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Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung: Risiko höher als bisher vermutet

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Das Risiko einer Herzmuskelentzündung nach der Corona-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ist neuen Studien zufolge erhöht - insbesondere bei einem Geschlecht. 

Hamm - Das Risiko einer Herzmuskelentzündung ist nach einer Impfung gegen das Coronavirus höher als bislang gedacht - insbesondere bei einem Geschlecht. Betroffen ist vor allem das Vakzin von Moderna „Spikevax“, in etwas geringerem Maße auch „Corminaty“ von Biontech/Pfizer. Etliche Länder haben bereits darauf reagiert - Deutschland noch nicht.

Myokarditis (Herzmuskelentzündung)Erkrankung des Herzmuskels
Auslöserhäufig Viren
Symptomeunspezifisch; Müdigkeit, Schwäche , Atemnot, Herzrasen und Herzschmerzen
Komplette Heilungin 70 Prozent der Fälle; Langzeitfolgen können Herzrhythmusstörungen oder selten eine Herzinsuffizienz sein

Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung: Risiko höher als bisher vermutet

Der mRNA-Impfstoff des US-Herstellers Moderna wird seit Freitag (5. Dezmeber) in Island überhaupt nicht mehr eingesetzt. Das gab die Gesundheitsdirektion des Landes bekannt. In Finnland und Schweden soll das Vakzin vorerst nicht mehr an unter 30-jährige Männer verabreicht werden, in Norwegen und Dänemark nicht mehr an unter 18-jährige männliche Jugendliche. In Deutschland gibt es bei der Booster-Impfung mit Moderna ebenfalls Einschränkungen.

Laut der Studien sind es vor allem Männer und männliche Jugendliche, bei denen das Risiko einer Myokarditis, einer Herzmuskelentzündung, erhöht ist - auch wenn diese Komplikation weiterhin ein seltenes Ergebnis bleibt. Viele Bürger in Deutschland bekommen ihre Booster-Impfung jetzt mit einem mRNA-Impfstoff. Dabei gibt es Nebenwirkungen, die weit häufiger auftreten als eine Myokarditis.

In Großbritannien, Hongkong und Norwegen gibt es laut einem Bericht der „New York Times“ Überlegungen, auch den mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer bei Jugendlichen nur eingeschränkt zu verabreichen. Dann soll es nur noch eine Einzeldosis und keine Zweifachimpfung mehr geben.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert den Direktor des finnischen Gesundheitsinstitutes, Mika Salminen, wie folgt: Die „Nordic Study“ habe ergeben, dass unter 30-Jährige, mit „Spikevax“ geimpfte Männer ein leicht erhöhtes Risiko für eine Myokarditis hätten. Die Studie solle in einigen Wochen veröffentlicht werden und liege der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) bereits vor.

Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung: Kanada und Israel veröffentlichen Studien

Dass Moderna und mit Abstrichen Biontech/Pfizer betroffen sind, darauf deutet unter anderem eine im „New England Journal of Medicine“ publizierte Arbeit aus Israel hin. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Studien der kanadischen Gesundheitsbehörde Public Health Ontario und eben die noch nicht veröffentlichte „Nordic Study“.

Island hatte das Aussetzen des Moderna-Impfstoffs mit einer insgesamt beobachteten erhöhten Inzidenz von Myokarditis und Prikarditis (Herzbeutelentzündung) begründet.  In Island hatten Menschen, die mit dem Einmal-Dosis-Vakzin von Johnson & Johnson geimpft worden waren, eine zusätzliche Dosis ausschließlich des Moderna-Impfstoffs bekommen. Außerdem hatten ältere und immungeschwächte Menschen eine Booster-Impfung von Moderna erhalten.

Die Berichte aus Israel und Kanada kommen zu dem Ergebnis, dass Herzmuskelentzündungen nach einer Covid-Impfung mit einem mRNA-Vakzin zwar sehr selten auftreten, aber doch deutlich häufiger als normalerweise zu erwarten wäre. In den meisten Fällen - etwa 70 Prozent - kam es binnen weniger Tage nach der zweiten Dosis zu der Komplikation.

Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung: Unterschiede in Altersgruppen

Übereinstimmend ist demnach auch die Beobachtung, dass vor allem junge Menschen betroffen sind - junge Männer und männliche Jugendliche (zusammen etwa 80 Prozent der Fälle) weitaus stärker als Mädchen und junge Frauen. Woher die Geschlechter-Ungleichheit kommt, ist nicht bekannt.

Das Risiko einer Herzmuskelentzündung ist laut mehrerer Studien nach einer Corona-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff leicht erhöht - bei einem Geschlecht.
Das Risiko einer Herzmuskelentzündung ist laut mehrerer Studien nach einer Corona-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff leicht erhöht. © Ole Spata/dpa

In der israelischen Studie traten die meisten Fälle in der Altersgruppe von 16 bis 19 auf. Im Bericht aus Kanada zeigten sich die 18- bis 24-Jährigen am stärksten gefährdet. Allerdings lassen sich beide Studien nur bedingt vergleichen, da in Israel nur der Impfstoff von Biontech/Pfizer zum Einsatz kam. In der kanadischen Arbeit werden die Myokarditis-Risiken nach Corminaty und Spikevax vergleichend betrachtet.

Der Bericht von Public Health Ontario für den Zeitraum vom 13. Dezember 2020 bis zum 7. August 2021 erfasst demnach in der am stärksten betroffenen Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen für den Impfstoff von Moderna nach der zweiten Dosis 263,2 Fälle pro eine Million Dosen. Bei Biontech/Pfizer sind es 37,4 Fälle pro eine Million Dosen.

Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung: Ursache noch unklar

Die Studie aus Israel „Myocarditis after BNT162b2 mRNA Vaccine against Covid-19“ betrachtet von Dezember 2020 bis Mai 2021 einen Zeitraum, in dem rund fünf Millionen Menschen geimpft wurden. Das israelische Gesundheitsministerium erfasste in dieser Zeit 136 Fälle „von definitiver oder wahrscheinlicher Myokarditis“, die in Zusammenhang mit der Impfung stehen können. Das sei ein „mehr als doppelt so hohes Risiko wie bei ungeimpften Personen“, heißt es weiter. Etwa einer von 6637 männlichen Geimpften und eine von 99.853 weiblichen Geimpften im Alter zwischen 16 und 19 Jahren hätten „sicher oder wahrscheinlich“ eine Myokarditis innerhalb von 21 Tagen nach der zweiten Impfung entwickelt. In drei von vier Fällen soll die Herzmuskelentzündung mild verlaufen sein.

Warum der Impfstoff von Moderna in stärkerem Maße als der von Biontech/Pfizer zu Herzmuskelentzündungen führt, lässt sich erahnen, jedoch noch nicht belegen: Spikevax enthält 100 Mikrogramm mRNA pro Dosis, Corminaty 30 Mikrogramm. Weil beide Vakzine aber insgesamt nicht identisch zusammengesetzt sind, lässt es sich nicht so einfach vergleichen – auch wenn die Annahme, dass es mit der Menge zu tun hat, naheliegt. Auch Covid-19 selbst kann, ebenso wie eine Influenza, eine Myokarditis nach sich ziehen*. *wa.de und fr.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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