Impfstopp in Deutschland

Astrazeneca-Impfstoff: Berichte über Thrombosen - wie hoch ist das Risiko wirklich?

Deutschland stoppt die Corona-Impfungen mit dem Impfstoff Astrazeneca. Berichte über Thrombosen als Folgeschäden werden geprüft. Das sagen Experten zu dem Risiko.

Hamm - Die Impfungen gegen das Coronavirus mit dem Impfstoff des Pharmakonzerns Astrazeneca werden die Deutschland vorerst ausgesetzt. Grund für den Impf-Stopp sind nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Fälle von Thrombosen (Blutgerinnseln) der Hirnvenen, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung standen. (News zum Coronavirus)

LandDeutschland
HauptstadtBerlin
Einwohner83,02 Millionen (2019)
PräsidentFrank-Walter Steinmeier

Astrazeneca-Impfstoff: Berichte über Thrombosen - das sagen Experten zum Risiko

Die Nachricht kam beim aktuellen Impf-Tempo in Deutschland mehr als ungelegen. Jens Spahn trat kurz nach Bekanntgabe des Impf-Stopps von Astrazeneca vor die Presse, sprach von sieben in Deutschland gemeldeten Fällen, bei denen Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang zur Impfung mit Astrazeneca stehen würden.

Mittlerweile ist auch klar. Die sieben Fälle von Hirnerkrankungen betrafen Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren, wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) am Dienstag mitteilte. Sechs davon hätten eine sogenannte Sinusvenenthrombose gehabt, sämtlich Frauen in jüngerem bis mittlerem Alter. Ein weiterer Fall mit Hirnblutungen bei Mangel an Blutplättchen bei einem Mann sei medizinisch sehr vergleichbar gewesen. „Alle Fälle traten zwischen 4 und 16 Tagen nach der Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca auf“, hieß es. Drei der sieben Betroffenen seien gestorben. 

Zuvor hatten bereits mehrere Länder über ähnliche Fälle berichtet und einen Impfstopp verkündet. Der Verdacht auf schwere, ja sogar tödliche Nebenwirkungen wird das Vertrauen in den Impfstoff von Astrazeneca womöglich vollends zerstören. Doch wie hoch ist das Risiko wirklich?

Thrombosen durch Astrazeneca? Das sagt das Paul-Ehrlich-Institut zur Faktenlage

Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts geht es um eine auffällige Häufung sogenannter Sinusvenenthrombosen (Blutgerinnsel in einer Hirnvene) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Corona-Impfungen mit Astrazeneca

1,6 Millionen Menschen sind seit Anfang Februar in Deutschland mit Astrazeneca geimpft worden. Die sieben gemeldeten Fälle entsprächen somit etwa vier Fällen pro einer Million Geimpfte. Die Art der Thrombose ist selten, wird aber regelmäßig diagnostiziert. „Sinusvenenthrombosen treten etwa einmal pro 100.000 Einwohner und Jahr auf - das heißt, die jährliche Inzidenz liegt bei rund 1 auf 100.000“, erklärt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Neben wohl vor allem hormonell bedingten Fällen - etwa bei Einnahme der Antibaby-Pille - gebe es auch septische Sinusvenenthrombosen im Zusammenhang mit bakteriellen oder viralen Infektionen.

Astrazeneca-Impfstoff: Berichte über Thrombosen - das sagen Experten zum Risiko

Viele Experten halten eine Bewertung der Thrombose-Fälle aktuell noch für verfrüht. Impfstoffforscher Erik Leif Sander von der Charité Berlin hatte in der vergangenen Woche - vor dem Impfstopp in Deutschland - dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) gesagt, dass sich etwa in Großbritannien auch nach der Gabe von vielen Millionen Impfdosen des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca keine Häufung von „thrombotischen Ereignissen“ unter den Geimpften gezeigt habe. Er erwarte daher keinen Zusammenhang zwischen Corona-Impfung und Thrombosen, halte es aber dennoch für richtig, die Fälle zu überprüfen.

Von mehr Zufall als Ursache sprach zuletzt auch der Chefarzt der Infektiologie Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing. Noch gebe es auf wissenschaftlicher Faktenbasis keinen stichhaltigen Grund, an der Sicherheit des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca zu zweifeln.

Astrazeneca-Impfstoff: Berichte über Thrombosen - Lauterbach sieht Zusammenhang

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte die Bundesregierung für den Impf-Stopp scharf kritisiert und sprach von einem Fehler. Im ARD-Morgenmagazin sagte Lauterbach dann, dass sich die Fälle von Thrombosen der Hirnvenen „mit großer Wahrscheinlichkeit“ auf den Impfstoff von Astrazeneca zurückführen lassen.

„Das sieht man sonst in der Bevölkerung 50 Mal im ganzen Jahr in Deutschland“, sagte Lauterbach. Der Zusammenhang mache auch physiologisch Sinn. Trotzdem betont der Gesundheitsexperte, dass der Nutzen des Impfstoffes insbesondere bei den Älteren auf der aktuellen Grundlage überwiegen würde. In Abwägung mit der Thrombose, die „behandelbar ist, wenn auch schwer behandelbar ist gegen eine Erkrankung, die bei Älteren sehr, sehr häufig tödlich verläuft“, hätte er die Impfungen nicht ausgesetzt.

Astrazeneca-Impfstoff: Berichte über Thrombosen - „Vorteile der Impfung überwiegen“

So sehen es die meisten Experten in Deutschland. „Die Vorteile der Impfung überwiegen“, sagte etwa der Pandemie-Beauftragte des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München, Christoph Spinner. „Die Ereignisse sind sehr selten.“ Außerdem impfe Deutschland derzeit vor allem Menschen mit Vorerkrankungen. Diese Patienten hätten teils von vornherein ein gesteigertes Thromboembolie-Risiko. „Übrigens verursacht auch eine schwere Covid-19-Erkrankung regelhaft thromboembolische Ereignisse – alleine deshalb ist eine Impfung absolut sinnvoll“, so Spinner.

Der Pharmakonzern Astrazeneca selbst hatte die Zweifel an der Sicherheit des Corona-Impfstoffes zurückgewiesen. Impfdaten von mehr als 17 Millionen Geimpften in der EU und Großbritannien seien analysiert worden. Es gebe keine Belege für ein höheres Risiko für Lungenembolien, tiefe Venenthrombosen und Thrombozytopenie. (mit dpa-Material)

Rubriklistenbild: © Gustavo Valiente/dpa/SOPA Images via ZUMA Wire

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare