufer sitzen immer wieder Fischer, grüßen freundlich und geben Zeichen, wenn man beim Vorbeifahren gern ein bisschen langsamer und auf Abstand fahren sollte. Außer dem sonoren Brummen des Bootsmotors ist hier am Fluss nur die Natur zu hören. Störche und Reiher, die immer wieder in nächster Nähe entlang der Flusslandschaft zum Gleitflug ansetzen, stört das leise Geräusch des Motors aber scheinbar kein bisschen. 

Genau dieses Idyll ist auch der beste Grund, bei einer Reise in die Bretagne trotz spektakulärer Küstenabschnitte, herrlicher Buchten und vom rauen Meer umspülter Leuchttürme an der französischen Atlantikküste mehr als nur einen kurzen Blick ins Inland der bretonischen Halbinsel zu werfen, die als westlichste Region Frankreichs ins Meer ragt. Von der Basis in Messac geht es hier entweder in nördlicher Richtung über Vilaine und Canal D’Ille-et-France ins bildhübsche Vorzeigestädtchen Dinan unweit der bretonischen Nordküste oder südwärts über Vilaine und Nantes-Brest-Kanal etwa in die Küstenstädte La Roche-Bernard oder Nantes

Vom Salon des Hausboots mit geräumiger Küche geht es über einen schmalen Gang in die Kabinen.
Vom Salon des Hausboots mit geräumiger Küche geht es über einen schmalen Gang in die Kabinen. © Sandra Kathe

Hausboot-Reise durch die Bretagne: Von Guipry-Messac in die Hafenstadt Redon

Wer in südlicher Richtung mit den zehn Stundenkilometern Maximalgeschwindigkeit auf der Vilaine unterwegs ist, passiert nach einigen Stunden Fahrzeit Redon und damit gleich einen guten Grund an den mit Gänseblümchen bewachsenen Kaimauern für einen kleinen Stadtbummel festzumachen. Die Hafenstadt Redon prägte jahrhundertelang ein im Mittelalter angelegter Seehafen, in dem bis zum Bau eines Wehrs in den 70er Jahren noch die mächtigen Tiden der bretonischen Küste ankamen. Die sorgten – wie Stadtführer Emmanuel erzählt – dafür, dass Schiffe, die auf der Vilaine unterwegs nach Redon einmal auf Grund laufen und die Ebbe aussitzen mussten, den Spitznamen „Krabbenpresse” erhielten.

In diesen Zeiten diente Redon als Hafen für die bretonische Hauptstadt Rennes, der Handel mit kostbarem Sand, Kalkstein, Pinienholz und Wein machten die Stadt so wohlhabend, dass der Bummel zwischen gut erhaltenen Fachwerkhäusern und Stadtvillen direkt am Flussufer sich auch heute noch lohnt. 

Informationen zum Hausboot-Urlaub in Frankreich

Neben der Bretagne zählen auch das Elsass, der Canal du Midi in Südfrankreich und die Flüsse und Kanäle Burgunds zu den beliebtesten französischen Hausbootrevieren, doch auch in Deutschland, den Niederlanden, England, Schottland, Italien und Irland werden Hausbootreisen immer beliebter. Preise und Rabatte für Hausboote variieren je nach Anbieter, Fahrgebiet, Saison und Größe des Boots.

Bei der Basis von Le Boat in Messac in der Bretagne kostet ein Boot mit zwei Kabinen für vier Personen in der Nebensaison ab 1.599 Euro/Woche, mit vier Kabinen für bis zu acht Personen mit Freunden und Familie muss man ab 2.479 Euro Bootsmiete einrechnen. Dazu wird ähnlich wie bei Mietwagen für die Zeit der Reise ein Kautionsbetrag auf der Kreditkarte geblockt. Neben Le Boat bieten auch andere große europäische Anbieter wie Locaboat oder Nicols ähnlich ausgestattete Boote zum Mieten an.  

Hausboot mieten in der Bretagne: Über den Aff zum größten Foto-Festivals Europas 

Von hier geht es dann über Nantes-Brest-Kanal und den schmalen, rechts und links von Wald gesäumten Fluss Aff ins Herz der Bretagne, in ein Städtchen, das trotz seiner nur knapp 4.000 Einwohner auf eine gewisse Weise zu Weltruhm gelangt ist. Denn Yves Rocher, der das Städtchen La Gacilly als sein berühmtester Sohn bekannt machte, war nicht nur jahrzehntelang sein Bürgermeister, sondern gründete 1958 auch das weltbekannte Kosmetikunternehmen, das seinen Namen trägt. Er war es, der unter der Dachschräge seines Elternhauses eine der ersten erfolgreichen Versandketten Europas aufbaute, dann Jahre später als Bürgermeister Dutzende Kunsthandwerker in den schmucken Ladengeschäften der Innenstadt ansiedelte und damit den Tourismus anschob. Und sein Sohn Jacques Rocher initiierte als sein Nachfolger ein Foto-Festival, das heute das größte Europas ist und die Stadt jährlich von Juni bis September in eine riesige Outdoor-Galerie verwandelt.

Das Städtchen La Gacilly ist nicht nur bekannt für Yves Rocher, der es auch als Bürgermeister prägte, sondern auch für das jährlich stattfindende größte Fotofestival Europas.
Das Städtchen La Gacilly ist nicht nur bekannt für Yves Rocher, der es auch als Bürgermeister prägte, sondern auch für das jährlich stattfindende größte Fotofestival Europas. © Sandra Kathe

Dass sich ein modernes Museum, keine 200 Meter vom Hafen entfernt, mit dem Erbe des 2009 verstorbenen Unternehmers beschäftigt, versteht sich von selbst. Nach dem ausgiebigen Stadtspaziergang ist hier dann der perfekte Ort sich in einer der vielen Crêperien durch die Speisekarten zu probieren. Neben den legendären Buchweizencrêpes, die in der Bretagne Galettes genannt und mit allerhand Herzhaftem gefüllt werden, sind die süßen Highlights Crêpes mit dem typisch bretonischen Caramel au Beurre Salé oder dem für die Region typischen Maronenpüree.  

Anlegestellen für den Hausbooturlaub in der Bretagne: In der Stille der Nacht

Wer mit dem Hausboot in La Gacilly über Nacht anlegt, hat das Glück sich vorm rauschenden Wehr am Hafen mit frischem Wasser für den Tank und Landstrom versorgen zu können, doch tatsächlich sind es die einsamen Anlegeplätze unterwegs, die von Reisen wie dieser am meisten in Erinnerung bleiben. Am Oust ist es ein Steg unterhalb eines Kletterparks gegenüber der stolzen Granit- und Schieferklippen der naturgeschützten Île-aux-Pies, der für ein traumhaftes Übernachtungsplätzchen unterm klaren Sternenhimmel sorgt, an der Vilaine die Kaimauer des Örtchens Port de Roche, wo auf der gegenüberliegenden Uferseite ein bildschönes Herrenhaus thront.

Der Anleger im Naturschutzgebiet der Île-aux-Pies gehört zu den schönsten auf der Hausboot-Strecke zwischen Messac und La Gacilly in der Bretagne.
Der Anleger im Naturschutzgebiet der Île-aux-Pies gehört zu den schönsten auf der Hausboot-Strecke zwischen Messac und La Gacilly in der Bretagne. © Sandra Kathe

An beiden Anlegestellen gibt es nachts so gut wie keine Geräusche, die nicht aus der Natur stammen. Und auch deswegen sind Orte wie sie nicht nur perfekt geeignet, um im unvergleichlichen Dämmerlicht der Bretagne den Abend bei Kir Breton und dem bretonischen Met-Getränk Chouchen ausklingen zu lassen, sondern bieten auch traumhafte Kulissen für den ersten Kaffee des Tages, den man am besten so früh genießt, dass noch der Nebel überm Fluss hängt. (Sandra Kathe)

Auch interessant

Kommentare