Erhöhtes Risiko

Vermehrt schwere Verläufe: Ärzte fordern Corona-Impfung für Schwangere

Schwangere werden in Deutschland nicht gegen das Coronavirus geimpft. Dabei haben sie laut Medizinern ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf.

Hamburg - In Deutschland häufen sich Fälle, bei denen am Coronavirus erkrankte Schwangere auf Intensivstationen versorgt werden müssen. Schwangere erhalten hierzulande aber keine reguläre Corona-Impfung. Das sollte sich ändern, fordern Medizinier. Auch Virologe Alexander Kekulé appelliert, dass Schwangerschaft dringend als erhöhtes Risiko anerkannt werden müsse. (News zum Coronavirus)

LandDeutschland
HauptstadtBerlin
Einwohner83,02 Millionen

Erhöhtes Risiko: Ärzte fordern Corona-Impfung für Schwangere - „Fälle sind besonders dramatisch“

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) versorgten Teams in den ersten Monaten 2021 schon sieben Fälle, bei denen junge, gesunde Frauen, die ein Baby erwarten, auf der Intensivstation landen. Im gesamten Vorjahr hatte es dort nur eine schwer an Covid-19 erkrankte Schwangere gegeben, wie der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE, Stefan Kluge, der Nachrichtenagentur dpa sagte. 

„Diese Fälle sind besonders dramatisch. Wir sollten in Deutschland unbedingt auch Schwangere impfen“, so Kluge. Er spricht von einem „neuen Phänomen“. Das liege auch an der britischen Corona-Mutation, die deutlich ansteckender ist.

Die neue Einschätzung aus der Medizin lässt aufhorchen. Bislang erhalten Schwangere in Deutschland keine Corona-Impfung. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt dazu auf seiner Internetseite, dass die Datenlage zur Anwendung von mRNA-Impfstoffen (Biontech, Moderna) in der Schwangerschaft nicht ausreichend sei. Daher empfehle die Ständige Impfkommission (Stiko) derzeit keine Impfung für Schwangere. Stefan Kluge sagt: „Das Risiko der Impfung ist nicht Null, aber der Nutzen ist größer.“

Ärzte fordern Corona-Impfung für Schwangere - Immunsystem ist herabgesetzt

Erfahrungen wie nun in Hamburg, aber auch Studien zeigen: Wenn sich Schwangere mit dem Coronavirus infizieren, kann das riskant werden. Wie Stefan Kluge erklärt, ist das Immunsystem bei Schwangeren generell etwas herabgesetzt und die Sauerstoffaufnahme reduziert. In mehreren anderen Ländern wird ausdrücklich auch Schwangeren die Corona-Impfung empfohlen, in der Regel mit mRNA-Impfstoffen.

In Israel hatten der Frauenärzteverband sowie das Gesundheitsministerium bereits im Januar eine Empfehlung zur Corona-Impfung für schwangere und stillende Frauen gegeben. Dort gab es mehrere Todesfälle schwangerer Frauen sowie Totgeburten nach einer Corona-Infektion. In den USA haben sich schon mehr als 100.000 Schwangere impfen lassen.

Corona-Infektion: Virologe sieht „massiv erhöhtes Risiko“ bei einer Schwangerschaft

Auch Virologe Alexander Kekulé appellierte kürzlich, dass eine Schwangerschaft dringend als erhöhtes Risiko anerkannt werden müsse. Kurz gesagt hätten Schwangere ein „ganz massiv erhöhtes Risiko für Komplikationen, wenn sie sich eine Covid-Infektion einfangen“, sagte er im MDR.

Dabei berief sich Kekulé auf eine Studie: Die Wahrscheinlichkeit auf der Intensivstation zu landen sei im Vergleich zu Schwangeren ohne Covid-19 rund fünffach erhöht, die Wahrscheinlichkeit zu sterben 22-fach. Ein Forscherteam stellte diese Beobachtungen aus 18 Ländern im Journal „Jama Pediatrics“ vor, es ging um mehr als 2100 infizierte und nicht-infizierte Schwangere.

Der Berliner Virologe Christian Drosten schränkte jedoch im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ ein, dass bei der Studie auch Länder in tropischen Gebieten mit schlechter Grund-Gesundheitsversorgung einbezogen gewesen seien. In einer Auswertung im Ärzteblatt hieß es, dass die untersuchten Daten zu Schwangeren hierzulande überwiegend günstige Verläufe einer Infektion mit Sars-CoV-2 nahelegten - bezogen auf die Zeit bis Oktober 2020.

Schwere Covid-19-Verläufe bei Schwangeren: Stiko beschäftigt sich mit Impf-Frage

Auch die Stiko beschäftige sich intensiv mit der Frage der Impfung von Schwangeren, teilte Marianne Röbl-Mathieu auf dpa-Anfrage mit. Sie ist die Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in dem Expertengremium. Dass die Impfung nicht generell empfohlen wird, begründet sie mit bislang fehlenden Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit.

Nach zufälligen Corona-Impfungen von Frauen, die zu dem Zeitpunkt noch nichts von ihrer Schwangerschaft wussten, habe sich gezeigt, dass dies keine negativen Einflüsse habe, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kürzlich in Berlin, als er nach der Impfung für Schwangere gefragt wurde. (mit dpa-Material)

Rubriklistenbild: © Caroline Seidel/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare