Institut der deutschen Wissenschaft (IW)

Tempolimit 130 unnötig? Experten mit erstaunlicher Erkenntnis

Die Politik diskutiert im Wahlkampf hitzig über ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen. Doch wie sinnvoll ist das überhaupt? (Symbolbild)
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Die Politik diskutiert im Wahlkampf hitzig über ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen. Doch wie sinnvoll ist das überhaupt? (Symbolbild)

Eines der heißesten Wahlkampfthemen vor der Bundestagswahl 2021 ist und bleibt das bundeseinheitliche Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Zu Recht?

Das Auto ist dem Deutschen heilig - zumindest wird das im Wahlkampf um die deutsche Bundestagswahl 2021 suggeriert, denn die Kanzlerkandidaten liefern sich immer wieder hitzige Debatten rund ums Thema Auto. Ein besonderes Streitthema ist dabei das Tempolimit. Die Frage: Soll in Zukunft auf allen deutschen Autobahnen eine Beschränkung auf 130 km/h gelten? Wie echo24.de* berichtet, haben sich jetzt Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) der Thematik angenommen.

Die Verkehrsexperten aus Köln haben sich gefragt: Inwiefern ist ein Tempolimit 130 überhaupt sinnvoll? Dazu haben die Wissenschaftler über einen Zeitraum von rund vier Monaten Daten von Autobahnzählstellen an Abschnitten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung in Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Dabei erfassten die IW-Experten rund 1,2 Milliarden Fahrten auf 1.762 Fahrstreifen - und das Ergebnis ist erstaunlich.

Tempolimit 130 km/h: Bundesweite Begrenzung auf Autobahnen sinnvoll?

Laut einer Mitteilung des Instituts der deutschen Wirtschaft fahren nämlich auch auf Abschnitten ohne Tempolimit rund 77 Prozent der Autofahrer langsamer als 130 Stundenkilometer - weitere zwölf Prozent fahren zwischen 130 und 140 km/h und nur weniger als zwei Prozent düsen mit über 160 Sachen über die Autobahnen. Bedeutet: Auch ohne gesetzliche Begrenzung heizen äußerst wenige Autofahrer hemmungslos über deutsche Straßen.

Sogar nachts, wenn die Straßen leer sind, lassen sich laut den Analysen der Kölner Verkehrsforscher nur wenige Autofahrer zu Geschwindigkeiten über 160 km/h hinreißen. Zwischen 22 Uhr und 4 Uhr fahren nur vier Prozent 160 Stundenkilometer oder schneller. Tagsüber zwischen 15 und 18 Uhr, wenn die meisten Autofahrer unterwegs sind, fährt sogar gerade mal ein Prozent der Fahrer schneller als 160. Ist ein generelles Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde also überhaupt sinnvoll?

Tempolimit 130 auf deutschen Autobahnen: Argumente dafür und dagegen

Das Hauptargument für Tempolimits war jahrelang die Unfallgefahr. Immer wieder sterben Menschen auf deutschen Straßen - auch auf der Autobahn A6 bei Bad Rappenau passieren immer wieder schwere Unfälle*. Doch laut den IW-Wissenschaftlern sind gerade die Autobahnen heutzutage die sichersten Straßen in Deutschland. Bedeutet konkret: Von 2.719 Verkehrstoten 2020 starben lediglich 317 Menschen auf der Autobahn. Diese Zahlen lesen sich sogar noch besser, wenn man bedenkt, dass etwa jeder dritte Kilometer in Deutschland auf der Autobahn gefahren wird.

Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW) mit Sitz in Köln und Büros in Berlin und Brüssel ist ein arbeitgebernahes Wirtschaftsforschungsinstitut.

Es wird von Verbänden und Unternehmen der Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie. Das IW erarbeitet Analysen und Stellungnahmen zu Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, des Bildungs- und Ausbildungssystems sowie der gesellschaftlichen Entwicklung.

Bleibt noch die Frage nach dem Klima-Aspekt. Immerhin schreibt das Umweltbundesamt (UBA) in einer aktuellen Veröffentlichung, langsameres Fahren leiste ohne bedeutende Mehrkosten einen Beitrag zum Klimaschutz. Außerdem würden, so das Umweltbundesamt, auch Lärm- und Schadstoffemissionen zurückgehen. Demnach könnte ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf Bundesautobahnen die Treibhausgasemissionen des Verkehrs jährlich bis zu 1,9 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Tempolimits in Deutschland - auch innerorts bald generelle Beschränkungen?

Das ist allerdings laut IW nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie die Forscher erklären, plant die Bundesregierung bis 2030 im Verkehr an die 80 Millionen Tonnen einzusparen. IW-Verkehrsökonom Thomas Puls erklärt hierzu, die Diskussion um das Tempolimit sei inzwischen ein halbes Jahrhundert alt. Die öffentlichen Erwartungen an die Wirkung einer solchen Regelung seien demnach „nach 50 Jahren Debatte deutlich überzogen“.

Dennoch wird sich das Streitthema Tempolimit wohl auch in Zukunft hartnäckig halten - und zwar nicht nur auf Autobahnen, sondern auch in Ortschaften. Unter anderem wollen mehrere Städte in Baden-Württemberg ein Pilotprojekt starten*. Im Zuge dessen sollen großflächige Tempo 30-Zonen entstehen. Großes Vorbild bei dem Projekt ist Frankreichs Hauptstadt Paris. Dort wird bereits seit Ende letzten Monats auf den meisten Straßen 30 gefahren. *echo24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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