Unerträgliche Schmerzen

Hilfe bei Steinen in der Niere

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Kleiner Stab mit großer Wirkung: Dr. Frank Strittmatter zeigt Nicole das feine Gerät, mit dem er ihr einen Nierenstein entfernt hat.

Die heftigen Schmerzen überfallen die Patienten völlig unerwartet. Die plötzliche Bewegung des Steins im Harnleiter löst eine Kolik aus. Auch junge Menschen sind betroffen wie die 29-jährige Nicole.

Samuel ist ein kleiner Wirbelwind. Der Dreijährige tollt durch das Krankenzimmer im Klinikum Großhadern und lässt sich von Dr. Frank Strittmatter die feinen OP-Instrumente zeigen: Aus dem dünnen Schlauch lässt sich ein winziges Körbchen ausfahren. Mit einem solchen hat der Urologe Samuels Mutter drei Steine aus der Niere entfernt – erst vor einem guten Tag. „Ich fühle mich, als wäre nie was gewesen“, sagt Nicole Mühlmann. Gleich geht es wieder nach Hause, wo Samuels vier Monate altes Geschwisterchen wartet.

Schon eine Woche zuvor war die 29-Jährige in Großhadern behandelt worden – als Notfall. Ihre beiden Kinder schliefen bereits, als die junge Frau um halb zwölf Uhr nachts einen Druck in der Blase spürte. Sie ging zur Toilette. Der Druck nahm zu, die Bauchdecke spannte. „Als hätte ich eine Blasenentzündung“, sagt sie. Fieber und Schüttelfrost kamen hinzu. Fünf Minuten später konnte sie vor Schmerzen kaum mehr stehen, krümmte sich am Boden. „Es war wie ein Hammer, der direkt in meine Niere schlägt“, sagt sie. „Schlimmer als beide Geburten zusammen.“ In Todesangst rief sie den Notarzt.

Der war in wenigen Minuten zur Stelle. Dem Notarzt war rasch klar: vermutlich eine Nierenkolik. Nicole Mühlmann bekam eine Infusion mit Schmerzmitteln. „Die mussten mich quasi betäuben“, erzählt sie. So stark waren die Schmerzen. Ihr Lebenspartner kam hinzu. „Er hatte Angst, ich könnte an Nierenversagen sterben“, erzählt die junge Frau.

Die Schmerzen waren schlimmer als bei einer Geburt

Strittmatter kennt solche dramatischen Situationen. „Eine Nierenkolik verursacht extremste Schmerzen“, sagt er. Ursache sind Steine, die meist in der Niere entstehen. Sie bilden sich aus löslichen Salzen, die auch beim Gesunden im Harn vorhanden sind. Ist die Konzentration zu hoch, können sie ausfallen und Kristalle bilden – Steine entstehen.

Zunächst sind diese nur so groß wie ein Reiskorn. Stecken viele davon in der Niere, spricht man auch von Nierengries. Doch lagern sich oft immer neue Schichten ab. Die Steine können so auch auf eine Größe von mehreren Zentimetern anwachsen. „Bei manchen Patienten ist das gesamte Nierenbecken voller Steine“, sagt Strittmatter. Doch selbst dann spürt der Patient oft lange nichts von den Kieseln, bemerkt vielleicht einmal ein Ziehen in der Nierengegend. „Oft werden die Steine nur zufällig entdeckt“, sagt Strittmatter. Etwa bei einer Ultraschalluntersuchung.

Doch sind sie eine tickende Bombe: Beginnt ein größerer Stein Richtung Blase zu wandern, bleibt er nicht selten im Harnleiter, der Verbindung von Niere und Blase, stecken. Es sticht und zieht krampfartig in der Flanke. Die Schmerzen kehren wellenartig wieder. „Der Harnleiter hat wie der Darm eine Peristaltik“, erklärt Strittmatter. Er zieht sich zusammen und entspannt sich wieder, um den Urin zu transportieren. Jedes Zusammenziehen verstärkt den Schmerz. Den Betroffenen ist zudem oft übel und sie müssen erbrechen.

