Silberfuchs gegen Präriewolf

+
Jeep Grand Cherokee und Range Rover Vogue im direkten Vergleich

Der eine spricht amerikanisch, der andere reines Oxford-Englisch. Zwei Legenden und zwei Jubiläen: Seit etwas über 60 Jahren gibt es den Jeep, seit rund 40 Jahren rollt der Range Rover vom Band. Doch welcher ist besser?

Zum Test sind angetreten: Der Jeep Grand Cherokee mit 3,0-Liter Diesel-Antrieb und der Range Rover Vogue mit V-8-Motor. Präriewolf gegen Silberfuchs. Eines darf der Tester gleich am Anfang feststellen: Es hat Höllenspaß gemacht, diese Dinosaurier über Straße und Gelände zu lenken. Und um grüne Seelen gleich vorab zu beruhigen: Es ist anerkennenswert, wie gering der Durst solcher Autos heutzutage ist.

Range Rover Vogue

Vorbildliche Verarbeitung im Briten. Die virtuellen Akzente sind ein Genuss


MOTOR: Darf’s ein bisserl mehr sein? Ja, es darf. Schließlich bewegen wir mit dem Range Rover 4,4 TDV8 Vogue zwar britisches Understatement durch die Gegend, aber das, was unter der Motorhaube liegt, sieht man ja nicht. Also gibt es hier zwei Zylinder mehr als beim Jeep und auch die Motorgröße liegt um knapp 50 Prozent höher. Was bei den Fahrleistungen nicht unbedingt zu Buche schlägt. Mit 7,8 Sekunden von 0 auf 100 besteht zum Amerikaner nur ein geringer Abstand, doch Gemach: Das Drehmoment von 700 Nm verleiht das Gefühl im Besitz eines mittelprächtigen Pferdegutes zu sein. 313 PS – das reicht, um souverän auf Landstraße und Autobahn unterwegs zu sein. Denn in der Ruhe liegt hier die Kraft: Selten bewegten wir ein ruhigeres und robusteres Fahrgerät durch die Gegend als den Range Rover. Feine Schule eben. Verbrauch: Unter 10 Liter geht entgegen den Werksangaben nichts.

FAHRWERK: Komfortabel wie eine Sänfte, hoher Wohlfühl-Faktor. Wenn man die knapp 2,8 Tonnen über die

Lesen Sie mehr:

Jeep Cherokee: Ein Indianer wird Italiener

Schotter, Sand und Schlamm: Jeep Wrangler

Range Rover als Diesel-Hybrid

Cabrio für den Förster? Range Rover Evoque

Der neue Range Rover Evoque mit fünf Türen

Luxuslaster fürs Gelände

Autobahn scheucht, hat man das Gefühl, in einem holzgetäfelten Kolonial-Pub unterwegs zu sein. Der fliegende Engländer kommt mit einer einfühlsamen und dennoch straffen Luftfederung daher. Nachteil: Beim Preis ist das adaptive Dämpfersystem keine Nullnummer, sie kostet die „Kleinigkeit“ von 1320 Euro, und das bei einem Grundpreis, der im sechsstelligen Bereich liegt. Und damit schon im Oberhaus der Käuferschicht.

GELÄNDE: Soll man mit dem kleinen Lord wirklich ins Gelände? Sich schmutzig machen? Auch wenn es weh tut, wir haben es getan. Die gleichen Wege durch Feld und Wald wie beim Jeep. Der Range Rover weicht keinem Schlagloch aus, mit Vergnügen pflügt er durch schlammige Pfützen, und wir müssen feststellen, dass in dem Adligen auch ein kerniger Pferdeknecht und wahrer Klettermaxe steckt. Hart gefedert im Geländemodus, sitzt man trotzdem so bequem wie in einem Sofa und lässt das neblige Oberbayern an sich vorbeiziehen. Inselwetter, das können wir auch hier im Freistaat.

Range Rover Vogue

AUSSTATTUNG UND PREIS: Hier sind wir beim Pudels Kern. Warum Range Rover fahren? Und nicht Jeep? Den entsprechenden Geldbeutel vorausgesetzt (mit ein paar Extras liegt man beim Vogue schnell über 100 000 Euro), bietet der Brite einige technische Schmankerl. Abgesehen von der vorbildlichen Verarbeitung, ist die virtuelle Instrumentierung ein Genuss. Extraklasse ist jedoch das 5-Kamera-System, das einem das Auto sogar als Draufsicht mit Seitenblicken serviert. Die 1130 Euro dafür sind gut investiert. So richtig en vogue ist der Dual-View-Bildschirm: Der Fahrer bekommt die Navi-Infos, der Beifahrer den Fernsehfilm. 720 Euro Aufpreis sind nicht zu viel verlangt. Punktabzug gibt’s beim Touch-Screen. Nur so viel: Mit einer flüchtigen Berührung wie beim Smartphone ist es nicht getan.

WER PASST ZU DIESEM AUTO? Landlords & Ladys, natürlich. Alle, die Understatement, also die bewusste Untertreibung, schätzen, und dafür auch Geld in die Hand nehmen wollen. Und alle Romantiker: Rosamunde-Pilcher-Feeling auf vier Rädern!

Jeep Grand Cherokee

Schicke Bordcomputer sucht man im Amerikaner vergebens

MOTOR: Seitdem der Fiat-Konzern bei Chrysler und damit bei Jeep eingestiegen ist, gibt es für den Grand Cherokee jetzt auch vernünftige Diesel-Motoren. Den Dreiliter-V6, entwickelt von der Fiat-Tochter VM Motori, gibt es in zwei Varianten – mit 190 oder mit 241 Pferdestärken. Das Drehmoment liegt bei kernigen 550 Newtonmetern und zieht das Gefährt mit der unspektakulären Fünfstufen-Automatik wie ein wütender Ochse seinen Karren. Die Beschleunigungswerte liegen beim großen Aggregat bei 8,2 Sekunden. Anständig und völlig ausreichend für das Schleppen eines Anhängers, aber auch beim schnellen Antritt an der Ampel. Beim Verbrauch soll die Norm von 8,3 Litern erreicht werden, im Test wurden 9,5 daraus – recht anständig für ein knapp Fünf-Meter-Auto.

Jeep Grand Cherokee

FAHRWERK: Brettharte Blattfedern, das Gefühl eins zu sein mit der Karosserie und nach der Fahrt mit gestauchten Bandscheiben aussteigen – das Willys-Jeep-Feeling ist längst passé. Ein Jeep heißt ja jetzt SUV (Sports Utility Vehicle), muss die zahlreichen Knüppeldämme einer Großstadt meistern und soll deshalb auch bequem sein. Der Grand Cherokee macht da keine Ausnahme und damit eine ganze Reihe von Kompromissen. Im komfortablen Modus hat man daher das Gefühl die Kirsche auf dem Plumpudding zu sein. Im Vergleich zur Konkurrenz, beispielsweise der neuen M-Klasse von Mercedes, fühlt man sich da ein bisschen wie ein gestrandeter Walfisch auf einem Wasserbett.

GELÄNDE: In den Kiesgruben rund um München haben wir den Jeep nicht getestet. Das machen sicher auch die wenigsten Käufer. Wir wagten dagegen eine Ausfahrt auf die Schotter- und Schlammpisten zwischen Feldern und Wäldern. Und hier zeigt sich die große Stärke des Cherokee: Dank Quadra-Trac-II-Technologie fühlt sich der Allradler wohl auf Schlamm und Kies. Das Fahrwerk ist knackig-kernig, und man wünscht sich insgeheim in die Canyons des Mittleren Westens, um das Feeling voll auskosten zu können.

AUSSTATTUNG UND PREIS: Drei Varianten sind im Angebot: Laredo, Limited und Overland. Wobei es alle drei nur beim 3,6-V6-Benziner gibt. Der 190-PS-Diesel-Cherokee ist ausschließlich als Laredo erhältlich und kostet 42.300 Euro. Dafür fehlen so wichtige Accessoires wie Parksensoren, Auffahrwarnsystem und Toter-Winkel-Assistent. Am beliebtesten ist bei der Jeep-Klientel die Overland-Ausstattung. Einmal mit allem kostet allerdings beim 241-PS-Diesel schon 53 625 Euro. Mit Leder und Holz fühlt man sich dafür aber pretty american, also ziemlich amerikanisch. Wobei die Verarbeitung des Jeeps eher Made in Europe ist. Wenn es jetzt noch eine schicke Computer-Oberfläche nebst zeitgemäßer Navi-Optik gäbe …

WER PASST ZU DIESEM AUTO? Westeuropäische Westentaschen-Cowboys und natürlich auch echte. Jeder, der was zu Schleppen hat. Oder ganz einfach Menschen, die das Heimweh nach den Vereinigten Staaten plagt. Diesen Jeep zu fahren ist trotz südeuropäischem Einschlags immer noch so, als ob man ein paar Quadratmeter USA durch die Gegend bewegt. Und das ist great, really!

RDF

Schotter, Sand und Schlamm: Jeep Wrangler

Schotter, Sand und Schlamm: Jeep Wrangler

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare