Lösung für Impfstoff

Nasenspray gegen Corona: So wollen deutsche Forscher die Pandemie besiegen – aber es gibt einen Haken

Deutschland wartet auf einen Corona-Impfstoff. Die ersten soll es bald geben, helfen aber wohl bedingt. Ein Nasenspray soll die Pandemie besiegen. Das könnte dauern.

Hamm - Zum zweiten Mal ist Deutschland im Lockdown. Die Menschen haben zwar weitgehend Verständnis für die Maßnahmen der Politik im Kampf gegen das Coronavirus. Genervt und verzweifelt sind sie trotzdem. Daher dürfte die Sehnsucht nach mehr Normalität immens sein – und damit auch nach einem Corona-Impfstoff. Um alle Probleme zu lösen? (News zum Coronavirus)

Sars-CoV-2Medizinische Bezeichnung des Virus
Covid-19\tBezeichnung für die durch das Virus ausgelöste Krankheit
Coronaviren/CoronaBezeichnung für eine Familie von Erregern. Es gibt unterschiedliche Corona-Stämme

Auf den ersten Blick sind die Russen in dieser Hinsicht schneller als Deutschland. Sie haben bereits einen Corona-Impfstoff zugelassen – allerdings ohne das Testprogramm abzuschließen.

Corona-Impfstoff in Deutschland: Warum das Vorgehen der Russen kein Vorbild ist

„Bei einer Impfung muss man besonders darauf achten, dass niemand irgendwelchen Risiken ausgesetzt wird“, erklärt Ulrich Lauer, Leiter der Forschergruppe Virotherapie an der Medizinischen Klinik VIII der Universität Tübingen, im Gespräch mit wa.de: „Auch wenn es schnell gehen soll, müssen Standards eingehalten werden. Das wird in der westlichen Welt gemacht, in der östlichen dagegen vergleichsweise weniger.“

In Deutschland hingegen könnten in den kommenden Monaten erste Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen werden. So lange? Ist es gar nicht. Lauer betont: „Die Impfstoffe werden aktuell wahnsinnig schnell entwickelt.“ Da es sich um komplizierte biologische Prozesse handele, bedarf es ausreichender Qualitätskontrollen.

„Auf diese Herausforderung mit der Corona-Pandemie war die Welt nicht wirklich gut vorbereitet“, sagt Lauer. Nun seien viele Forscher innerhalb kürzester Zeit, seit März dieses Jahres, einer Zulassung nahe. „Normalerweise“, so Lauer, „dauert so eine Zulassung eines Impfstoffes drei bis vier Jahre – wenn nicht sogar noch länger.“

Corona-Impfstoff in Deutschland: Akzeptanz ist wichtig, um Herdenimmunität nicht zu gefährden

Es sei wichtig, dass durch Corona-Impfungen keine Schäden ausgelöst werden. „So sinkt die Impfakzeptanz“, gibt Lauer zu bedenken. Und wenn das geschieht, lassen sich weniger Menschen impfen. „Dann kommen wir nicht zu der Herdenimmunität, die wir so dringend brauchen“, erklärt Lauer.

Es sei allerdings auch zu einfach zu denken: Wenn der erste Impfstoff auf dem Markt ist, ist das Coronavirus, dessen Symptome sich kaum von denen einer Erkältung unterscheiden, direkt besiegt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterscheidet daher zwischen Impfstoffen erster und zweiter Generation.

Bei der ersten Generation gehe es zunächst darum, Corona-Impfstoffe so schnell wie möglich verfügbar zu machen, um Menschen zu schützen, damit sie möglichst nicht krank werden beziehungsweise nur in abgeschwächter Form. „Das ist die Silbermedaille“, sagt Lauer.

Corona-Impfstoff in Deutschland als Nasenspray: Forschung von Ulrich Lauer in Tübingen und München

Um die Corona-Pandemie endgültig in den Griff zu bekommen, bedarf es eines Corona-Impfstoffes der zweiten Generation. So einen, an dem Lauer mit seinem Team in Tübingen und München selbst forscht. Er peilt demnach – um bei dem Bild zu bleiben – die Goldmedaille an. „Ein Geimpfter soll dermaßen vor dem SARS-CoV-2-Virus geschützt sein, dass auch die Weitergabe der Infektion auf andere ausgeschlossen ist. Dieses Ziel wird mit der ersten Generation sicher erreicht.“

Ulrich Lauer, Leiter der Forschergruppe Virotherapie an der Medizinischen Klinik VIII der Universität Tübingen

Aber wieso? Die Corona-Impfstoffe der ersten Generation werden so entwickelt, dass sie intramuskulär verabreicht werden – also durch eine Flüssigkeit in einen Skelettmuskel mittels Spritze. „Dadurch ist der Geimpfte zwar geschützt, kann aber selbst noch ein Corona-Spreader sein“, erläutert Lauer.