Viel trinken und viel bewegen

An den Beschwerden lässt sich meist bereits erkennen, wo der Stein steckt: Zieht und drückt es seitlich in der Flanke und im Bereich des Oberbauches, sitzt er im oberen Harnleiter fest. Spürt der Patient ein Druckgefühl im Unterbauch, steckt der Stein weiter unten. „Die Schmerzen strahlen dann in die Genitalien und die Oberschenkel aus“, sagt Strittmatter. Da der Stein die Schleimhaut reizt, kann Blut im Urin sein. Doch ist die Menge nicht selten so gering, dass dies nur unter dem Mikroskop sichtbar ist.

Bei Nicole Mühlmann ließen die Schmerzen im Bauch vermuten, dass der Stein bereits weiter unten steckte. Die Ärzte untersuchten zudem sofort Blut und Urin. So kann man erkennen, ob ein Infekt vorliegt. Erhöhtes Kreatinin und Harnstoff weisen darauf hin, dass der Harn aus der Niere bereits länger nicht richtig abläuft. Genaues über die Lage und Größe, sogar die Zusammensetzung des Steins liefert eine spezielle Dual-Energy Computertomografie (CT) – in Großhadern Standard. Hilfreich ist die Bildgebung, die ohne Kontrastmittel auskommt, auch bei Steinen aus Harnsäure, die beim Röntgen unsichtbar bleiben. Sie lassen sich mit Medikamenten auflösen.

Die CT machte die Ursache von Nicole Mühlmanns Schmerzen rasch sichtbar: In ihrem Harnleiter steckte ein großer Nierenstein, ziemlich nah an der Blase. Dass er von selbst abgehen würde, war äußerst unwahrscheinlich. Eine Harnleiterschiene, ein spezieller Katheter, sorgte sofort dafür, dass der Urin wieder abfließen konnte. Doch war ein rascher Eingriff unumgänglich. Fünf Stunden später lag die junge Frau bereits im OP-Saal.

Um den Stein zu entfernen, nutzte Strittmatter ein spezielles Endoskop, Ureterorenoskop genannt. Verwendet der Urologe ein flexibles Gerät, kann er bei der Spiegelung über den Harnleiter bis in die Niere vordringen, um Steine im unteren Kelchanteil der Niere zu entfernen. Durch einen Kanal im Endoskop werden kleine Greifzangen oder Körbchen eingeführt, zudem ein Laser, um große Steine zu zertrümmern. Die Bruchstücke werden gepackt und herausgezogen. Die Patienten erhalten eine Vollnarkose.

Als Nicole Mühlmann erwachte, waren die Schmerzen weg. Eine Schiene hielt den gereizten Harnleiter weiterhin offen. Doch gab es ein Problem: Das CT zeigte drei weitere problematische Brocken. „In die Niere gehören keine Steine“, sagt Strittmatter. Auch die junge Frau wollte sie rasch loswerden. „Nie wieder so eine Qual“, sagt sie. Auch ist das Risiko, erneut eine Kolik zu erleiden, durchaus hoch. Wer einmal eine durchgemacht hat und nicht behandelt wird, erkrankt in der Hälfte der Fälle erneut.

Eine Woche nach der Kolik ließ Nicole Mühlmann die Steine entfernen. Die Schiene hatte den Harnleiter gedehnt. Nach dem Eingriff mit dem Endoskop konnte sie daher sofort entfernt werden. Als die junge Frau erwachte, konnte sie problemlos zur Toilette gehen. Keine Schmerzen, kein Brennen.

Mit nach Hause nimmt sie vor allem einen ärztlichen Rat: Viel trinken – und das gleichmäßig verteilt über den Tag. Zwei bis drei Liter täglich sollten es sein, am besten Mineralwasser und ungesüßte Tees. Im stressigen Alltag als Mutter von zwei kleinen Kindern habe sie das wohl öfter einfach vergessen, erzählt sie. „Ich werde mich jetzt daran halten.“ Eine Wasserflasche steht neben dem Bett. Sie greift danach – und nimmt einen Schluck.

Von Sonja Gibis

Der Experte

Dr. Frank Strittmatter leitet gemeinsam mit Dr. Yasemin Hocaoglu das „Steinteam“ an der Klinik und Poliklinik für Urologie in Großhadern, Klinikum der Universität München. Jeden Freitag von 11 bis 13 Uhr gibt es dort eine Steinsprechstunde.

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