HIV muss kein Killer mehr sein

Berlin -Die Gesellschaft reagiert immer noch mit Schrecken auf HIV. Dabei muss das Virus längst kein Killer mehr sein. Am 22. Juli beginnt die Welt-Aids-Konferenz in Washington.

Stephan Gellrich ist HIV-positiv. Aber das ist für ihn nicht das Problem. Es sind die schrecklichen Bilder abgemagerter, sterbenskranker Aids-Kranker, die die Menschen mit HIV verbinden - immer noch. Es sind die Ärzte, die sich weigern, ihn zu behandeln. Es sind die Klischees. “HIV-positiv, da denkt man an Schwule, Prostituierte, Drogen. Wer will damit schon was zu tun haben“, sagt er ohne Umschweife. Im Gegensatz zur Gesellschaft habe sich die Medizin bei HIV weiterentwickelt. Dies wird auch ein Thema der Welt-Aids-Konferenz vom 22. bis 27. Juli in Washington sein.

Gellrich sitzt am Küchentisch seiner Wohnung im Kölner Stadtzentrum. Er spricht sehr offen. Das Thema ist für ihn durch. Eltern, Freunde, Arbeitgeber - sie alle wissen, dass er HIV-positiv ist. “Und wer will, kriegt das auch irgendwie im Internet raus“, sagt er. Unvermittelt streng ruft er seinen Hund Oscar zur Ordnung. Der Beagle frisst genüsslich an der Blumenpracht, die Gellrich und Partner auf dem Balkon pflegen.

Gellrich ist der lebende Gegenbeweis für das Bild vom siechenden HIV-Infizierten: Der 43-Jährige wirkt wie ein gesunder Mann. Und so fühlt er sich wohl auch. Vor zwei Jahren hat er eine zusätzliche Altersversicherung abgeschlossen. “Das setzt voraus, dass ich 65 werde.“ 65 - ein Perspektivwechsel. Als er die Diagnose “positiv“ bekam, dachte er nicht so weit: “Mal sehen, ob ich die 30 schaffe.“

Damals war er ein junger Kerl. 25 Jahre alt, in der Ausbildung - Großhandelskaufmann in einem familiären Betrieb. Er hatte Sex mit seinem Freund ohne Kondom. “Ich war verknallt, da denkt man nicht über alles nach“, sagt er und es klingt wertfrei. Keine Spur von Wut, kein Hadern. Dieser Freund hatte ihm geraten, den Test zu machen. Nach der Diagnose entschloss sich Gellrich, zu leben - wenn schon nicht lang, dann wenigstens intensiv.

Das HI-Virus zerstört das Immunsystem, Krankheitserreger können nicht mehr abgewehrt werden. Es war die Zeit, in der Azidothymidin (AZT) die einzige Hoffnung für Infizierte war. Das Mittel konnte den Krankheitsverlauf nur verlangsamen, allerdings bei erheblichen Nebenwirkungen und Schädigungen.

Der Kölner hatte Glück: Sein Immunstatus war lange Zeit überraschend gut. Er begann Jahre später mit der Therapie, als wirksamere und verträglichere Kombimedikamente auf den Markt kamen. In der antiretroviralen Therapie (ART) werden verschiedene Mittel in Kombination eingesetzt, um die Wirkung zu erhöhen.

Zweimal am Tag nimmt Gellrich eine Tablette, die die Viruslast bis unter die Nachweisgrenze gedrückt hat. “Ich bin noch immer HIV-positiv, aber ich mach kein Drama draus“, sagt er. Schließlich müssten Diabetiker oder Menschen mit Hepatitis auch Medikamente nehmen.

Trotzdem sollte man HIV nicht bagatellisieren, meint der Mediziner Christoph Mayr. Die Infektion sei gut behandelbar, aber unbehandelt sei sie schwer und tödlich, sagt der Vorstand der dagnä, des Zusammenschlusses der HIV-Ärzte in Deutschland. Durch die Medikamente kann das Virus bis unter die Nachweisgrenze gedrückt werden. Damit sinkt auch das Ansteckungsrisiko. “Wir sehen tatsächlich, dass die Übertragungsraten von HIV, seitdem es diese Dreierkombination gibt, deutlich zurückgegangen sind.“

Ein Großteil der Betroffenen lebt wie Gellrich ohne Beschwerden. Aber niemand kann sagen, wie lange das so bleibt. Tendenziell können Infizierte die gleiche Lebenserwartung haben wie Nicht-Infizierte. Aber es gibt Experten zufolge Hinweise, dass durch die lange Medikation Nebenwirkungen wie Osteoporose, Nierenprobleme oder Herzinfarkt früher auftreten können.

Oft sind es aber nicht die medizinischen Fragen, die die Infizierten belastet. Laut Aids-Hilfe sind Diskriminierung oder die Unsicherheit etwa am Arbeitsplatz oft die viel größeren Probleme.

Gellrich erzählt vom Besuch beim Orthopäden. Beim Ausfüllen eines Fragebogens hat er angegeben, dass er HIV-positiv ist. Er hielt es für sinnvoll. “Der Arzt hat mir die Behandlung verweigert - ein Orthopäde!“ schickt er verächtlich hinterher. Die Medizin hat sich entwickelt, die Gesellschaft nicht.

dpa

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