Denn: Infektiöse Coronaviren gelange hauptsächlich über die oberen Atemwege in den menschlichen Körper. Dort vermehren sie sich schnell. Durch die intramuskulär injizierte Impfung wäre dieser Bereich also schlichtweg nicht geschützt. Daher forscht Lauer mit seinem Team an einer Corona-Impfung mittels Nasenspray.

Corona-Impfstoff in Deutschland mittels Nasenspray: Schutz der Schleimhäute als wichtiger Indikator

Virologe Christian Drosten merkte jüngst in einem täglichen Podcast von NDR Info an, dass es genau das sei, „was wir uns wünschen würden“: Impfstoffe, „die die Schleimhäute auch schützen“ und die „dort das spezielle Immunsystem mit stimulieren, sodass irgendwann jemand, wenn er eine ganze Ladung Virus in die Nase einatmet, gar nicht mehr infiziert wird“. So werde das Virus sofort in der Nase abgefangen und neutralisiert.

An der Universität Tübingen wird an einem Corona-Impfstoff als Nasenspray gearbeitet.

In der Praxis würde die nasale Impfung wie ein „normales“ Nasenspray verabreicht – zunächst einmalig in beide Nasenlöcher. Ob das ausreicht, sei noch nicht klar. Lauer erklärt: „In der Regel werden Impfstoffe ein- oder zweimalig – zum Beispiel im Abstand von drei bis vier Wochen – verabreicht. Das optimale Impf-Regime muss mittels der Ergebnisse klinischer Studien bestimmt werden.“

Das gilt auch für die Frage, ob die nasale Verabreichung des Corona-Impfstoffes einen umfassenden Schutz bietet „und ob zu einem späteren Zeitpunkt, etwa nach sechs oder zwölf Monaten, erneut geimpft werden muss“, so Lauer. Also so, wie es etwa bei der Influenza-Impfung der Fall sei, die aus anderen Gründen als beim Coronavirus jährlich durchgeführt werden müsse, erläutert der Experte.

Corona-Impfstoff in Deutschland als Nasenspray: Es geht auch im Nachhaltigkeit

Lauer betont, dass er und sein Team bei der Forschung des Corona-Nasensprays nachhaltig denken: „Sollten weitere Pandemien kommen, nehmen wir vom jeweiligen neuen Virus – im aktuellen Fall vom SARS-CoV-2-Coronavirus – ein Bruchstück heraus, das bei uns Menschen starke und breite Immun-Antworten auslöst. Dieses Bruchstück bauen wir dann in unsere speziell zur Pandemie-Bekämpfung vorgehaltene Vektor-Plattform ein, die aus einem für Menschen unschädlichem Impfvirus, dem sogenannten Sendai-Virus, besteht. Nach Verimpfung werden dann Antikörper gebildet, die die angreifenden Pandemie-Viren sofort neutralisieren und damit bereits in den Atemwegen unschädlich machen. Zusätzlich werden auch unsere Abwehrzellen spezifisch auf den Angreifer ausgerichtet.“

Derzeit fehlt es dem Projekt, bei dem auch die in Deutschland zum Teil weiterhin schwer vermittelbare Gentechnik zum Einsatz kommt, an Geldgebern. Für Lauer liegt dies (auch) daran, dass sich viele mögliche Investoren auf die Corona-Impfstoffe der ersten Generation beschränkt haben.

„Wir haben die richtigen Ideen und Patente“, sagt Lauer und ergänzt optimistisch: „Wenn das Geld in ausreichender Menge kommt, ist es ein Selbstläufer.“ Im „besten Fall“ rechnet Lauer dann mit einer Zulassung in etwa drei Jahren. „Das“, sagt er, „ist nichts, was sich über Nacht regeln lässt.“

Rubriklistenbild: © Berthold Steinhilber/Universität Tübingen

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